In Afghanistan haben bewaffnete Regimegegner vorletzte Woche erstmals seit der Taliban-Machtübernahme einen Distrikt angegriffen und eingenommen – wenn auch nur für sehr kurze Zeit. Zugetragen hat sich das im Nordosten des Landes.
Im Morgengrauen rückten die Kämpfer vor, entwaffneten die Taliban und hissten ihre Flagge – blau mit einer Adlerschwinge – über der Lokalverwaltung. Nach zwei Stunden zogen sie sich wieder zurück.
Taliban schlagen Angreifer zurück
Die Taliban haben den Angriff bestätigt. Sie schickten ihren Armeestabschef in die Region Badachschan. Die Armee habe die Kontrolle wiederhergestellt und mehrere Angreifer festgenommen.
So weit, so unklar: Die Informationen fliessen nur spärlich aus dem abgeschotteten Land, in dem die Taliban vor fünf Jahren erneut die Macht übernahmen. Über die Grösse und Vernetzung der Rebellengruppe sei denn auch kaum etwas bekannt, sagt Julian Busch. Er ist freier Journalist und berichtet über Afghanistan und die Taliban.
Zersplitterter Widerstand
Die Kämpfer nennen sich «Sepah-e Mihan» (deutsch: «Soldaten der Heimat») und rekrutieren sich nach eigenen Angaben vor allem aus Bewohnern und ehemaligen Sicherheitskräften der Region. «Angeführt wird die Gruppe von einem Kommandeur, der mutmasslich zuvor Teil der National Resistance Front (NRF) war», sagt Busch.
Zum jetzigen Zeitpunkt dürften die Widerstandskämpfer allerdings keine ernsthafte Konkurrenz für die Taliban sein: So waren die Truppen der afghanischen Machthaber rasch in der Lage, die Kontrolle wiederzuerlangen.
Für Afghanistan-Kenner Busch hatte die Aktion aber vor allem symbolische Bedeutung: «Sie zeigt, dass es immer noch Widerstand gegen die Taliban im Land gibt. Gleichzeitig ist dieser marginal und zersplittert.» So hätten bislang auch keine anderen Oppositionsgruppen im Land auf den Angriff reagiert.
Alte Elite in Misskredit
Zwar gibt es bewaffnete Akteure in Afghanistan, die den Taliban feindlich gesinnt sind. Immer wieder gibt es Anschläge und gezielte Angriffe – so wie letzte Woche in Badachschan. «Eine gemeinsame Strategie und eine einheitliche Führung haben diese Gruppen aber nicht», sagt Busch.
Dazu kommt: Viele der führenden Figuren stammen aus der Elite der gestürzten afghanischen Republik. Und diese hat, wie der Journalist erklärt, bis heute ein Glaubwürdigkeitsproblem: «Diese Leute stehen für die Afghaninnen und Afghanen für Korruption und Machtmissbrauch und werden nach wie vor sehr kritisch gesehen.»
Am Hindukusch dürfte sich also so schnell nichts an den Machtverhältnissen ändern: Die Taliban sitzen weiter fest im Sattel.