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Die Kriegsreportage wird immer gefährlicher
Aus SRF 4 News aktuell vom 09.10.2020.
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Journalistin im Interview Kriegsreporterin: «Ich mache immer einen Bremstest»

Die Österreicherin Petra Ramsauer hört als Kriegsreporterin auf. Über ihre Gründe spricht sie im Interview.

Petra Ramsauer

Petra Ramsauer

Journalistin

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Die geborene Wienerin Petra Ramsauer, Link öffnet in einem neuen Fenster ist studierte Politikwissenschaftlerin und seit vielen Jahren als Ausland-Reporterin für diverse österreichische Medien tätig. Seit einigen Jahren berichtet sie vor allem aus Syrien und Irak.

SRF News: Wieso hängen Sie Ihren Job als Kriegsreporterin an den Nagel?

Petra Ramsauer: Die Reisen wurden immer gefährlicher – und damit teurer, weil man mehr in die Sicherheit investieren muss. Zudem wurden die Honorare und die Spesenvergütungen immer geringer.

Inwiefern wurde Ihre Arbeit in Kriegsgebieten immer gefährlicher?

Als ich 1999 in Kosovo unterwegs war, war meine ganze Ausrüstung, Kleider, Auto etc. gross mit «Press» und «TV» beschriftet. Heute ist meine grösste Sorge in einem Krisengebiet, dass jemand merken könnte, dass ich als Journalistin unterwegs bin. Früher waren wir Journalisten bloss stille Beobachter, die höchstens durch eine unabsichtlich fehlgeleitete Bombe gefährdet waren. Doch inzwischen sind die Journalisten regelrecht zu Zielen der Kriegführenden geworden. Das hat unsere Arbeit massiv verändert.

Mehr als 20 Jahre Kriegsreporterin

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Mehr als 20 Jahre Kriegsreporterin
Legende: Imago

Die Österreicherin Petra Ramsauer war mehr als 20 Jahre lang als Kriegsreporterin unterwegs. Sie berichtete über Bürgerkriege und Revolutionen auf dem Balkan, im Nahen Osten oder Afrika. Jetzt hört sie auf und hat über ihre Jahre in den Krisengebieten ein Buch geschrieben: «Angst». , Link öffnet in einem neuen Fenster«Ich habe viele lebensgefährliche Momente erlebt, in denen mir das Glück zur Seite stand», sagt sie. «Fast ein Vierteljahrhundert ging alles gut. Doch jetzt möchte ich gerne etwas anderes machen.»

Sie beschreiben eine gefährliche Szene aus dem Jahr 2013 im nordsyrischen Aleppo. Was geschah dort?

Fakt ist, dass mein Kollege Steven Sotloff damals von Anhängern des «Islamischen Staats» entführt und schliesslich ermordet wurde. Laut meinen örtlichen Kontakten soll Sotloff mein Auto genommen haben, nachdem dessen Fahrer mich aus Aleppo an die türkische Grenze gefahren hatte.

Es scheint, dass ich 2013 in Syrien haarscharf einer tödlichen Entführung entkommen bin.

Nicht zuletzt aus Selbstschutz habe ich den Sachverhalt nicht im Detail recherchiert – schliesslich wollte ich dort weiterarbeiten. Es scheint aber so zu sein, dass ich damals haarscharf einer möglicherweise tödlichen Entführung entkommen bin.

Was hat die ständige Angst mit Ihnen gemacht?

Fachleute würden mir wohl eine Überwachsamkeit diagnostizieren. Ich mache gewisse Dinge quasi reflexartig, die ich eigentlich nur machen würde, wenn ich in einem Kriegsgebiet unterwegs wäre. So teste ich immer die Bremsen, wenn ich mit dem Auto wegfahre.

Die Angst steckt tief in mir drin.

Sinnbildlich ist auch die Szene, als in unserem Haus die Dachfenster ausgewechselt wurden, und dort deshalb zwischenzeitlich ein Stück Wand fehlte. Als ich nach Hause kam, und ohne nachzudenken das betreffende Zimmer betrat, erstarrte ich und dachte, das sei ein Bomben-Treffer, jetzt habe es mich doch erwischt. Ich brauchte zwei, drei Minuten, um zu verstehen, dass nichts passiert war. Das zeigt, wie tief drin die Angst in mir steckt.

Flüchtende auf einer Brücke über einen Fluss.
Legende: Jesiden im August 2014 auf der Flucht vor dem IS. Auch darüber berichtete Petra Ramsauer. Reuters

Wieso haben Sie die Strapazen der Kriegsreportage mehr als 20 Jahre lang auf sich genommen?

Ich habe es als unglaublich bereichernd empfunden, aus dem Nahen Osten oder Teilen Afrikas zu berichten, gerade als Frau. Ich konnte auch jenen eine Stimme geben, die sonst nicht gehört werden. Als Kriegsreporterin kann man sicher nicht die Welt verändern – aber vielleicht das Leben einiger weniger Einzelner, weil ihnen jemand zugehört hat, sie mit ihren Ängsten und Sorgen ernst genommen wurden und ihnen jemand eine Stimme gegeben hat.

Ich konnte jenen eine Stimme geben, die sonst nicht gehört werden.

Sie wollen jetzt Trauma-Therapeutin werden. Wie kommt das?

Ich wollte diese Richtung ab einem gewissen Zeitpunkt in meinem Leben schon immer einschlagen. Mich bewegt vor allem die Frage, wie man der Bevölkerung in Kriegsgebieten helfen kann, aus ihren Traumata herauszufinden. Die komplizierten Konflikte in Syrien, Irak oder Libanon werden nicht durch Verträge gelöst, die in Genf unterzeichnet werden. Wenn die Bevölkerung traumatisiert ist und mit dem Erlebten nicht zurechtkommt, dann hat kein Vertrag eine Gültigkeit. Die Arbeit mit traumatisierten Menschen ist ein Grundpfeiler der Friedensarbeit. Dazu möchte ich beitragen.

Das Gespräch führte Manuel Ramirez.

SRF 4 News aktuell vom 9.10.2020, 08.45 Uhr;

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3 Kommentare

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  • Kommentar von Dave Gruen  (Echt jetzt?)
    Hut ab, vor dieser mutigen Frau. Berichte aus Kriesengebieten aus erster Hand sind von unschätzbarem Wert.
    Man kann sie sehr gut verstehen, dass sie nun mit dieser Arbeit aufhört.
    Ich wünsche Frau Ramsauer alles gute für ihre weitere Zukunft.
  • Kommentar von Halbeisen Charles  (chh)
    Eine faszinierende Frau.
  • Kommentar von Lily Mathys  (Alle vergeben)
    In Ihrem Fall würde ich es nie als Überwachsamkeit oder Paranoia bezeichnen. Sondern schlicht als Überlebenstaktik. Schade für uns, dass sie aufhört. Aber gut für sie, dass sie nun in ein ruhiges, sicheres Leben aufbrechen kann.
    Und Schande für die Medienoutlets. Immer weniger zu zahlen für hochriskanten Kriegsjournalismus. Die Bilder wollt ihr trotzdem.