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Legende: Audio «Die Frauen müssen zurückgeholt und vor Gericht gestellt werden» abspielen. Laufzeit 11:51 Minuten.
Aus SRF 4 News aktuell vom 26.07.2019.
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IS-Frauen im Wüstenlager «Hier wird eine neue Terrorgeneration erzogen»

Die Journalistin Petra Ramsauer konnte das Lager al-Hol in Nordsyrien besuchen. Dort leben 70'000 IS-Anhänger, vor allem Frauen mit ihren Kindern. Ramsauer berichtet von schlimmen Zuständen – und davon, wie IS-Anhängerinnen ihre Kinder zu künftigen islamistischen Terroristen heranziehen.

Petra Ramsauer

Petra Ramsauer

Journalistin

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Die geborene Wienerin Petra Ramsauer, Link öffnet in einem neuen Fenster ist studierte Politikwissenschaftlerin und seit 15 Jahren als Ausland-Reporterin für diverse österreichische Medien tätig. Seit einigen Jahren berichtet sie vor allem aus Syrien und Irak.

SRF News: Was war Ihr erster Eindruck vom Lager al-Hol in der Region von al-Hasaka in Nordsyrien?

Petra Ramsauer: Es ist unvorstellbar heiss. Die Temperaturen in der Wüstengegend betragen bis zu 45 Grad. Entsprechend gross ist der Druck auf die Logistik-, Wasser- und Gesundheitsversorgung der mehr als 70'000 Bewohnerinnen und Bewohner des Lagers.

Mehr als 70'000 IS-Anhänger in al-Hol

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An einer Hauswand sitzen im Schatten Frauen und Kinder, davor ein Zaun mit Stacheldraht.

Das Lager al-Hol in der Region von Hasaka wird von Kurden verwaltet. Sie hatten das Gebiet im Nordosten Syriens an der Grenze zu Irak mit US-Luftunterstützung vom IS zurückerobert. Laut der UNO-Nothilfeorganisation OCHA, Link öffnet in einem neuen Fenster gelingt es den Kurden zusammen mit mehreren Dutzend Hilfsorganisationen nur unter grössten Anstrengungen, genügend Wasser und Lebensmittel heranzuschaffen sowie einigermassen eine medizinische Versorgung der insgesamt über 70'000 Personen – davon rund zehn Prozent Männer – sicherzustellen. Die UNO hat die Heimatstaaten der ebenfalls festgehaltenen 11'400 ausländischen Frauen und Kinder bereits mehrmals aufgefordert, diese zurückzuholen. Doch das Interesse dieser Länder ist gering, denn der Heimholung müssten auch gezielte und aufwendige Deradikalisierungsprogramme folgen.

Sie waren auch im so genannten Annex des Lagers, in dem 11'400 ausländische IS-Anhängerinnen mit ihren Kindern leben. Der Teil ist eingezäunt und wird von bewaffneten Kurdinnen bewacht. Was haben Sie dort gesehen?

Es war gerade Essensverteilung: Einmal pro Woche wird den Frauen Reis, Zucker, Speiseöl und ein bisschen Brot verteilt – sie erhalten nur das Allernotwendigste, den Rest müssen sie kaufen. Entsprechend hektisch war die Situation. Weil ich eine Kamera in der Hand hielt, ging eine Frau auf mich los.

Die Kinder befinden sich in einer Ambivalenz zwischen der alten IS-Ideologie und dem Erahnen, dass es auch eine ganz andere Welt gibt.

Ansprechen konnte ich die Frauen ohne Probleme, denn viele von ihnen stammen aus Frankreich, Deutschland oder Skandinavien. Doch die Gesprächsbereitschaft war gering: Ein Teil der Frauen wollte mit jemandem wie mir – einer Ungläubigen – nicht sprechen, der andere Teil der Frauen fühlte sich merklich von ersteren unter Druck gesetzt. Sie wagten gar nicht, mich anzusehen. Einfacher war der Kontakt mit Kindern. Sie begegneten mir mit einer für Kinder üblichen Neugier und Faszination – schwenkten plötzlich aber um in die klassische IS-Ideologie und beschimpften mich. Ich spürte sehr deutlich die Ambivalenz, in der sie sich befinden: zwischen der alten IS-Ideologie und dem Erahnen, dass es auch eine ganz andere Welt gibt.

Keine Schule – dafür radikalisiert

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Frauen und Kinder stehen im Lager an, ein Bub schaut in die Kamera.

Ein riesiges Problem im Lager al-Hol ist, dass die vielen Tausend Kinder dort nicht regelmässig zur Schule oder in den Kindergarten gehen. Viele von ihnen haben noch nie in ihrem Leben eine Schule von innen gesehen. Sie wurden vom IS vielleicht in eine Religionsschule gesteckt, dabei aber vor allem als Kämpfer indoktriniert und gedrillt. Dieser Indoktrination wird von den IS-Müttern im Lager jetzt fortgeführt. Zwar gibt es Versuche von Organisationen wie Unicef, im Lager Lernzonen zu errichten und ansatzweise eine psychosoziale Betreuung zu organisieren. Doch das erweist sich als überaus schwierig. Auch müssen Helferinnen das Lager aus Sicherheitsgründen immer wieder verlassen. (ramp)

Sie haben im geschützten Container dann doch mit fünf Frauen ein längeres Gespräch geführt. Was haben Sie erfahren?

Eine Deutsche und eine Österreicherin haben mir erzählt, dass sie sich von anderen Frauen massiv unter Druck gesetzt fühlen und in Todesangst leben. Im Annex-Bereich gebe es ein Klüngel an schwer indoktrinierten IS-Verfechterinnen, welche die Ideologie auf Biegen und Brechen weiterführen. Sie haben eine regelrechte Religionspolizei aufgebaut. Die Aussagen sind sehr glaubwürdig und sollten ernst genommen werden.

Besonders radikalisierte Frauen erziehen ihre Kinder zu einer neuen Terrorgeneration.

Es besteht die Gefahr, dass Frauen, die bereit sind, gegen den IS auszusagen, im Lager re-radikalisiert werden. Ein syrischer Journalist bestätigte mir später, dass es im Lager extrem radikalisierte Frauen gibt, die ihre Kinder zu einer neuen Terrorgeneration erziehen. Das sind laut Kennern keine Einzelfälle, sondern ist Teil einer grossen Indoktrinierung.

Zeltlager, einige scharz verhüllte Frauen auf einer Strasse.
Legende: In al-Hol leben insgesamt 70'000 Menschen, nur 10 Prozent von ihnen sind Männer. Reuters

Wie kann die schlimme Situation von schlechten Lebensbedingungen, Unsicherheit und Radikalisierung gelöst werden?

Die Frauen brauchen ordentliche Gerichtsverfahren. Es kann nicht sein, dass sie einfach in diesem Lager zurückgelassen werden, um sich weiter zu radikalisieren. So werden sie und ihre Kinder langfristig zu einem grossen Terrorproblem für Europa. Die Länder des Westens sollten sich jetzt darum kümmern, ihre Staatsbürgerinnen und die Kinder zurückzuholen und die Frauen gezielt vor Gericht zu stellen. Nur so lässt sich herausfinden, ob sie eine Gefahr darstellen und welche Deradikalisierungsmassnahmen notwendig sind.

Das Gespräch führte Antonia Moser.

Al-Bagdadi bis zum letzten Blutstropfen ergeben

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Frauen schwarz verhüllt, einige strecken den Zeigfinger in die Höhe.

Petra Ramsauer besuchte das Lager al-Hol für einen Nachmittag. Eigentlich hätte sie von der Lagerleitung nur die Bewilligung gehabt, in einem Container gleich beim Eingang mit ausgewählten Frauen zu sprechen. Weil gerade Essensverteilung war, habe sie sich jedoch «mehr oder weniger heimlich» im Lager weiterbewegen können. Dabei besuchte sie auch den bewachten Teil des Camps, in dem rund 11'400 «ausländische» IS-Anhängerinnen mit ihren Kindern leben. Bei ihnen gehen die Kurden, die das Lager betreiben, davon aus, dass sie besonders gefährlich sind: Sie hatten bis zuletzt im Rumpf-Kalifat in der Stadt Baghus rund 200 km südlich von al-Hol ausgeharrt. Viele von ihnen sind dem IS-Führer al-Bagdadi bis zum letzten Blutstropfen ergeben.

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20 Kommentare

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  • Kommentar von B. Moser  (moser.b)
    Es ist völlig falsch, jetzt die möglichen Täterinnen nach Europa zu holen. Dies wäre ja eine Belohnung, die in Syrien und Irak von vielen Menschen nicht verstanden würde! Die IS-Anhängerinnen müssen vor Gericht, aber vor lokale Gerichte, die sollen dort büssen, wo sie den Schaden angerichtet haben, dies ist für den Aufarbeitungsprozesse der lokalen Bevölkerung notwendig. Nach dem Verbüssen der Strafe dürfen Sie in CH zurückkommen und werden dann eingelocht weil sie Söldner waren.
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    1. Antwort von Claudia Beutler  (Claudia)
      Was wissen Sie, was die einheimische Bevölkerung für die Aufarbeitung braucht. Ständig ihre Feinde vor Augen wohl nicht. Ausserdem kommen diese Gefangenen von überall und nicht aus der Gegend wo sie sich jetzt aufhalten. Das ist eine faule Ausrede, um sie nicht hier her holen zu müssen.
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    2. Antwort von B. Moser  (moser.b)
      Wir schieben ja auch nicht nigerianische Drogendealer einfach ab. Sondern zuerst müssen sie die Strafe verbüssen in der CH und dann erst werden sie abgeschoben. Und genau so muss es auch bei denn IS-Anhängern laufen.
      Es darf nicht sein, das Leute nur weil sie Schweizer sind, in ein 5-Sterne-Knast kommen, dies wäre gegenüber der Gesellschaft vor Ort nicht fair! P.S. Diese könnte auch die Todesstrafe beinhalten. Dies wäre in den USA oder Japan auch so.
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    3. Antwort von Markus Baumann  (pierrotlunaire)
      @Beutler Was spricht gegen eine Aburteilung im Irak? Z.B. Albaner, die in der Schweiz ein Verbrechen begangen haben, werden auch in der Schweiz abgeurteilt und müssen/dürfen hier ihre Strafe absitzen.So viel ich weiss, schafft der „Tatort“ auch den „Ort der Aburteilung“.
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  • Kommentar von Sivan Delavar-Strauss  (ReformJew)
    Und die lassen einfach eine westliche Journalistin rein und das vom IS die bekannt sind Journalisten zu töten. Ja klar.
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  • Kommentar von Markus Baumann  (pierrotlunaire)
    Sind diese ideologisierten Frauen der lebende Beweis, dass Frauen ebenso radikal und lebensfeindlich sein können wie Männer? Dass Frauen mitnichten das „bessere Geschlecht“ sind? Mit welchen Mitteln soll man diese IS-Frauen wieder „in eine normale Gesellschaft“ zurückholen? Das Wort „resozialisieren“ bleibt bei diesen Hardcore-Fällen wohl heisse Luft.
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