Im Machtpoker um die Ukraine dreht sich vieles um Erdgas

Es ist eine komplizierte Dreiecksbeziehung zwischen Europa, der Ukraine und Russland: Die Ukraine deckt sich mit russischem Gas ein. Russland wiederum transportiert den Grossteil des Gases – das für den Verkauf in Europa bestimmt ist – durch die Ukraine. Was bedeutet dies für alle Beteiligten?

Erdgas-Pipelines in der Ukraine. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Um die Erdgas-Pipelines in der Ukraine gibt es ein Gerangel zwischen West und Ost. Keystone

SRF: Jonas Grätz, wie wahrscheinlich ist es, dass Russland der Ukraine wieder das Gas abdreht?

Im Moment glaube ich nicht, dass diese Wahrscheinlichkeit besonders gross ist. Es könnte natürlich dazu kommen, denn die Ukraine ist in Rückstand mit Zahlungen an Russland. Es geht um 1,6 Milliarden Dollar. Daher könnte es sein, dass die Erdgaslieferungen eingestellt werden – sollte sich die Situation verschärfen.

Was hiesse das für die Ukraine?

Das würde bedeuten, dass man Erdgas aus den Speichern im Westen des Landes beziehen müsste. Dort wird im Moment auch schon verstärkt Erdgas ausgeliefert, weil man sparen will. Man weiss: Die Staatskassen sind leer– die Rechnungen können nicht beglichen werden.

Praktisch sicher ist, dass Russland den Rabatt streicht, den es der Ukraine beim Gas gewährt hat. Das hiesse dann aber auch die Ukraine stolpert in den Bankrott?

Der Rabatt gilt seit Januar. Er wurde erst im Dezember ausgehandelt. Davor hat die Ukraine einen Preis gezahlt, der wesentlich höher war als derjenige für europäische Länder. Der Bankrott der Ukraine steht schon jetzt bevor, wenn es nicht bald Geldspritzen für die neue Regierung gibt – unabhängig von den Gaslieferungen Russlands.

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Zur Person

Jonas Grätz, Ukraine- und Russland-Spezialist von der ETH.

SRF

Jonas Grätz, Ukraine- und Russland-Spezialist an der Forschungsstelle für Sicherheitspolitik der ETH Zürich, ist spezialisiert auf Energiepolitik.

Wenn die Gasvorräte in der Ukraine aufgebraucht sind, könnten theoretisch die Europäer einspringen?

Die Ukraine fördert selber noch 40 Prozent Erdgas. Das Land hat auch noch Verträge mit westlichen Firmen zur Förderung von Schiefergas. Vor der Krim im Schwarzen Meer gibt es auch Vorkommen, die erschlossen werden könnten. Deshalb ist auch interessant, was sich dort in Zukunft abspielt. Lieferungen aus Westeuropa wären aber auch möglich. Damit wurde letztes Jahr bereits begonnen. Etwa sieben Prozent der Importe stammen aus der EU.

Die Pipelines durch die Ukraine könnten ja auch der anderen Seite ein Druckmittel in die Hand geben. Wie schmerzhaft wäre das für Russland wenn dieser Weg durch die Ukraine verschlossen wäre?

Russland baut diverse Umgehungspipelines – durch die Ostsee direkt nach Deutschland etwa. Damit versucht Russland die Ukraine als Transitland auszuschalten. 60 Prozent der russischen Erdgaslieferungen in die EU fliessen noch über die Ukraine. Darum wäre es schon schmerzhaft für Gazprom, den russischen Erdgaskonzern, weil er dann die Einnahmen aus den Exporten verlieren würde. Aber Erdöl generiert deutlich mehr Einnahmen als Erdgas. Erdgas macht etwa zwölf Prozent der russischen Exporteinnahmen aus, Erdöl über 50 Prozent. Deshalb würde es der Staat nicht so stark spüren.

Angenommen der Konflikt eskaliert weiter und es kommt kein Gas mehr von Russland durch die Ukraine. Was würde das für Westeuropa bedeuten?

Westeuropa ist momentan noch gut geschützt. Die Speicher sind über 60 Prozent gefüllt. Der Winter ist milde, die nächsten vier Monate kommen wir ohne die Lieferungen aus Russland aus.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Ukraine im Gastransit immer unwichtiger

    Aus Tagesschau vom 4.3.2014

    Europa und die Schweiz müssen wegen der Krim-Krise vorerst keine Engpässe in der Gasversorgung befürchten. Einerseits sind die Gasspeicher wegen des warmen Winters noch gut gefüllt; zudem gibt es immer mehr Alternativen zur Ukraine.