Der Panamakanal wird erneut zum Gradmesser des Welthandels. Diesmal sorgt die Krise im Nahen Osten für mehr Verkehr durch den Kanal. «Die globalen Lieferketten mussten neu organisiert werden», sagt Ökonom Lucho Morán, der an der Universität von Panama lehrt, gegenüber SRF.
«Die Krise in der Strasse von Hormus bringt Unsicherheit im Welthandel – und wird gleichzeitig zur Chance für den Panamakanal.» Der Kanal biete dabei Sicherheit in unsicheren Zeiten: «Er ist neutral und steht allen Nationen offen – unabhängig von Konflikten.»
Schnellere Durchfahrt, höherer Preis
Das spiegelt sich in den Zahlen wider: Im Januar passierten durchschnittlich 34 Schiffe pro Tag den Kanal, im März 37 und im April bis zu 41. «Vor allem bei Öltankern sowie Schiffen mit verflüssigtem Erdgas (LNG) oder Flüssiggas (LPG) sehen wir einen Anstieg», sagt Yumiko Casiano von der Kanalbehörde.
Sie beobachtet zudem eine Zunahme des Verkehrs zwischen der US-Ostküste und Asien. Dies deute darauf hin, dass Öl und Gas vermehrt aus den USA statt aus dem Nahen Osten bezogen würden, so Morán.
Unter Zeitdruck sind die Reedereien bereit, hohe Summen zu zahlen, um die Durchfahrt ihrer Schiffe zu beschleunigen. Ein extremes Beispiel: Der LPG-Tanker «Gas Virgo» zahlte Mitte April vier Millionen US-Dollar für eine bevorzugte Durchfahrt, zwei weitere Tanker rund 3 Millionen.
Die Kanalbehörde betont jedoch, sie habe die Preise nicht erhöht. «Der Kanal ist kein spekulatives System und handelt nicht nach Marktlaunen», sagte Administrator Ricaurte Vásquez an einer Pressekonferenz Ende April. Der Transit erfolgt über drei Systeme: langfristige Reservierungen, reguläre Buchungen und kurzfristige Auktionen, bei denen die Preise je nach Nachfrage stark variieren.
Es geht weniger um den Wert der Ladung als um den Zeitfaktor.
Der Durchschnittspreis bei der Auktion lag zuletzt bei rund 385'000 US-Dollar – deutlich höher als die rund 135'000 US-Dollar vor dem Konflikt im Nahen Osten. Bemerkenswert sei, dass selbst leere Schiffe bei den Auktionen mitböten und hohe Summen bezahlten, sagt Casiano: «Es geht weniger um den Wert der Ladung als um den Zeitfaktor.»
Fragile Lieferketten
Für Panama ist der Boom wirtschaftlich bedeutend, da ein grosser Teil des Staatshaushalts vom Kanal abhängt. Gleichzeitig zeigt die Entwicklung die Verwundbarkeit globaler Lieferketten. «Wir sind stark von kritischen Engpässen wie der Strasse von Hormus abhängig», so Ökonom Lucho Morán.
Der politische Analyst Rodrigo Noriega warnt in der aktuellen Situation vor neuen Herausforderungen: «Mehr Verkehr erhöht den Druck auf Infrastruktur und Wasserressourcen.» Der Panamakanal ist ein Süsswasserkanal, gespeist von einem künstlichen See, der zugleich die Trinkwasserversorgung für die Bevölkerung von Panama-Stadt sichert. Für dieses Jahr wird eine trockene El-Niño-Phase erwartet. «Dann müsste die Kapazität des Kanals reduziert werden», so Noriega. Bereits jetzt können die grössten Öltanker den Kanal nicht passieren, da er zu eng ist.