«Kein Einsatz hat sich so gelohnt wie dieser»

In Sierra Leone steigt die Zahl der Ebola-Erkrankungen weiter an. Das hat die Weltgesundheitsorganisation WHO diese Woche gemeldet. Um die Kranken kümmern sich auch viele ausländische Helfer. Einer von ihnen ist Balz Halbheer. Seit Anfang Woche ist er zurück in der Schweiz.

Aufnahme von Balz Halbheer vor einem Plakat des Ebola-Spitals in Kenema. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: SRK-Logistiker Balz Halbheer im Ebola-Feldspital in Kenema in Sierra Leone. SRK

SRF: Balz Halbheer, Sie waren einen Monat im Dschungel-Städtchen Kenema im Osten von Sierra Leone für das Schweizerische Rote Kreuz als Logistiker in einer Ebola-Station im Einsatz. Wie sieht ein solches Feld-Lazarett aus?

Balz Halbheer: Das Lazarett besteht aus zwei Teilen. Im äusseren Teil befindet sich die Infrastruktur. Es gibt eine Wäscherei, eine Küche, die Verwaltung ist da untergebracht, es hat Aufenthaltsräume für die Arbeitenden und eine Apotheke. Der innere Bereich des Lazaretts ist mit einem Plastikzaun abgegrenzt. Der Zaun dient vor allem als Sichtbarriere. Hier halten sich die Patienten auf, dieser Teil des Lazaretts ist kontaminiert.

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Zur Person

Balz Halbheer führt in der Schweiz gemeinsam mit einem Freund eine Speditionsfirma mit 60 Angestellten. Für das Schweizerische Rote Kreuz arbeitete er vier Wochen als Logistiker in einer Ebola-Station im Dschungel-Städtchen Kenema im Osten von Sierra Leone.

In dieser Isolierstation werden die Ebola-Patienten nicht behandelt. Weshalb nicht?

Die Behandlung von Ebola-Kranken ist schwierig. Noch weiss man nicht wirklich wie eine erfolgsversprechende Behandlung aussieht. Das einzige, das man tun kann, ist die Kranken so gut wie möglich zu pflegen. Dazu gehört, ihnen gutes Essen zu geben und darauf zu achten, dass sie genügend Flüssigkeit aufnehmen. Die Patienten kriegen ausserdem Antibiotika, damit die geschwächten Körper nicht auch noch andere Krankheiten aufnehmen. Schliesslich erhalten die Kranken auch Vitamintabletten, Schmerzmittel und fiebersenkende Medikamente.

Wie wirksam waren diese Pflegemassnahmen in Ihrer Station in Kenema?

Gegen den Schluss hatten wir 50 Prozent Überlebende. Im Vergleich zu anderen Ebola-Stationen war das viel besser. Darauf waren wir auch ein bisschen stolz.

Sie haben als Logistiker in dieser Station im Osten von Sierra Leone gearbeitet. Welches waren Ihre Aufgaben?

Das Spital war ziemlich gross, es hatte Platz für 50 Patienten. Fast 300 Mitarbeiter waren im Drei-Schichten-Betrieb im Einsatz. Der Bedarf an Material, zum Beispiel an Schutzanzügen, war gross. Ausserdem mussten wir Essen und Medikamente beschaffen, Diesel für die Generatoren organisieren und Verträge mit Lieferanten abschliessen. Es gab von frühmorgens bis am späten Abend viel zu tun. Hatte ich ein bisschen Zeit, ging ich zu den Kollegen im Spital. Dort half ich einem Techniker etwas zu richten, ging aber auch im Schutzanzug rein und reinigte Duschen und Toiletten. Auch die Toten wegzutragen gehörte dazu.

Eine Ihrer Aufgaben war, Genesene wieder zurück in ihre Dörfer zu fahren. Das war sicher jeweils einer der schöneren Momente?

«  Geheilte Personen wurden in der «Happy-Shower» geschruppt, desinfiziert und neu eingekleidet» »

Wir haben uns jedes Mal gefreut, wenn wir geheilte Menschen entlassen konnten. Sie durften die Risiko-Zone des Spitals verlassen und wurden in einer sogenannte «Happy-Shower» geschrubbt, desinfiziert, gewaschen und neu eingekleidet. Sie erhielten eine neue Matratze, 50 Kilogramm Reis, eine grosse Kiste mit Haushalts- und Hygieneartikeln und etwas Bargeld. Diese Menschen hatten nichts mehr: All ihre Habseligkeiten, die sie vor Ausbruch der Krankheit besassen, mussten verbrannt werden.

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Wir lesen hier immer wieder, dass es für Menschen, die Ebola überlebt haben, sehr schwierig sei, sich in ihrem Dorf wieder zu integrieren. Niemand wolle mehr etwas mit ihnen zu tun haben, heisst es. Haben Sie solche Szenen auch erlebt?

Weniger, es wurde viel unternommen, um das zu vermeiden. Sozialarbeiter nahmen im Vorfeld einer Rückkehr Kontakt mit den Dorfoberhäuptern auf. Sie klärten ab, ob die rückkehrende Person willkommen ist. Wir gaben der rückkehrenden Person ein Zertifikat mit, das bestätigte, dass sie wieder gesund ist. Auch ein Bild auf dem ein Arzt der Person die Hand schüttelt kriegte sie mit auf den Weg. All diese Massnahmen trugen dazu bei, Vertrauen bei der Dorfbevölkerung zu schaffen.

«  Wieder daheim ist eine genesene Person mit der alltäglichen Misere konfrontiert. »

Dennoch war die Rückkehr offenbar oft schwierig.

Ja, sie war hart, weil die Realität zu Hause eine andere ist, als die im Spital. In Kenema wurden die Kranken gepflegt und kriegten gutes Essen. Zu Hause waren sie dann wieder mit der alltäglichen Misere konfrontiert. Besonders schwierig war die Rückkehr von Kindern. Oft hatten sie ihre Eltern verloren und mussten bei Verwandten untergebracht werden, wobei sie dort nicht immer willkommen waren. In einzelnen Fällen konnten wir nicht mehr rekonstruieren, woher die Kinder kamen und wir mussten sie in Waisenhäusern unterbringen.

Hat sich ihr Einsatz trotz allem gelohnt?

Ja, keiner so wie dieser: Es war einer der besten Einsätze. Hier wussten wir tatsächlich, dass wir viele Leben gerettet haben. Menschen überlebten, weil sie dank des Isolationszentrums nicht angesteckt wurden und Erkrankten genasen dank der guten Pflege.

Das Gespräch führte Barbara Büttner.