Jüngst machte die israelische Armee Negativschlagzeilen mit Berichten über systematische Plünderungen durch Soldaten im Südlibanon, unter den Augen ihrer Kommandanten. Dazu kamen Fotos, die die Entweihung christlicher Symbole durch Soldaten zeigen. Das hatte eine Rüge von Armeechef Eyal Zamir zur Folge: Die Verfehlungen seien ein «moralischer Schandfleck für die ganze Truppe».
Keine Armee der Welt kann behaupten, sie sei moralischer als die anderen. Das ist primitive Propaganda.
Wie passt das zum Mythos, die israelischen Streitkräfte seien die «moralischste Armee der Welt»? Gar nicht, sagt der emeritierte israelische Philosophieprofessor Asa Kasher. Er hat Mitte der 90er-Jahre den ersten Ethikkodex der israelischen Armee mitverfasst.
Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit
Keine Armee der Welt könne behaupten, sie sei moralischer als die anderen, sagt Kasher. «Das ist primitive Propaganda. Es gibt keine wissenschaftlichen Studien, die solche selbstgefälligen Behauptungen rechtfertigen.»
Der 85-jährige Ethiker stellt der israelischen Armee Bestnoten aus, wenn es um die schriftlich festgehaltenen ethischen Standards geht. Im Gegensatz zu vergleichbaren westlichen Armeen nenne der Ethikkodex explizit die Unantastbarkeit menschlichen Lebens und die Zurückhaltung bei der Anwendung von Gewalt.
Doch Anspruch und Wirklichkeit klafften auseinander, sagt Kasher. «Es gibt zu viele Berichte über Fehlverhalten von Soldaten, um sie zu ignorieren.» Das gelte für den Südlibanon, Gaza und das Westjordanland. Er sieht die Verantwortung bei niederrangigen Kommandanten und bei den Soldaten.
Laschere Regeln für den Einsatz scharfer Munition
Eitan Rom hingegen blickt in der Befehlskette nach ganz oben. Ja, die Soldaten verhielten sich oft nicht korrekt. Das eigentliche Problem sei aber die Verschlechterung der Einsatzregeln ganz grundsätzlich, sagt Rom, stellvertretender Direktor von «Breaking the Silence», einer Veteranenorganisation.
«Plünderungen und Posts auf sozialen Medien sind schrecklich. Doch die Regeln für den Einsatz scharfer Munition und die Akzeptanz von zivilen Opfern fallen stärker ins Gewicht. Diese Entscheide kosten Menschenleben. Sie kommen vom Oberkommando der Armee und dem Kriegskabinett», so Rom.
Eine Besatzungsarmee kann gar nicht moralisch sein.
Deshalb kauft Eitan Rom es Armeechef Eyal Zamir nicht ganz ab, wenn dieser jetzt erst die Kommandanten in die Pflicht nimmt. Die Plünderungen im Südlibanon seien nichts Neues. Als Ähnliches im Gazastreifen passierte, habe das Oberkommando entschieden, nicht einzugreifen.
Wie Kasher findet auch Rom die Aussage absurd, dass die israelische Armee die moralischste der Welt sei. Doch der Aktivist sieht auch ein grundsätzliches Problem: Eine Besatzungsarmee könne gar nicht moralisch sein, denn sie stehe einer zivilen Bevölkerung gegenüber, keinem militärischen Feind. «Der einzige Weg, diese Tatsache zu ändern, ist ein Ende der Besetzung. Es ist unmöglich, eine Zivilbevölkerung auf moralische Art und Weise mit Gewehren zu kontrollieren.»