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Kein Film – traurige Realität Gestrandet in der Transit-Zone

Ein syrischer Flüchtling steckt seit 46 Tagen am Flughafen von Kuala Lumpur fest. Er kann weder zurück noch weiter.

Legende: Audio Hassan steckt im Flughafenterminal von Kuala Lumpur fest abspielen. Laufzeit 5:01 Minuten.
5:01 min, aus Echo der Zeit vom 22.04.2018.

Längst kennt Hassan al Kontar den Flugplan auswendig. Die erste Maschine starte um 5.30, sagt der 36-Jährige mit dem vollen, schwarzen Bart und legt die Hände auf die Fensterfront im Transitbereich. Das sei seine Veranda.

«Ich sitze hier jeden Morgen. Ich mag die Aussicht und schaue zu, wie die Flugzeuge kommen und gehen», sagt er. Viel Bewegungsfreiheit hat Hassan nicht. Es sind nur ein paar Hundert Meter im Transferbereich des internationalen Flughafens.

Im Behinderten-Klo wäscht er sich und seine Kleider mitten in der Nacht, um niemanden zu stören. Vertreter von Air Asia versorgen Hassan mit abgepackten Mahlzeiten, Huhn und Reis. Schlafen tut er unter einer Rolltreppe, abgeschirmt von einer Tafel auf der steht: Liftwartung – entschuldigen Sie die Störung.

Meist sitzt Hassan jedoch auf den Stühlen vor dem Transfer-Tresen und beobachtet die Reisenden. Begonnen hat sein Alptraum vor sieben Jahren mit dem Ausbruch des Krieges in seiner Heimat Syrien. Damals war er in den Vereinigten Arabischen Emiraten und machte als Marketing-Manager Karriere.

Ein Jahr später lief sein Pass ab und er konnte ihn nicht erneuern, weil er desertiert war. Denn an diesem Krieg teilzunehmen, war für Hassan keine Option. «Für mich sind das alles Kriminelle, nicht nur in Syrien, sondern auch im Ausland, in Russland und den USA. Sie kümmern sich nur um das grosse geopolitische Spiel, ihre eigenen Interessen und ihren Profit, nicht aber um die Leute, die Kinder und Mütter, die den Preis für diesen Krieg bezahlen.»

Airline nahm ihn nicht mit nach Ecuador

Ohne gültigen Pass erhielt Hassan kein Visum für die Emirate mehr und so auch keine Arbeit. Fünf Jahre lang versteckte er sich und schlug sich mit Gelegenheitsarbeiten durch. Dann wurde er verhaftet und im vergangenen Jahr mit einem temporären Pass nach Malaysia deportiert. Aber auch hier gab es für ihn weder Arbeit noch eine Visumsverlängerung.

Hassan kaufte sich ein Flugticket nach Ecuador, wo er auf Einlass hoffte. Doch die Airline nahm ihn nicht mit. Er flog nach Kambodscha, von wo er mit demselben Flieger nach Malaysia zurück geschickt wurde. Endstation Flughafenterminal Kuala Lumpur. Hier sitzt er seit dem 7. März fest.

Behörden dulden ihn, aber eine Lösung haben sie nicht

Während Hassan erzählt, setzt sich ein Mann direkt hinter ihn und lauscht mit. Später fotografiert ihn ein Immigrationsbeamter. Die malaysischen Behörden müssen den Gestrandeten in dieser Grauzone zwar dulden, eine Lösung haben sie nicht für ihn. Die Ungewissheit macht Hassan zu schaffen. Sie sei nur auszuhalten, weil er sich eine Mission gegeben habe: Durch sein Schicksal auf jenes aller syrischen Flüchtlinge aufmerksam zu machen.

«Die Leute müssen unsere Geschichten hören, nicht jene der grossen Politik. Als Syrer fühlen wir uns zurückgewiesen und hoffnungslos. Das sind die Gefährlichsten, die Hoffnungslosen, die nichts zu verlieren haben», sagt er.

Hoffnung auf Happy End

Vertreter des UNO-Flüchtlingshilfswerks haben inzwischen mit Hassan gesprochen und suchen nach einer Lösung für ihn. Hassans Ansprüche an seine zukünftige Heimat sind bescheiden: «Ich möchte an einen sicheren, sauberen, modernen Ort gehen, wo die Leute noch an Friede und Liebe glauben und wo es Musik gibt.»

Bis es so weit ist, trägt ihn die Musik aus seiner verlorenen Heimat durch die langen Tage im Flughafenterminal von Kuala Lumpur. Manchmal hofft er, dass seine Geschichte endet, wie jene von Viktor im Film «The Terminal». Im Hollywoodstreifen wacht der Held eines morgens auf. Der Krieg in seinem Heimatland ist zu Ende. Er kann nach Hause zurückkehren.

Der Film «The Terminal»

Im Film «The Terminal» von Regisseur Steven Spielberg wird Viktor, gespielt von Tom Hanks, nicht in die USA gelassen, kann aber wegen eines Militärputschs und dem Krieg, der danach ausbricht, nicht in sein Land zurückkehren. Er steckt monatelang im Flughafenterminal von New York fest.

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13 Kommentare

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  • Kommentar von Margrit Holzhammer (Margrit Holzhammer)
    Es gibt nichts, das es nicht gibt......
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  • Kommentar von Manuela Fitzi (Mano)
    Wenn ein Airline jemanden ohne gültige Reisedokumente mitnimmt, kann die Airline vom Zielland empfindlich gebüsst werden. Es müssen also irgendwie Ersatzdokumente her.
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    1. Antwort von Hanspeter Müller (HPMüller)
      Sie schreiben doch immer, dass jeder Asylbewerber Papiere haben könnte wenn er aus Syrien zu uns kommt? Ich zitiere von oben: "Begonnen hat sein Alptraum vor sieben Jahren mit dem Ausbruch des Krieges in seiner Heimat Syrien. Damals war er in den Vereinten Arabischen Emiraten und machte als Marketing-Manager Karriere. Ein Jahr später lief sein Pass ab und er konnte ihn nicht erneuern, weil er desertiert war." Offenbar ist es doch nicht ganz so einfach.
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    2. Antwort von Manuela Fitzi (Mano)
      @HP: In diesem Falle besitzt dieser Mensch einen abgelaufenen Reisepass und diverse Dokumente, die seine Identifikation einwandfrei belegen. Nochmals: Es geht nicht darum, dass er einen gerade jetzt gültigen Reisepass und Einreisevisa dabei hat. Es geht darum, dass er seine Identität belegt, sprich, ein sicher nicht gefälschtes Dokument präsentiert, auf dem sein Name und seine Nationalität darauf steht. Dies ist bei diesem ehem. Manager gerade ein leichtes Spiel. 2) folgt.
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    3. Antwort von Manuela Fitzi (Mano)
      2) Sie müssen meine Forderung an Identifikation nicht verwechseln mit der misslichen Lage dieses Menschen im Artikel. Denn in der Schweiz bzw. in EU stellt sich die Frage der nicht belegten Identität schon NACH der Ankunft der Menschen in unserem Land. Sie haben es illegal über die Grenzen geschafft. Der ehem. Manager will sich nicht bei den heimatlichen Behörden melden, weil er festgenommen und sofort zurückgeschafft wäre. Deswegen kein Dokument, keine Weiterreise. Logisch differenzieren!
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    4. Antwort von Hanspeter Müller (HPMüller)
      Frau Fitzi,Sie können es schönreden wie Sie wollen.Dieser Mann hat keine gültigen Papiere.Wenn er mit dem abgelaufenen Pass in der Schweiz stehen würde hiesse es er habe keine gültigen Papiere vorweisen können.Er hat wenigstens einen abgelaufenen Pass aber nur weil er schon vorher im Ausland war.Und ja,er kann nicht einfach auf einer Botschaft neue holen,weil Botschaften Hoheitsgebiet des Botschaftslandes sind und er verhaftet würde - so wie tausende Andere,die ohne Papiere in die Schweiz kommen
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    5. Antwort von Manuela Fitzi (Mano)
      @SRF: Themenvorschlag "Rückführung". Vielleicht könnten Sie zusammen mit SEM informieren, was der Unterschied zw. Identitätspapiere und gültige Reisedokumente ist. Auch Schritt für Schritt aufzeichnen, wie komplexe Faktoren eine Rückführung beeinflussen und woran sie scheitern kann. Denn die vorliegende Diskussion (inl. Likes und Dislikes) zeigt auf, dass da viel Unsicherheit besteht. Ich mag da nicht weiterdiskutieren, habe es doch ausführlich versucht, doch Klarsicht wäre wünschenswert.
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  • Kommentar von u. Felber (Keule)
    In Europa würde ihm das garantiert nicht geschehen. Aber immer weiter auf uns rumhacken!
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    1. Antwort von Hanspeter Müller (HPMüller)
      Macht es für die Betroffenen einen riesigen Unterschied ob sie in der Transitzone eines Flughafens feststecken oder auf einer Griechischen Insel?
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    2. Antwort von Manuela Fitzi (Mano)
      @HP: Diese Frage ist doch nicht Ihr Ernst, oder? Also gut, ich nehme es ernst: auf einer griechischen Insel sind die griechischen Behörden zuständig, da griechischer Boden. Hingegen im Transit irgendeines Flughafens ist de facto kein Land zuständig, bzw. es steht jedem zu, nicht zuständig zu sein, denn rechtlich erfolgte noch keine Einreise ins Land. Kein Anspruch auf Soz.hilfe also. ;)
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    3. Antwort von Hanspeter Müller (HPMüller)
      Frau Fitzi, auch die Transitzone ist kein Rechtsfreier Raum und gehört zu dem Land wo der Flughafen steht. Eben so wie auf der Insel kommt dieser Geflüchtete aber nicht weiter, kann nichts tun um seine Situation zu verbessern, ist unerwünscht und erst wenn die Behörden irgendwann ein Einsehen haben findet sich eine Lösung. Die Frage war todernst gemeint als Antwort auf die Feststellung, dass sowas in Europa nicht vor kommt.
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