Geächtet und verhaftet Jagd auf Homosexuelle in Tschetschenien

In Tschetschenien steht Homosexualität unter Strafe. Dennoch überrascht die jüngste Verhaftungswelle. Ekaterina Sokiarinskaja von der «International Crisis Group» untersucht die Vorfälle.

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Jagd auf Homosexuelle in Tschetschenien

In Tschetschenien wird Homosexualität als Abnormalität verstanden. Sexuelle Minderheiten haben keine Rechte – sie werden sogar verfolgt. Medienberichten zufolge wurden in den letzten Wochen mehr als 100 Homosexuelle verhaftet. Mindestens drei Menschen sollen während der Haft gestorben sein.

SRF News: Es sei eine regelrechte Verhaftungswelle durch das Land gegangen, heisst es. Welche Informationen haben Sie?

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Ekaterina Sokirianskaia

Ekaterina Sokirianskaia

Ekaterina Sokirianskaia ist Kaukasus-Expertin bei der Nichtregierungs-Organisation «International Crisis Group». Sie beobachtet die Situation in Tschetschenien intensiv.

Ekaterina Sokiarinskaja: Ich habe Informationen von verschiedenen Quellen in Tschetschenien erhalten. Unabhängig voneinander sagen alle, mehrere homosexuelle Personen seien festgenommen worden. Es gibt also eine Welle an Verhaftungen von Homosexuellen und Gewalt gegen Schwule in der tschetschenischen Republik.

Was könnte der Auslöser für diese Welle sein?

Mehrere Menschenrechtsorganisationen – auch wir – untersuchen den Hintergrund. Die russische Zeitung «Nova Gazeta» zieht eine Verbindung zu den Plänen von Homosexuellen-Gruppen, die in den nordkaukasischen Republiken Gay-Pride-Paraden durchführen wollen. Es gab aber keine Pläne, in Tschetschenien selbst solche zu organisieren. Das Regime ist sehr autoritär. Es ist unmöglich, Demonstrationen zu sozialen Themen durchzuführen. Im Moment verfüge ich über keine gesicherten Informationen, ob es eine koordinierte Strategie gegen Homosexuelle gibt. Wir erhalten laufend neue Informationen und prüfen diese. In den nächsten Tagen erfahren wir mehr. Aber es ist zu früh, um Schlüsse zu ziehen.

«  Das tschetschenische Regime ist sehr autoritär. Es ist unmöglich, Demonstrationen zu sozialen Themen durchzuführen. »

Da Homosexuelle verfolgt werden, geben sie sich kaum zu erkennen. Woher wussten die Behörden, wer welche sexuelle Orientierung hat?

Die Verhafteten konnten möglicherweise über geschlossene Social-Media-Gruppen oder über Apps auf Mobiltelefonen identifiziert werden. Laut den Informationen, die wir von den Opfern erhalten, haben die Behörden die geschlossenen Gruppen infiltrieren können. Es gibt nicht eine eigentliche Gay-Community in Tschetschenien. Aber es gibt kleine Gruppen, die miteinander im Geheimen kommunizieren. Es scheint, dass die Behörden Mitglieder dieser kleinen Gruppen unter Druck setzen konnten, um andere Mitglieder zu verraten. Die Behörden scheinen auch Informationen von Wohnungsanbietern zu erhalten – etwa wer für eine Nacht ein Zimmer gemietet hat. Oder Verhaftete mussten die Kontakte und Verbindungen auf ihren Mobiltelefonen preisgeben. Heute habe ich auch Informationen erhalten, dass Personen, die nicht homosexuell sind, verhaftet wurden und angeschuldigt werden. Jetzt müssen ihre Familien grosse Summen auftreiben, um sie freizubekommen.

«  Verhaftete mussten die Kontakte und Verbindungen auf ihren Mobiltelefonen preisgeben. »

Die Behörden dementieren die Verhaftungswelle. Man könne niemanden wegen etwas verhaften, das es in Tschetschenien gar nicht gebe...

In den letzten zwei Tagen gab es unglaubliche Aussagen von tschetschenischen Offiziellen und auch von nicht-staatlichen Vertretern. Sie sagten, Homosexualität sei schlimmer als Krieg. Homosexualität sei eine unmenschliche Perversion. Homosexuelle müssten neutralisiert werden. Solche Aussagen zeigen, wie gross die Anfeindung ist. Es herrscht ein System der Gewalt und ein Klima der Einschüchterung. Weil Homosexuelle ihren Lebensstil geheim halten, haben sie oft Familien. Sie sind verheiratet, und sie haben Kinder. Das macht eine Flucht schwieriger. Viele Betroffene erleben immer wieder Gewalt und Erniedrigung. Und trotzdem können sie nicht einfach an einen sicheren Ort oder ins Ausland gehen.

Das Gespräch führte Nicoletta Cimmino.