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Heirat ohne Liebe Chinas Brautkäufe aus Südostasien

Millionen von Chinesen finden in China keine Partnerin. Viele holen deshalb Kambodschanerinnen ins Land. Armut macht die Frauen zur leichten Beute.

Sorya, die eigentlich anders heisst, bricht in Tränen aus, als sie von ihrem alten Leben erzählt. Die 31-Jährige hat ihre beiden Kinder seit zwei Jahren nicht mehr gesehen. Sie sind in China geblieben, als Sorya ihren chinesischen Mann verlassen hat und in ihre Heimat Kambodscha zurückgekehrt ist. «Die Polizei hat mir gesagt, meine Kinder müssten bleiben, weil sie chinesische Staatsbürger sind. Man hat mir nicht erlaubt, sie mitzunehmen.» Doch Sorya wollte trotzdem weg – aus einem Land, das nie zu ihrem Zuhause geworden ist, aus einem Leben, das sie sich selbst nicht ausgesucht hat.

Ihre Kindheit verbrachte Sorya in einem Dorf in der Nähe der Hauptstadt Phnom Penh, in bitterer Armut. Als sie 19 Jahre alt war, bot ihr eine kambodschanische Frau an, nach China zu gehen, erzählt Sorya. Wenige Tage nach der Ankunft hat ihr die Vermittlerin einen Chinesen vorgestellt – ihren künftigen Mann.

In China gibt es viel mehr Männer als Frauen

Sorya ist eine von vielen Frauen aus Südostasien, die mit einem Chinesen verheiratet wurden. Laut Schätzungen könnten Hunderttausende Frauen betroffen sein – aus Ländern wie Kambodscha, Myanmar, Vietnam und Laos. Darunter sind Frauen, die den Zweck ihrer Reise kennen. Andere werden mit einem falschen Jobversprechen nach China gelockt oder gar verschleppt und zwangsverheiratet.

Dass chinesische Männer in Südostasien nach Frauen suchen, hat auch mit der früheren Ein-Kind-Politik zu tun. Zwischen 1979 und 2015 wurden Mädchen oftmals abgetrieben, weil männliche Nachkommen bevorzugt wurden. Die Folge heute: Es gibt viel mehr Männer als Frauen. 

Nicht alle Frauen wollen oder können zurück

In einem Bergdorf in der Provinz Jiangxi im Osten Chinas auf der Suche nach Soryas Mann und ihren Kindern: Ein Mann kennt das Haus, in dem sie früher gelebt hat. Es steht leer. Die Familie ist in die Stadt gezogen, wo die Kinder zur Schule gehen.

Älterer Mann vor Tor eines grauen Hauses.
Legende: Der ehemalige Nachbar von Sorya zeigt auf deren mittlerweile verlassenes Haus. SRF/Nicolas Axelrod

Gleich nebenan: Xi Lin, Soryas frühere kambodschanische Nachbarin. Auch sie hat hier einen Chinesen geheiratet. Auch sie möchte eigentlich zurück.

Das Dorf ist typisch für die Gegend: traditionell, überaltert, wenig Arbeit. Der Druck auf die Männer, eine Familie zu gründen und Nachkommen zu zeugen, ist riesig. In der Region sollen über 50 Frauen aus Kambodscha leben. Die Familien erhalten dafür eine Mitgift von mehreren tausend Franken.

Eine schwierige Rückkehr

Zurück in Kambodscha bei Sorya. Bei der Flucht aus China half ihr die Menschen­rechts­organisation ADHOC aus Phnom Penh.

Frau steht auf einer Fähre zwischen Fahrzeugen und schaut auf das Wasser.
Legende: Sorya flüchtete aus China in ihr Heimatland Kambodscha. SRF/Nicolas Axelrod

In der Heimat wieder anzukommen, sei meist nicht einfach, erzählt die Beauftragte für Frauen- und Kinderrechte, Ran Sreymoch: «Manche Frauen, die zurückkehren, leiden an Depressionen oder Gedächtnisverlust. Sie haben Geschlechtskrankheiten, Aids und psychische Erkrankungen – auch weil sie in China noch Kinder haben, die sie nicht mitnehmen konnten.»

Vantha, deren Name ebenfalls geändert wurde, ist seit zwei Jahren zurück in ihrem Dorf in Kambodscha. Als sie an einen Chinesen verkauft wurde, war sie gerade einmal 14 Jahre alt.

Doch sie hatte mehr Glück als Sorya. Als sie aus China flüchtete, war sie erst seit Kurzem schwanger. Ihre Tochter kam in Kambodscha auf die Welt.

Ihr chinesischer Mann wisse bis heute nichts von der gemeinsamen Tochter, sagt sie. Vantha will das alte Leben hinter sich lassen. Ihre heute zweijährige Tochter gibt ihr Kraft, ein neues Leben zu beginnen.

10 vor 10, 01.05.2026, 21:50 Uhr;flal

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