Indische Stadt Gurgaon boomt – wenn der Strom fliesst

Vom Bauerndorf zur Finanzmetropole – das war der Wandel, den die indische Ortschaft Gurgaon in den letzten zwanzig Jahren durchlebt hat. Die neue Finanzmetropole Nordindiens hat jedoch einen grossen Nachteil: Die staatliche Infrastruktur ist eine Katastrophe.

Acht gewaltige Generatoren heulen im Maschinenraum in einem Call Center in Gurgaon. Das ist das Reich von Saurabh Saxena. Er kontrolliert die Generatoren und andere Maschinen über eine digitale Kontrolltafel. «Strom ist ein grosses Problem in Gurgaon», erklärt Saxena. Im Sommer falle er täglich 8 bis 10 Mal aus, im Winter etwas weniger. «Dann springen unsere Generatoren ein. Bei Temperaturen von bis zu 48 Grad fressen die Klimaanlagen am meisten Strom.»

Strom, den die Regierung nur ungenügend liefert, genauso wie öffentliche Transportmittel oder eine funktionierende Kanalisation. Denn Gurgaons Bevölkerungszahl ist in den letzten 25 Jahren von ein paar Tausend auf 2.5 Millionen regelrecht explodiert.

Ein paar Stockwerke über dem Generatorenraum liegt Sanjit Singh Bals Büro. Er leitet die gesamte Logistik für das amerikanische Unternehmen, eines der grössten Call Center weltweit, das in Gurgaon 6000 Leute beschäftigt. Die Infrastruktur bringe ihn immer wieder zur Verzweiflung, sagt Singh Bal: «Der Verkehr ist das grösste Problem für uns. Es gibt keine öffentlichen Verkehrsmittel, so dass ich die Mitarbeiter täglich mit 700 Taxis von ihrem Wohnort hierher und zurück fahren lassen muss. Das macht pro Jahr vier Reisen zum Mond und zurück.» Wenn es regne, brauche man ein Boot, weil alle Strassen überflutet seien. Es gab und gebe keine Stadtplanung. «Die Regierung hat komplett versagt,» zieht Bal die vernichtende Bilanz.

«Masterplan für 2031»

Im Verwaltungsgebäude der Stadt türmen sich Aktenmappen in meterhohen Papierstapeln. Satya Prakash, einer der höchsten Regierungsbeamten, gibt sich zuversichtlich und spricht von einem Masterplan für die Zukunft. «Wir haben einen Masterplan für 2031, weil wir dachten, es sei besser für die Zukunft zu planen», erklärt Prakash. Vorgesehen sei ein Bussystem wie jenes in New York oder New Jersey. Dafür bräuchte die Stadt mindestens 300 Busse. Prakash hofft, sie bekämen diese in den nächsten paar Monaten.

Bis dahin setzt der Regierungsbeamte vor allem auf eine Zusammenarbeit des öffentlichen Dienstes und den Firmen. Firmen aber setzen auf andere Unternehmen. Jones Lang LaSalle, kurz JLL, heisst das amerikanische Immobiliendienstleistungsunternehmen, das in Indien für mehr als 150 Firmen den Transport der Mitarbeiter organisiert, ihre Cafeterien betreibt und garantiert, dass Klimaanlagen und Lüftungen funktionieren. Das staatliche Versagen hat ihr Geschäft beflügelt.

Moderne und Chaos

JLL-Indien-Chef Sandeep Sethi spricht von phänomenalen Wachstumszahlen, 30 Prozent jährlich. Outsourcing im Immobiliensektor sei – nicht wie beispielsweise die IT-Industrie – ein ziemlich neues Geschäft in Indien. Bislang arbeite JLL vor allem für multinationale Firmen. Das Problem sei, qualifizierte Arbeitskräfte zu finden. Das klingt ironisch in einem Land mit 1.2 Milliarden Menschen. Die Schwierigkeit ist jedoch, dass viele Inder nicht oder kaum ausgebildet sind.

Das, die schlechte Infrastruktur und die grossen bürokratischen Hürden sind weiterhin eine Hemmschwelle für viele ausländische Firmen in Indien zu geschäften. Das dämpft zwar den Profit, aber das Geschäft bleibt gut. Trotzdem ist Gurgaon heute ein Symbol für die Entwicklung Indiens – den Wirtschaftsboom, das Nebeneinander von Moderne und Chaos.

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