Die Sherpas im Basislager sind sich uneins. Sollen sie in dieser Saison überhaupt noch zahlende Touristen auf den Mount Everest begleiten?
Während einige aus emotionalen Gründen alle Vorhaben absagen wollen, seien andere entschlossen, nach einer einwöchigen Trauerzeit weiterzumachen, sagte ein Mitglied der nepalesischen Bergsteiger-Vereinigung, der sich im Basislager befindet. Bislang hätten die Männer keine gemeinsame Entscheidung gefällt.
Zahlreiche internationale Expeditionen hätten nun aber ihren Aufstieg abgebrochen, sagte der nepalesische Bergführer Karna Tamang aus dem Basislager. Etwa die Hälfte der Gruppen habe zusammen mit ihren lokalen Bergführern eine Entscheidung getroffen und packe zusammen. «Eigentlich wollten alle Sherpas absteigen, aber manche Firmen wollen das nicht.» Deswegen verhandelten die anderen
noch mit ihren Auftraggebern, erklärt Tamang.
Zuvor sagte Bergführer Tulsi Gurung, die Sherpas hätten beschlossen, «zu Ehren unserer gestorbenen Brüder unsere Bergtouren einzustellen. Weiterzugehen ist für uns unmöglich, währenddem noch drei unserer Freunde unter dem Schnee begraben sind», sagte Dorje, ein erfahrener Sherpa. «Ich kann mir nicht vorstellen, bei einem Aufstieg über sie zu klettern».
April und Mai ist Hauptsaison am Everest. Die meisten Versuche, den höchsten Gipfel der Erde zu erklimmen, werden Mitte Mai unternommen. Ohne die Hilfe der nepalesischen Sherpas wäre der Aufstieg für die allermeisten Expeditionen schier unmöglich, da die Sherpas die Routen anlegen, Sauerstoffflaschen tragen, Zelte aufbauen und kochen.
Für einen Aufstieg auf den Mount Everest zahlen Bergsteiger derzeit zwischen 22'000 und 60'000 Franken. Die Himalaya-Expeditionen gehören entsprechend zu den wichtigsten Einnahmequellen für das Land. Nach Informationen der Zeitung «Kantipur» bat das Tourismusministerium die Sherpas, die Touren wie geplant durchzuführen. Das Land verdient jährlich rund 3 Millionen Franken an dem Geschäft.
Staat kommt Forderungen entgegen
Doch nach dem bisher schlimmsten Lawinenunglück am Mount Everest mit vermutlich 16 Toten sind lokale Bergführer erzürnt. Die Regierung bot als Entschädigung für die Familien der Opfer 40'000 Rupien an – umgerechnet 360 Franken.
Die Sherpas fordern aber mehr. Sie haben mit Streik gedroht, sollte die Regierung ihre Unfall- und Lebensversicherungen nicht erhöhen und keinen Hilfsfonds errichten. Die Drohung hat offenbar gewirkt. Die Regierung in Kathmandu hat finanzielle Hilfen angekündigt. Mit einem Fonds soll Verletzten und Familien von Verstorbenen geholfen werden.
Verunglückte Sherpas erhalten bis zu 3600 Franken für medizinische Behandlungen. Zusätzlich sollen nepalesische Bergsteiger in Zukunft mit mehr als 13'000 Franken versichert werden. Das ist dreimal so viel wie bisher. Die Sherpas hatten allerdings rund 18'000 Franken verlangt.
Für die Zahlungen werde ein Teil des Geldes verwendet, das ausländische Bergsteiger an Gebühren zahlen müssen, liess das Tourismusministerium
verlauten. Der Fonds soll laut der Regierung jährlich mit 5 Prozent der Einnahmen durch die Everest-Gebühren gefüllt werden – doch die Bergführer forderten, ihn jährlich mit 30 Prozent der Einnahmen zu füllen.
Die nepalesische Bergsteiger-Vereinigung werde nun versuchen, die Unstimmigkeit zwischen den Sherpas und der Regierung zu schlichten. Denn ein totaler Boykott würde Nepal als Bergsteigerland längerfristig schädigen, befürchtet der Generalsekretär.