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International Kampf gegen IS: Deutschland legt Zurückhaltung ab

Die deutsche Bundesregierung will die kurdische Front gegen den «Islamischen Staat» mit Waffenlieferungen unterstützen. Damit bricht Berlin mit einem weiteren Dogma der pazifistischen Staatsräson - und wird sich mit ungekannten Problemstellungen beschäftigen müssen.

Aussenminister Frank-Walter Steinmeier und Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen im Gespräch
Legende: Nach einer Unterredung mit Kanzlerin Merkel machten von der Leyen und Steinmeier den deutschen Entscheid publik. Reuters

«Dieser Bande werden wir mit Gebetszirkeln und Transparenten nicht beikommen», erklärte Joschka Fischer vergangene Woche. Die Wortmeldung des ehemaligen deutschen Aussenministers liess aufhorchen – und weckte Erinnerungen. 1999 legitimierte der im Polit-Ruhestand befindliche Grünen-Politiker – gegen heftigsten Widerstand aus den eigenen Reihen – die deutsche Beteiligung am Nato-Kampfeinsatz im Kosovo: «Ich stehe auf den Grundsätzen: nie wieder Krieg, nie wieder Auschwitz, nie wieder Völkermord, nie wieder Faschismus. Alles gehört bei mir zusammen.»

Steinmeier: Untätigkeit kann zu Schuld werden

Fischer umriss mit seinen Worten das Dilemma, das auch in diesen Tagen die deutsche Politik umtreibt: Kann das weltpolitische Schwergewicht Deutschland, 75 Jahre nach den Gräueln des Nationalsozialismus, zuschauen, wenn unschuldige Zivilisten zu Abertausenden gemordet werden?

Legende: Video Deutschland beliefert die Kurden mit Waffen abspielen. Laufzeit 1:39 Minuten.
Aus Tagesschau vom 20.08.2014.

Frank-Walter Steinmeier, Deutschlands derzeitiger Aussenminister, fand auf diese Frage eine klare Antwort: «Es gibt Situationen, in denen kann man sich durch Unterlassen ebenso schuldig machen wie durch Tun», liess er zu Wochenbeginn verlauten.

Bündniszwänge und historische Verantwortung

Nach wochenlangem Navigieren ist für die Bundesregierung klar: Dem blutrünstigen Gebaren der Terrormiliz «Islamischer Staat» (IS) kann auch Deutschland nicht länger untätig zusehen. Innert Wochenfrist soll genaueres zu Form und Inhalt der Exporte folgen. Die Bundesregierung schliesst sich damit Frankreich und Grossbritannien an, die diesen Schritt bereits im unmittelbaren Gefolge der US-Offensive getan hatten.

Was für Grossbritannien und Frankreich eine Episode militärischen Eingreifens bleibt, darf für den deutschen Sonderfall als Zeitenwende bezeichnet werden. Brach Nato-Mitglied Deutschland mit den Bundeswehr-Einsätzen im Kosovo und in Afghanistan mit dem Dogma «kein militärisches Engagement auf fremdem Territorium», wankt nun die zweite Säule des deutschen Pazifismus: «Kein Waffenexport in Krisengebiete».

Eine Neudefinierung der deutschen Aussenpolitik?

Dies, nur wenige Wochen nachdem sich der Furor von Teilen der deutschen Polit- und Medienlandschaft über Joachim Gauck ergossen hatte. Mit Blick auf die schwelenden Krisen in der Welt hatte der deutsche Bundespräsident angemahnt, der Einsatz militärischer Gewalt dürfe nicht «von vornherein ausgeschlossen» werden.

Es gehe nicht um «deutsches Dominanzgebaren», sondern um Deutschlands Verantwortung als «verlässliche Demokratie und Rechtsstaat.» Auch Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen hatte sich wiederholt für eine Neudefinierung der deutschen Aussenpolitik stark gemacht, die ohne Denkverbote auskommt.

Einmischung mit Folgen

Mit dem Entscheid, Waffen in den Irak zu liefern, betritt Deutschland sicherheitspolitisches Neuland. Kanzlerin Merkel kündigte an, man werde sich vor allfälligen Waffenlieferungen «gründlich mit Bündnispartnern» beraten. Nicht ohne Grund: Wie das Beispiel des «Islamischen Staats» zeigt, der mittlerweile mit hochmodernem Militärgerät aus US-Beständen hantiert, können Waffen dem Feind in die Hände fallen.

Auch der designierte Adressat ist nicht unumstritten: Die Kurden trachten im Mittleren Osten grenzübergreifend nach einem eigenen Staat. Ihr militärisches Erstarken gefährdet mittelfristig nicht nur die territoriale Integrität des Iraks, sondern dürfte auch für Deutschlands Nato-Partner Türkei Unbill bedeuten.

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4 Kommentare

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  • Kommentar von michael fischbacher, nidau
    Sind Waffenlieferungen überhaupt noch Notwendig? Laut Kurt Pelda: «Unter den Dschihadisten sind viele verfettete Weichlinge, Secondos aus dem Westen» Wie Alt ist eigentlich dieser Kurt Pelda wenn er schon seit 30 Jahren aus Krisengebieten berichtet?
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    1. Antwort von Walter Vogt, Basel
      Er ist mittlerweilen 49 Jahre alt. Er hat mit 19 bereits über Kriegsgeschen berichtet. Das Interview mit Kurt Aeschbacher kann bei SRF gesehen werden.
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  • Kommentar von Wolfgang Blum, Basel
    Kampf gegen IS ... von der USA selbst aufgebaute Terrorgruppe um sie dann wieder platt zu machen. Dasselbe Muster wie bei den Taliban ... alles 100-fach bekannt und in Regierungskreisen seit Jahrzehnten besprochen. Und trotzdem immer das gleiche Bild ... Alle schauen zu, machen mit oder schauen weg. Und die Deutschen sind jetzt dann bald die Kriegstreiber Nation von Europa? Getreu dem Vorbild USA in der Welt?
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  • Kommentar von andreas meier, winterthur
    Na endlich. Freut mich sehr. Immer wieder das gleiche Muster: Die USA handeln am schnellsten! Dann kommen die Andren: Demokratisch und zivlisiert Gesinnten dazu. Und dann noch die UNO mit guten Empfehlungen.
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