Der israelische Historiker und Holocaust-Forscher Omer Bartov erzählt in Interviews oft von seinem Einsatz im Gazastreifen als Mitglied einer Kampfeinheit der israelischen Armee. Schon damals sei Gaza ein Ort der Hoffnungslosigkeit gewesen, ein Ort der Trauer. Das war Mitte der 1970er Jahre.
Unterdessen ist die Bevölkerung im Gazastreifen auf über zwei Millionen Menschen angewachsen. Und das Gebiet, das sie bewohnen dürfen, ist massiv geschrumpft. Nach der Waffenruhe mit der Hamas im vergangenen Oktober kontrollierte die israelische Armee 53 Prozent des Gazastreifens.
Eine sogenannte gelbe Linie trennte das israelisch besetzte Gebiet vom Rest ab. Laut dem 20-Punkte-Plan von US-Präsident Donald Trump sollte sich die Armee jedoch nach und nach in Richtung Israel zurückziehen und die Hamas ihre Waffen abgeben.
Leben zwischen Trümmern und Ratten
Nichts davon ist bisher passiert. Die Hamas gibt die Waffen nicht ab. Und die israelische Armee hat ihre gelbe Linie tiefer in den Gazastreifen verschoben. Nach Angaben von israelischen NGOs kontrolliert Israel inzwischen 60 Prozent des Gazastreifens.
In den restlichen 40 Prozent leben die meisten Menschen in überfüllten Zeltlagern, inmitten von Trümmern und Ratten. Wer die gelbe Linie, deren exakter Verlauf nicht bekannt ist, überschreitet, riskiert, von israelischen Soldaten erschossen zu werden.
Und es gibt eine neue gelbe Linie: im Süden Libanons. Wie in Gaza zerstört Israel auch dort Dörfer und tötet Tag für Tag Menschen, trotz Waffenruhe. Im besetzten Westjordanland wiederum gehen radikale Siedler mit Gewalt gegen palästinensische Dorfbewohner und Beduinen vor.
Bis in die politische Mitte Israels werden diese Gewalttäter inzwischen als jüdische Terroristen bezeichnet. Doch Armee und Regierung unternehmen wenig, um sie unter Kontrolle zu bringen.
Wohin wird das alles führen? Zu mehr Sicherheit für Israel – oder zu zunehmender politischer Isolation? Israels Verhalten im Gazastreifen, dem Westjordanland und Libanon stösst zunehmend auf Unverständnis und Unmut.
Auch in der jüdischen Diaspora und in den traditionell sehr Israel-freundlichen USA. Und zwar nicht nur unter Linken, sondern auch bei Republikanern.
Verantwortung der Verbündeten
Israelische Menschenrechtsorganisationen mahnen, befreundete Regierungen in Europa und den USA müssten Israel in die Schranken weisen, zu dessen eigenem Schutz. Nur so habe Israel im Nahen Osten langfristig eine Zukunft: Als Nachbar, nicht als gefürchteter, ja verhasster Hegemon. Israel sei nicht sicher, solange es keine umfassende politische Lösung der Konflikte gebe.
Vor über fünfzig Jahren gelangte der israelische Historiker Omer Bartov als junger Soldat in den besetzten Gebieten zur Einsicht, dass die Besatzung die Besatzer, also die Israeli, moralisch und politisch korrumpiere. Das führe zu einer Brutalisierung, auch der israelischen Gesellschaft.
Den Preis für die Besatzung und für die Untätigkeit von Israels Verbündeten bezahlen demnach nicht nur die Palästinenserinnen und Libanesen. Sondern auch die Israeli selber.