Die italienische Öffentlichkeit und die italienischen Medien funktionieren anders als jene der Schweiz. Das zeigte etwa die Brandkatastrophe von Crans-Montana. Wochenlang haben die italienischen Medien mit Liveschaltungen aus dem Wallis berichtet, weit mehr als jene der Schweiz oder anderer Länder. Diese italienische Eigenheit, Unglücksfälle und Verbrechen breit abzuhandeln, lässt sich derzeit auch bei einem anderen Fall beobachten: beim Mordfall Garlasco. Er liegt rund zwanzig Jahre zurück. Doch die italienischen Medien berichten fast täglich darüber. Was dahintersteckt, weiss Italienkorrespondent Franco Battel.
Worum geht es im Fall Garlasco?
In Garlasco – das ist ein Dorf südlich von Mailand – wurde vor fast zwanzig Jahren eine junge Frau wahrscheinlich mit einem Hammer ermordet. In einem langen Indizienprozess sprach man schliesslich ihren «fidanzato», ihren Freund, schuldig. Er verbüsst seine Strafe noch heute. Doch es gibt Zweifel: Ist nicht doch ein anderer Bekannter des Opfers der Mörder? Handelt es sich also um ein tragisches Fehlurteil? Derzeit rollt die Justiz den Fall neu auf.
Wie oft berichten italienische Medien darüber?
Italien verfolgt das Aufrollen des Falls Millimeter um Millimeter. Fast täglich gibt es Liveschaltungen vor das Einfamilienhaus, in dessen Keller die junge Frau 2007 erschlagen wurde. Seit Monaten, ja schon seit Jahren füllt dieser tragische Fall Zeitungen und Sendungen. Allein letzten Freitag waren diesem Mord sechs der insgesamt dreissig Minuten der Haupttagesschau auf Rai Uno gewidmet.
Was steckt hinter dieser Faszination?
Roberto Saviano, Mafia-Experte und Schriftsteller aus Neapel, lieferte jüngst in einem Artikel Antworten: Italien drücke sich vor den wahren Problemen. Die Obsession für Revolvergeschichten lenke ab von noch viel Schlimmerem. Zum Beispiel von Cutro. Vor diesem Küstenort in Kalabrien ertranken vor drei Jahren 94 Menschen, 35 von ihnen Minderjährige. Italiens Küstenwache war zwar alarmiert worden, schickte aber kein Rettungsschiff los. Die Verantwortlichen stehen derzeit vor Gericht. Doch für diesen Fall interessieren sich Italiens Medien kaum.
Gibt es noch andere Erklärungen?
Der «Cold Case» von Garlasco ist konsumierbar. Man zieht ihn rein wie einen Krimi und knabbert dazu Salznüsse und Chips. Vielleicht hängt die Lust auf eine gute Portion Unglück und Verbrechen in den News auch damit zusammen, dass Italien – anders als etwa Deutschland – keine populären Krimiserien hat, weder «Tatort» noch «Derrick», und auch kein «Aktenzeichen XY … ungelöst». Aber es gibt Garlasco, wie eine Soap auf Netflix. Jeden Tag gehts bei den Ermittlungen zu diesem Verbrechen ein kleines Stück vorwärts oder rückwärts – oder man dreht sich im Kreis.