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Italien und Corona: Heftige Debatte über umquartierte Schwerverbrecher
Aus Rendez-vous vom 08.05.2020.
abspielen. Laufzeit 03:59 Minuten.
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Hausarrest statt Gefängnis Heimurlaub für virusgefährdete Mafiosi schockiert Italiener

Hunderten alten Verbrechern verschafft die Coronakrise einen willkommenen Tapetenwechsel. Das löst heftige Kritik aus.

Für sie ist das Coronavirus ein Segen: Über 300 Mafiosi konnten in den letzten Wochen ihre Gefängnisse in Italien verlassen und sitzen nun im Hausarrest. Es handelt sich um alte, schwerkranke Mafiosi, die zur Hochrisikogruppe gehören und die laut den Richtern in den überfüllten Gefängnissen in grosser Gefahr wären.

Wir können uns doch keinen Staat erlauben, der sich den Bedürfnissen der Mafia unterwirft.
Autor: Giorgia MeloniOppositionspolitikerin

Auch Cataldo Franco gehört zu jenen kranken, betagten Mafiosi, die nun nicht mehr hinter Gittern, sondern hinter einem Stubenfenster im Hausarrest sitzen. Cataldo Franco bekam lebenslänglich, weil er mitgeholfen hatte einen Knaben zu entführen, zu töten und in Säure aufzulösen. Es war ein grausamer Rachemord unter Mafiosi.

Scharfe Kritik an der Regierung

Dass Cataldo und mehrere Hundert andere alte und kranke Mafiosi wegen des Coronavirus nun im Hausarrest sind, hat die italienischen Oppositionsparteien in helle Aufruhr versetzt. Zum Beispiel Georgia Meloni von den postfaschistischen Brüdern Italiens. «Wir können uns doch keinen Staat erlauben, der sich den Bedürfnissen der Mafia unterwirft», sagt die prominente Oppositionspolitikerin.

Georgia Meloni.
Legende: Die Vorsitzende der rechtsnationalen Partei Fratelli d’Italia findet das staatliche Vorgehen inakzeptabel. imago images

Aber auch aus der Regierung selbst wird Kritik laut: Müsse man kranke Mafiosi wirklich nach Hause schicken, von wo aus sie womöglich erneut Verbrechen organisierten und steuerten? Wäre es nicht möglich gewesen, sie kollektiv in einem leeren, virenfreien und gut bewachten Hotel unterzubringen, wo diese Mafiosi sicher und gleichzeitig unter Kontrolle gewesen wären?

Justizminister will sie bald zurückschicken

Bohrende Fragen an die Adresse von Justizminister Alfonso Bonafede. Der Politiker der Cinque Stelle versucht nun verzweifelt zurückzurudern: Er wolle diese Mafiosi nun schnell wieder in ihre Zellen zurückschicken, versprach er im Parlament. Ob das den Justizminister retten wird, ist fraglich. Zu gross ist die Empörung im Land.

Justizminister Alfonso Bonafede,
Legende: Justizminister Alfonso Bonafede vom Movimento Cinque Stelle will die Mafiosi bald wieder in der Zelle sehen. imago images

Wobei jene Bestimmungen, die die Heimkehr schwer kranker Häftlinge erlaubt, nicht von Bonafede stammt. Sie ist schon seit Jahren Teil des italienischen Rechts. Denn wegen der altbekannten schlimmen Zustände in italienischen Gefängnissen können Richter alte, besonders gefährdete Häftlinge in den Hausarrest versetzen.

Mafiajäger: «All das wäre vermeidbar gewesen»

Wollte man genau das verhindern, dann müsste Italien seine maroden Gefängnisse endlich sanieren. Das fordert Alfonso Sabella, einer der prominentesten Mafiajäger Italiens. Doch passiert sei nur sehr wenig. Italien habe sich nie wirklich angestrengt, die chronische Überbelegung seiner Gefängnisse anzugehen, sagt Sabella.

Italien hat nur sehr wenig getan, um die Überbelegung der Gefängnisse zu reduzieren.
Autor: Alfonso SabellaStaatsanwalt

Tatsächlich wurde Italien vor sieben Jahren vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Strassburg wegen der üblen Zustände in seinen Gefängnissen verurteilt. Hätten die italienischen Regierungen – links wie rechts – dieses Urteil ernst genommen und die Gefängnisse saniert, dann wären heute alte und kranke Mafiosi gar nicht in Gefahr.

Mann.
Legende: Staatsanwalt Alfonso Sabella kritisiert die Untätigkeit Italiens bei der Sanierung der Gefängnisse. imago images

«All das wäre doch vermeidbar gewesen», sagt Staatsanwalt Sabella. Doch jetzt herrscht zuerst einmal Empörung. Wenn sich diese erst einmal gelegt hat, wird man die schlimme Lage in den Gefängnissen wohl rasch wieder vergessen.

Rendez-vous, 08.05.2020, 12:30 Uhr

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10 Kommentare

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  • Kommentar von Alois Keller  (eyko)
    Die Pandemie ist der ideale Nährboden für die Mafia. Italien leidet wie kaum ein anderes Land unter der Corona-Krise. Und davon könnte ausgerechnet die Mafia am meisten profitieren. Die Clans stehen schon bereit, um sich am Stillstand des Landes zu bereichern und an der schweren Wirtschaftskrise, die darauf folgen wird. Wer hungrig ist, sucht Brot, egal aus welchem Ofen es stammt und wer es verteilt. Die Mafia hat sich im ganzen Land auch im Gesundheitswesen ausgebreitet hat. Povera Italia.
  • Kommentar von Peter Imber  (Wasserfall)
    Das ist ohne Wenn und Aber inakzeptabel! Bin fast sicher, dass wir von der Regierung nie darüber informiert werden, wie viele dieser aus den Gefängnissen in Hausarrest entlassenen Mafiosi bei der versuchten Rückführung in die Gefängnisse bis auf weiteres unauffindbar geblieben sind.
  • Kommentar von Margot Helmers  (Margot Helmers)
    Italien hatte in den letzten 75 Jahren 65 Regierungen. Was soll man mehr schreiben?