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Frauen in Jordanien: «Früher hatten wir mehr Selbstvertrauen»
Aus International vom 13.03.2021.
abspielen. Laufzeit 28:52 Minuten.
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Kampf um Rechte in Jordanien «Lasst uns Frauen doch einfach sein!»

In vielen arabischen Ländern erhielten Frauen das Stimmrecht lange vor den Schweizerinnen. Nicht in Jordanien. Erst 1974 erhielten sie formell das Stimmrecht, aber erstmals wählen konnten sie erst 1989. Zwar kämpften die Frauen auch im kleinen Königreich im Nahen Osten schon früh für ihre Rechte. Wegen Krisen und Kriegen herrschte jedoch ab 1957 immer wieder Kriegsrecht. Unter diesem waren auch Frauenorganisationen verboten. Heute sind Jordanierinnen politisch und wirtschaftlich marginalisiert, Traditionen und Religion schränken sie ein. Vier Frauen erzählen.

Sara Abaza, 29, Lehrerin und Aktivistin, Amman

Frau sitzt in Café
Legende: Sara Abaza kämpft dafür, dass sich Frauen in Jordanien «die Strassen zurückerobern». Der öffentliche Raum gehört vor allem den Männern, vor allem abends und nachts. SRF/Susanne Brunner

«Ich wuchs in einem traditionellen jordanischen Mittelschichts-Haushalt auf, und ging an eine Schule der Muslimbrüder. Ab der 7. Klasse waren wir Mädchen alle von Kopf bis Fuss verhüllt. Interessant ist: Meine Mutter trug damals kein Kopftuch. Als ich mich verhüllte, spürte sie jedoch den Druck der Familie, ebenfalls Kopftuch zu tragen. Plötzlich sahen wir anders aus, benahmen uns anders: Das Kopftuch verlieh uns eine neue Identität. Ich kann nicht rational erklären, warum wir plötzlich eine religiöse Familie wurden. Ich weiss nur, es hat mit der Ankunft des Satellitenfernsehens in Jordanien Anfang der 1990er Jahre zu tun.

Frauenrechte in Jordanien

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1974 erhielten Jordanierinnen das Stimmrecht. Weil damals Kriegsrecht herrschte im Haschemitischen Königreich, fanden bis 1989 gar keine Wahlen statt. Erst dann konnten die Frauen erstmals an die Urnen. Heute sind Frauen laut Verfassung gleichgestellt und es gibt eine Frauenquote im Parlament: 15 der insgesamt 130 Parlamentssitze sind für Frauen reserviert. Trotzdem belegt Jordanien im internationalen Vergleich einen der hinteren Ränge in Sachen Gleichstellung: Auf dem UNO-Gender-Gap-Index liegt es auf Platz 138 von 149 Ländern. Grund dafür sind verschiedene Gesetze. Einerseits basiert Jordaniens Strafrecht massgeblich auf dem französischen Strafrecht von 1810, das zur Kolonialzeit galt. Darin enthalten sind zum Beispiel milde Strafen für Männer, die ihre Ehefrauen wegen Ehebruch umbringen. Versuche, solche Gesetze zu ändern, scheitern meist am Widerstand konservativer Kräfte. Ausserdem regelt religiöse Gesetzgebung das Familien- und Eherecht, sowohl für die christliche als auch für die muslimische Bevölkerung (Sharia), in vielen Fällen zum Nachteil der Frauen.

Plötzlich hatten wir all diese ultra-religiösen saudischen Sender. Ich kann mich an eine Sendung erinnern: Da schrie ein Scheich, dass unverhüllte Frauen die Nation ins Unglück stürzen würden. Plötzlich waren wir Frauen schuld an Erdbeben, Wirtschaftskrisen und allen möglichen Katastrophen, wenn wir uns nicht verhüllten! Als Kind machte mir das Eindruck. Ich wurde religiös. Mit 16 oder 17 entschied ich dann aber: Das ist nichts für mich, ich glaube ihnen nicht mehr. Denn: Sie behaupten nur, sie hätten die Hoheit über den Koran und könnten uns Frauen deshalb in diese Rolle zwingen. Ich begann viel zu lesen, gründete an der Universität einen feministischen Buchclub, legte das Kopftuch ab.

Wenn ich sage, ‹ich verhüllte mich freiwillig›, dann gebe ich dem Druck der eigenen patriarchalen Religionshüter nach.

Damit habe ich meine Mutter in eine schwere Identitätskrise gestürzt. Ausgerechnet meine Mutter, die man auf Fotos aus den 70er-Jahren im Badeanzug am Strand sieht, redete 3 Monate lang nicht mit mir, als ich das Kopftuch ablegte. Ich verstehe meine Mutter auch: In den Augen der anderen Leute hat sie als Mutter versagt, wenn ihre Tochter nicht nach gängigen Normen lebt. Das stellt ihre ganze gesellschaftliche Identität infrage.

Das Perfide am Kopftuch ist: Als Frau im politischen Kontext des Nahen Ostens, kann ich mich nicht wirklich frei für oder gegen das Kopftuch entscheiden. Wenn ich sage, ‹ich musste das Kopftuch tragen›, dann beuge ich mich der kolonialen-imperialen Vorstellung, dass ich als muslimische Frau befreit werden muss. Wenn ich sage, ‹ich verhüllte mich freiwillig›, dann gebe ich dem Druck der eigenen patriarchalen Religionshüter nach. Lasst uns Frauen doch einfach mal so sein, wie wir sind!»

Um Fadi, 51, Beduinin, Hausfrau, Wadi Rum

Frau und zwei Männer sitzen nebeneinander
Legende: Um Fadi, Beduinin, Hausfrau – hier zwischen zwei ihrer sechs Kinder in Wadi Rum. SRF/Susanne Brunner

«Ich habe mit 17 geheiratet. Wie es Gott wollte, habe ich sechs Kinder. Wenn ich an meine eigene Kindheit denke: Es war ein einfaches Leben. Wir mussten weit zur Schule laufen. Damals, in den frühen 80er-Jahren, gab es hier keine Schulbusse. Wir haben viel gelitten: Das Einkommen meines Vaters reichte nicht immer fürs Essen.

Ich komme nicht viel raus. Das ist unsere Tradition.

Bei uns Beduinen sorgen Frauen für die Kinder, putzen. Ich komme nicht viel raus. Das ist unsere Tradition. Jetzt ist es schwierig. Wir leben vom Tourismus, aber wegen Corona haben die Männer keine Arbeit mehr. Ich ging nur bis zur achten Klasse zur Schule. Ich wünschte, ich wäre besser ausgebildet, dann könnte ich den Männern helfen.

Frauenrechte? Für unsere Rechte demonstrieren? Das braucht's doch nicht. Wir leben ja nicht in einer Diktatur, wir haben ein normales Leben, Demokratie, Frieden und Sicherheit. Das Leben ist wie ein Schiff, das immer weiter geradeaus fährt. Mein Traum? Ich möchte, dass meine Kinder heiraten, dass ich meine Enkelkinder sehe, und, mit Gottes Hilfe, einmal ein eigenes Haus.»

Zainab Salameh Al-Moussa, 38, Parlamentarierin, Süd-Badia (Petra)

Frau sitzt am Schreibtisch
Legende: Die Parlamentarierin Zainab Al-Moussa will mehr als eine von Männern bestimmte Quotenfrau sein. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund. ZVG

«Ich bin Zainab, von den «Bdoul» in Petra, ich habe vier Kinder, ich doktoriere in Tourismus-Management, und ich wurde 2020 ins Jordanische Parlament gewählt. Dank der Frauenquote sind 15 Sitze im Parlament (130 Sitze) für Frauen reserviert: Ich habe einen dieser Sitze gewonnen.

Mein Mann unterstützt mich immer. Natürlich musste ich auch mit ihm verhandeln…(lacht). Dafür, dass er mich studieren und in die Politik einsteigen liess, wurde er angefeindet: weil er mich nicht in die traditionelle Beduinen-Frauenrolle drängt.

Ich bin nicht gegen Traditionen, nur gegen solche, die Frauen benachteiligen.

Uns Frauen sagt man immer: Wartet! Immer sind wir in der zweiten Reihe, selbst beim Essen! Wenn wir uns Nationalgericht Mansaf auftischen, essen zuerst die Männer, dann die Frauen. Aber wir sind doch gleich! Ich will nicht nach den Männern essen! Und ich will nicht einfach Entscheide ausführen. Ich will entscheiden: für die Frauen, für die Armen in meiner Region. Sie ist eine der ärmsten des Landes. Viele Menschen können weder lesen noch schreiben.

Die Corona-Pandemie hat die Haupteinnahmequelle, den Tourismus, zerstört: Es ist jetzt erst wichtig, dass Frauen wirtschaftlich mitbestimmen. Frauen in ganz Jordanien sind marginalisiert. Nähen und kochen auf Bestellung für Hauslieferdienste? Wo ist da die wirtschaftliche Selbstbestimmung der Frauen? Etwas herstellen und verkaufen heisst noch nicht mitbestimmen. Wenn wir in die politische und wirtschaftliche Aufklärung von Frauen investieren, dann werden sie sich bewegen und mitregieren: Das wäre revolutionär! Ich bin nicht gegen Traditionen, nur gegen solche, die Frauen benachteiligen. Nur Hand in Hand bauen wir ein starkes ausgeglichenes Jordanien – das ist unsere Rolle!»

Um Fahed, 49, Köchin, leitende Angestellte, Kufr Soum

Frau sitzt auf Sofa
Legende: Um Fahed lebt im Bauerndorf Kufr Soum an der jordanisch-syrischen Grenze. Mehr Rechte will sie nicht, nur eine eigene Firma. SRF/Susanne Brunner

«Von 6.30 Uhr früh an bin ich in der Küche, bis ich fertig bin: Damit meine vier Kinder zur Schule gehen können. Allein mit dem Gehalt meines Mannes ginge das nicht. Die Zeiten sind schwer, wegen Corona. Hier leben die meisten Leute von der Granatapfel- und der Olivenernte. Wir haben eine Fabrik hier, die macht daraus Kosmetikprodukte.

Gleichstellung ist gut, aber nicht in jedem Bereich.

Ich bereite daheim in meiner Küche Zutaten für Seifen, Cremen und Öle vor. Ich koche auch Essen für eine Organisation, bei der ich leitende Angestellte bin. Alles daheim. Ich hätte gerne eine kleine Firma, damit ich nicht alles in meiner Küche daheim zubereiten muss. Vor 20 Jahren hatte ich einen Kleiderladen. Aber viele Leute fanden, es gehöre sich nicht, dass ich als Frau allein männliche Kunden bediente.

Frauen haben in Jordanien in den 1950er-Jahren für ihre Rechte demonstriert? Wirklich? Gott sei Dank haben wir jetzt Frauenrechte. Gleichstellung ist gut, aber nicht in jedem Bereich. Im öffentlichen Raum gibt es Grenzen. Eine Frau sollte sich nicht spätnachts in Cafés aufhalten. Sonst benimmt sie sich wie ein Mann. Sie kann ihm im Parlament, in der Bildung und Karriere gleichgestellt sein: aber Kaffeehäuser, die sind für Männer.»

International, 14.03.2021, 18:30 Uhr

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2 Kommentare

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  • Kommentar von Matthias Jundt  (M. Jundt)
    Vielen Dank für diese interessanten Lebensgeschichten von Frauen aus dem Orient nach unseren mühsamen theoretischen Diskussionen betr. Kopftuch-Abstimmung.
  • Kommentar von Ueli von Känel  (uvk)
    Sara Abaza, Sie sind eine mutige Frau; ich wünsche Ihnen viel Kraft und einen langen Atem, damit Sie mit vielen anderen Frauen zusammen für Ihre Rechte kämpfen bzw. die Männerwelt „ entmachoisieren können.