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«Impact Journalism Day» Aus Strassenkindern werden Touristenführer

Ein junger Zürcher gründet in Nairobi mit Jugendlichen aus den Slums ein neues Business. Statt im kriminellen Sumpf zu versinken, erarbeiten sich die jungen Menschen eine Zukunft.

Legende: Video Strassenkinder führen Touristen durch Nairobi abspielen. Laufzeit 06:58 Minuten.
Aus 10vor10 vom 15.06.2018.

Sie haben keinen Schulabschluss, sie haben keinen Beruf gelernt, sie sind aus Not kriminell. Mit diesen Jugendlichen aus dem Slum von Kenias Hauptstadt Nairobi hat der Zürcher Gianmarco Marinello eine Firma gegründet. «Es gibt in Nairobi eine ganze Generation von jungen Menschen, die keine Chance haben, eine geregelte Arbeitsstelle zu ergattern, obwohl sie faszinierende Fähigkeiten haben», sagt der 32-Jährige.

Die Strasse als Schule des Lebens

Marinello hat in Nairobi ein Nachdiplomstudium in sozialer Innovation absolviert und in den Slums geforscht. Am meisten benachteiligt sind ehemalige Strassenkinder, die oft die Schule abgebrochen haben. Im Gespräch mit diesen Jugendlichen hat er ihr Potential erkannt. «Wir schauten zu ihnen hoch, sie hatten so viel Lebenserfahrung und Fähigkeiten, die sie sich auf der Strasse erworben haben», erzählt Marinello.

So entstand die Geschäftsidee von «Nai Nami», Link öffnet in einem neuen Fenster. Es bedeutet so viel wie «Nairobi mit mir». Und genau darum geht es: Die Jugendlichen – alles ehemalige Strassenkinder – entwickelten Führungen für Touristen im Stadtzentrum, wo sie an den Schauplätzen ihre Lebensgeschichte erzählen.

Schonungslose Lebensgeschichten

Auf der dreistündigen Tour erfahren die Touristen, wie sie auf der Strasse endeten, wie sie als Strassenkinder in Downtown Nairobi gross geworden sind, wo sie übernachteten, bettelten, klauten und sonstige Erlebnisse gemacht haben. Sie bringen damit den Touristen die Stadt durch ihre Augen näher.

Jugendliche führen Touristen durch den Slum von Nairobi.
Legende: Die Jugendlichen arbeiten nun als Touristenführer am Ort ihrer Vergangenheit – dem Slum von Nairobi. SRF

«Wir machen keine Slum-Touren und stellen auch kein Elend zur Schau», betont Marinello. Es geht um einen Austausch, um eine persönliche Begegnung. Letzten Sommer sind sie gestartet und das Angebot kommt an. Rund 80 Gäste werden pro Monat durch die Stadt geführt. 28 Franken kostet die Tour, ein gemeinsames Essen ist jeweils inbegriffen.

Erstmals ein geregelter Job

Die Einnahmen reichen, um den Jugendlichen einen mittelständigen Lohn zu zahlen. Für sie ist es die erste permanente und geregelte Arbeitsstelle überhaupt. Drei der fünf Jugendlichen konnten dadurch bereits das Slum verlassen.

Wir wollen zeigen, dass auch diese Jugendlichen Erfolg haben können, wenn man auf ihre Stärken baut.
Autor: Gianmarco MarinelloMitgründer von «Nai Nami»

Er selber zahlt sich keinen Lohn aus, investiert sein Erspartes. «Wir müssen jetzt Mittel in Werbung und Marketing stecken.» Er glaubt, dass man in der Hochsaison 500 Gäste pro Monat begrüssen könnte. Und damit auch weiteren Jugendlichen eine Stelle und ein Einkommen ermöglichen kann.

Die Vision von «Nai Nami» ist, dass ihr Ansatz auch in anderen Städten angewendet wird. «Wir wollen zeigen, dass auch diese Jugendliche Erfolg haben können, wenn man auf ihre Stärken baut.»

Kissmart hat es aus dem Slum geschafft

Im Alter von fünf Jahren rannte Kissmart von Zuhause weg, da seine Mutter einen gewalttätigen Lebenspartner hatte. Dieser drohte ihn umzubringen. Er begann in der Stadt zu betteln und schloss sich im Alter von sieben einer Gang an. Wie die meisten Strassenkinder begann er Leim und Kerosin zu schnüffeln und handelte mit Drogen.

Das Elend in den Slums

  • Rund 900 Millionen Menschen leben weltweit in Slums.
  • Am höchsten ist der Anteil in Schwarzafrika: 56 Prozent der städtischen Bevölkerung lebt hier in Slums.
  • Die Menschen leben auf engstem Raum ohne Wasser im Haus, oft auch ohne Elektrizität. Besonders schwer haben es elternlose Kinder und Jugendliche.
  • Allein in der kenianischen Hauptstadt Nairobi leben 50’000 Strassenkinder. Diese Jugendlichen haben meistens keinen Schulabschluss und stranden oft in der Kriminalität.

Seine Tante nahm ihn für eine gewisse Zeit zu sich aufs Land, wo er die Primarschule abschliessen konnte. Danach ging er wieder nach Nairobi und überlebte durch Raubüberfälle und Entreissdiebstähle von Handys. Er lebt im Slum Mathare. Im Alter von 17 Jahren wurde sein bester Freund von der Polizei erschossen, woraufhin er zum Broker von gestohlener Ware wurde.

Ein regelmässiges Einkommen und eine Arbeit ändert alles: Man beginnt erst jetzt damit, sein Leben zu planen und sich Ziele zu setzen.
Autor: Kissmartehemaliges Strassenkind und Mitgründer von «Nai Nami»
Junger Mann gibt Interview
Legende: Dank «Nai Nami» konnte Kissmart aus den Slums ziehen. SRF

Kissmart ist einer der Mitbegründer von «Nai Nami». Die Arbeit ermöglicht ihm ein regelmässiges Einkommen. Er konnte jetzt aus dem Slum ziehen. «Ein regelmässiges Einkommen und eine Arbeit ändert alles: Man beginnt erst jetzt damit, sein Leben zu planen und sich Ziele zu setzen», schildert er im Interview mit SRF seine Veränderung.

«Impact Journalism Day»

  • Am 16. Juni findet der «Impact Journalism Day» statt. Rund 50 Medienhäuser auf der ganzen Welt stellen an diesem Tag Projekte vor, die einen Beitrag zur Lösung eines sozialen Problems leisten.
  • In der Deutschschweiz sind SRF und der «Tagesanzeiger» offizielle Medienpartner.
  • «10vor10» veröffentlicht in einer Sondersendung heute Abend ausschliesslich konstruktive Geschichten, die die Welt etwas besser machen. Es sind alles Projekte, welche die Zuschauerinnen und Zuschauer vorgeschlagen haben.

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6 Kommentare

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  • Kommentar von Stephan Roos (SR)
    Nächster Versuch eines Kommentares. Die Realität sieht leider anders aus. Touristenführer werden oft links liegen gelassen, da sie einem oft für Pseudo-Eintritte Geld abjagen oder Dir an idyllischem Ort plötzlich eine Waffe vor die Nase halten. Dieses Projekt macht die Welt besser? Klingt zu schön, um Nachhaltig zu sein.
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  • Kommentar von Alex Volkart (Lex18)
    Eine geniale Die, denn so erfahren vor allem Touristen mehr über das wirkliche Leben im Land.
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  • Kommentar von A. Keller (eyko)
    Touristenführer für den Anfang eine gute Idee. Diese Jugendliche brauchen mehr. Aus Jugendlichen werden Erwachsene. Mit Entwicklungshilfe und Spenden den Jugendlichen mehr Bildung beibringen. Ihnen helfen kleine handwerkliche Betriebe aufzubauen, wo sie mit der Zeit selbständig werden können und ihr Wissen weitergeben was Nairobi und anderen Jugendlichen aus den Slams weiterhelfen könnte. Freiwillige Ausbildner aus CH (evtl.Rentner) die gerne solche Projekte voranbringen und helfen wollen.
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