Chinas Geburtenrate ist auf den historischen Tiefstand von 5.68 Geburten auf 1000 Einwohnerinnen und Einwohner gesunken. Zum Vergleich: In der Schweiz lag sie 2024 bei 8.7 Geburten. Mögliche Gründe kennt SRF-Ostasienkorrespondent Samuel Emch.
Warum ist die Geburtenrate Chinas so tief?
Viele junge Chinesinnen und Chinesen schrecken die Kosten für Kinder ab. Hinzu kommt in vielen Fällen die Befürchtung, Kinder würden die persönliche Freiheit einschränken. So argumentieren auf jeden Fall viele Junge in China. Ausserdem harzt die chinesische Wirtschaft: Zwar beträgt das Wirtschaftswachstum für letztes Jahr offiziell fünf Prozent. Doch die Jugendarbeitslosigkeit ist deutlich angestiegen. In vielen Branchen sind die Löhne unter Druck, die Aussichten sind schlecht. Und so überlegen sich viele zweimal, ob sie Kinder haben wollen.
Warum ist es in China so teuer, Kinder aufzuziehen?
Das hat vor allem mit der Bildung zu tun. Viele Familien investieren viel Geld in die Ausbildung ihrer Kinder. Wer denkt, dass er diese Kosten nicht stemmen kann, verzichtet oftmals auf eigenen Nachwuchs. Ausserdem sind die Lebenskosten hoch mit Kindern, unter anderem, weil man eine grössere Wohnung braucht.
Was tut die Regierung in Peking gegen die tiefe Geburtenrate?
Sie hat letztes Jahr ein landesweites Kindergeld eingeführt, was einige Regionen Chinas schon seit Längerem praktizieren. Doch der Erfolg scheint bescheiden: Einzig im Jahr 2024, dem chinesischen Jahr des Drachens, war eine leichte Erholung bei der Geburtenrate zu sehen. Das hat damit zu tun, dass viele in China glauben, in einem solchen Jahr Geborene hätten ein besonders erfolgreiches und glückliches Leben vor sich. Im Übrigen: Auch andere Länder in Ostasien kämpfen gegen sinkende und tiefe Geburtenraten, so etwa Japan oder Südkorea. Auch sie finanzieren seit längerem Programme, um diesem Trend entgegenzuwirken – bisher aber ohne Erfolg.
Gibt es für die Kindermüdigkeit auch kulturelle Gründe?
Junge Chinesinnen sind immer besser ausgebildet. Sie wollen arbeiten und Karriere machen – und diese nicht für Kinder aufgeben. Es beginnt sogar noch einen Schritt vorher: Sie wollen nicht einmal mehr heiraten, um sich nicht dem Druck auszusetzen, dass sie jetzt doch Kinder haben müssen.
Was hat das alles mit der bis 2015 gültigen Ein-Kind-Politik zu tun?
Manche Studien kommen zum Schluss, dass die Ein-Kind-Politik Chinas bis heute Auswirkungen auf die Geburtenrate hat. Dieselben Studien sagen aber auch, dass soziale und ökonomische Faktoren noch stärker auf die Geburtenrate drücken: Jene, die heute Eltern werden, waren meist Einzelkinder. Sie kennen die Situation mit mehreren Kindern in einer Familie gar nicht.
Wie wird sich die Geburtenrate Chinas weiterentwickeln?
Die UNO hat vor einigen Jahren prognostiziert, dass sich die chinesische Bevölkerung bis Ende des Jahrhunderts mehr als halbiert. Das hätte massive Auswirkungen nicht nur auf die Wirtschaft: Es gibt immer weniger Einkommen, die besteuert werden können, und immer mehr Renten, die finanziert werden müssen. Gleichzeitig will China weiterhin die Fabrik der Welt sein. Wer diese Fabriken betreiben soll, bleibt angesichts dieser Aussichten aber unklar. Sicher ist: Roboter und künstliche Intelligenz werden eine immer wichtigere Rolle spielen. Schon heute hat kein Land so viele Industrieroboter in Betrieb wie China und kein Land baut die Roboterproduktion so schnell weiter aus wie die Volksrepublik.