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Es dringen kaum Informationen aus Tigray nach aussen
Aus SRF 4 News aktuell vom 26.11.2020.
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Kämpfe in Tigray Äthiopien: Blutiger Konflikt unter Ausschluss der Öffentlichkeit

Seit rund drei Wochen sind in der Region Tigray Kämpfe im Gang. Am Mittwochabend lief das Ultimatum aus, mit dem Regierungschef Abiy Ahmed die Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF) zur Kapitulation aufgefordert hatte. Jetzt hat Abiy eine Militäroffensive angekündigt – doch Informationen aus der Region seien kaum zu erhalten, sagt SRF-Afrikakorrespondentin Anna Lemmenmeier.

Anna Lemmenmeier

Anna Lemmenmeier

Afrika-Korrespondentin

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Anna Lemmenmeier ist seit 2017 Afrika-Korrespondentin, Link öffnet in einem neuen Fenster von Radio SRF und lebt in Nairobi, der Hauptstadt Kenias. Davor war sie Mitglied der SRF-Wirtschaftsredaktion. Sie hat internationale Beziehungen, Geschichte und Völkerrecht an den Universitäten von Bern, Genf und Ghana studiert.

SRF News: Was ist in Äthiopien nach Ablauf von Ahmeds Ultimatum an die TPLF passiert?

Anna Lemmenmeier: Man weiss nicht sehr viel darüber. Laut der BBC ist bis heute Morgen noch nichts passiert. Das ist das Verrückte an dem Konflikt: Er findet praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, seitdem die äthiopische Regierung am 4. November alle Informationskanäle in der Region gekappt hat.

Abiy ordnet Angriff auf Mekelle an

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Abiy ordnet Angriff auf Mekelle an
Legende:Abiy Ahmed.Reuters Archiv

Am Mittwochabend ordnete Äthiopiens Regierungschef Abiy Ahmed eine finale Militäroffensive an, wie er per Facebook bekanntgab. Man rufe die Bewohner der Hauptstadt von Tigray, Mekelle, auf, die Waffen niederzulegen, in ihren Häusern zu bleiben und sich von militärischen Zielen fernzuhalten. Man werde sich während der Offensive bemühen, Zivilisten zu schützen, hiess es weiter. In den letzten Tagen waren die äthiopischen Streitkräfte in Richtung Mekelle vorgerückt. (reuters)

Sechs Millionen Menschen sind in der Tigray-Region von dem bewaffneten Konflikt betroffen. Was bedeutet das für sie?

Es gibt dort keine Internetverbindungen, die Telefonleitungen in die Region sind unterbrochen. Bei Whatsapp sieht man, dass die Leute in der Region zuletzt am 3. November online waren.

Die äthiopische Regierung hat die Informationshoheit über das Konfliktgebiet.

Verwandte wissen also nicht, wie es ihren Angehörigen in der Region Tigray geht, Journalisten und Hilfsorganisationen werden nicht dorthin gelassen. Die äthiopische Regierung hat die Hoheit darüber, welche Informationen aus dem Konfliktgebiet herauskommen. Deshalb ist es so schwierig, darüber zu berichten, was dort gerade passiert.

Ethnischer Konflikt um Tigray

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Ethnischer Konflikt um Tigray

Auslöser der Kämpfe ist nach Darstellung der Regierung ein bewaffneter Angriff von TPLF-Kämpfern auf in Tigray stationierte Regierungstruppen. Die in Tigray regierende Partei TPLF hält Abiy vor, er verfolge sie und vertreibe ihre Politiker von Regierungs- und Sicherheitsposten. Seit Beginn der Kämpfe am 4. November sollen mehrere Tausend Menschen getötet worden sein, über 40'000 sind nach Sudan geflüchtet.

In dem Konflikt spielen ethnische Gruppen eine grosse Rolle. Äthiopien, eine Föderation aus zehn ethnischen Regionen, wurde jahrzehntelang von Tigray dominiert, bis Abiy vor zwei Jahren Ministerpräsident wurde. Der Friedensnobelpreisträger von 2019 gehört der grössten Bevölkerungsgruppe der Oromo an. Sie machen rund einen Drittel der Einwohner Äthiopiens aus. (reuters)

Gibt es trotzdem Informationen, die nach aussen dringen?

In den letzten drei Wochen sind mehr als 40'000 Personen nach Sudan geflohen. Sie erzählen etwa, dass Menschen in Tigray mit Messern oder Macheten massakriert worden seien.

Am 9. November fand ein grausames Massaker statt.

Amnesty International hat die Berichte gesammelt. Dabei kam heraus, dass am 9. November ein grausames Massaker stattgefunden hat. Doch man weiss bis heute nicht, wer wen in welcher Anzahl massakriert hat: Ob die Täter Tigray-Milizen waren oder solche, die der äthiopischen Regierung nahestehen. Auch ist unklar, ob gezielt bestimmte ethnische Gruppen attackiert wurden.

UNO-Generalsekretär António Guterres rief die Beteiligten dazu auf, die Zivilbevölkerung im Konflikt zu schützen. Muss man befürchten, dass es zu weiteren Gräueltaten kommt?

Rund um das Ultimatum an die TPLF war die Rhetorik der äthiopischen Regierung sehr besorgniserregend. Sie sprach etwa davon, dass es kein Erbarmen für die Einwohner der Provinzhauptstadt Mekelle geben werde. Auch die Zivilisten der 500'000-Einwohnerstadt würden nicht verschont, wenn sie sich nicht von der TPLF distanzieren würden, hiess es. Das veranlasste die UNO dazu, vor möglichen Kriegsverbrechen zu warnen.

Derzeit tönt es nicht so, als ob die Konfliktparteien zu Gesprächen bereit wären.

Wehrt sich die Regierung von Abiy deshalb gegen jede internationale Einmischung?

Dagegen würde sich wohl jede Regierung wehren. Wenn einem Land Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen werden, wird stets argumentiert, das sei eine nationale Angelegenheit. Das tut auch Abjy.

Wie kann der Konflikt um Tigray gelöst werden?

Derzeit tönt die Rhetorik auf beiden Seiten sehr unversöhnlich, es tönt nicht so, als ob die beiden Konfliktparteien in absehbarer Zeit zu Gesprächen bereit wären. Immerhin hat die Afrikanische Union eine Delegation in die Hauptstadt Addis Abeba entsendet. Doch es gibt noch keine Berichte darüber, ob bereits Gespräche stattgefunden haben.

Das Gespräch führte Salvador Atasoy.

Video
Äthiopien: Weitere Luftangriffe in Tigray
Aus Tagesschau vom 12.11.2020.
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SRF 4 News aktuell vom 26.11.2020, 07:15 Uhr; ;

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4 Kommentare

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  • Kommentar von Simon Weber  (Weberson)
    Mir tut die Zivilbevölkerung in der Region extrem leid. Stellt sie sich zu der Regierung, muss sie grausames Gemetzel, Vergewaltigung und Folter befürchten. Stellt sie sich zu der Volksbefreiungsfront muss sie Gefängnisstrafen, Geldstrafen oder sogar der Status als Landesverräter befürchten. Würde ich dort wohnen, käme für mich eigentlich nur die Flucht ins Ausland - möglichst nach Europa - in Erwägung.
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    1. Antwort von John Livers  (John Livers)
      Nach Europa in die Sozialhilfe.
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  • Kommentar von Kerzenmacher Boris  (zombie1969)
    Äthiopiens Probleme: Über 100 Volksgruppen. Christen, Muslime und Naturreligionen, 80 Sprachen, die Bevölkerung wuchs auf das 10-fache in den letzten 100 Jahren, die Bewaldung sank von 90 Prozent auf 8 Prozent. Das ist kaum in Griff zu bekommen.
    Dazu Separationen, Kriege und Korruption sowie muslimische Einmischung. Die Nachbarstaaten (ausser Kenia) sind praktisch zusammengebrochen.
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  • Kommentar von Jorge Lugar  (Chorche)
    Friedensnobelpreise sollte man nur nach dem Ableben einer Persönlichkeit verleihen.

    Institutionen sind hiervon natürlich ausgenommen.
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