100. Geburtstag von JFK «Kennedy hätte heute kaum mehr einen solchen Erfolg»

Heute wäre John F. Kennedy 100 Jahre alt geworden. Noch heute gilt er vielen als Symbol für ein fortschrittliches, freies Amerika. Für USA-Kenner Martin Kilian liegt dies auch in einer gewissen Verklärung begründet.

Seine Reden werden immer noch zitiert, Gebäude auf der ganzen Welt sind nach ihm benannt: John F. Kennedy, einer der mythologisiertesten US-Präsidenten, wäre heute 100 Jahre alt geworden. US-Amerikaner fragen sich noch immer: Was wäre gewesen, wenn? Was hätte Kennedy erreichen können, wäre er nicht 1963, nach gerade einmal 1000 Tagen im Amt, in Dallas erschossen worden?

Wäre das Land Kennedys Vision gerecht geworden? Der Vision eines Manns, der sich in einer Zeit für Demokratie und Weltfrieden einsetzte, in der sich die Welt an der Schwelle zu einem Atomkrieg befand. SRF News hat bei USA-Kenner Martin Kilian nachgefragt.

SRF News: Welches Bild haben US-Amerikanerinnen und US-Amerikaner von John F. Kennedy heute?

Martin Kilian: Immer noch ein sehr positives, obwohl seine Amtszeit schon lange zurück liegt. Man sieht es an den Feiern, die an seinem Geburtstag abgehalten werden. Die Ikone Kennedy strahlt heute seltsamerweise noch genau so wie zu seinen Lebzeiten. Da ist natürlich eine Menge Nostalgie dabei, vielleicht auch der Kontrast zur Gegenwart. Aber: Die Erinnerung lebt, Kennedy wird auch heute noch fast vergöttert.

Kennedy galt als weltoffen, fast schon ein Gegenentwurf zum heutigen US-Präsidenten Donald Trump. Hätte er heute immer noch diesen Erfolg?

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Zur Person

Martin Kilian lebt seit 1975 in den USA und ist US-Korrespondent von Tagesanzeiger Online. Er studierte an der Universität Konstanz sowie an der University of Georgia und schloss mit einem Doktorat in amerikanischer Geschichte ab. Zudem berichtete er aus Washington für die Taz, den Spiegel und die Weltwoche.

Das bezweifle ich. Kennedy hätte heute kaum mehr einen solchen Erfolg. Natürlich gab es auch damals Streitpunkte zwischen Demokraten und Republikanern, etwa um die Rassentrennung im Süden. Aber das Land war bei weitem nicht so gespalten wie heute. Man hat damals Lösungen über die Parteigrenzen hinweg gesucht. Heute ist das kaum noch vorhanden. Wir haben in Washington eine derart polarisierte Politik: Selbst ein Halbgott wie Kennedy würde heute nicht mehr das ausrichten können, was er damals hat ausrichten können.

In Kennedys Amtszeit fiel ja auch die Kuba-Krise. Es drohte ein Atomkrieg mit Russland. Es heisst, Kennedy habe einen dritten Weltkrieg verhindert. Trifft das zu?

Irgendwie schon. Er hat ihn verhindert, indem er mit Augenmass und mit klugen Beratern in die Krise reingegangen ist. Wir sind damals meines Erachtens knapp an einem atomaren Krieg vorbeigeschrammt. Ich möchte mir nicht vorstellen, wie die Kuba-Krise heute bewältigt werden würde, wie Trump damit umgehen würde. Ich bin eher pessimistisch.

Kennedy wurde nach nur 1000 Tagen im Amt ermordet. Führt das nicht auch zu einer gewissen Verklärung, weil man nicht weiss, was er noch erreicht hätte?

Das denke ich schon. Hätte Kennedy zwei volle Amtszeiten geleistet, hätten sich Abnützungserscheinungen eingestellt, die wir bei jedem Präsidenten sehen. Ausserdem wäre die Verklärung Kennedys weniger gross ausgefallen. Erstaunlich ist, dass ihm selbst die Skandale um seine ausserehelichen Beziehungen nur wenig anhaben konnten. Aber wäre er acht Jahre im Amt gewesen, dann wäre die Erinnerung an ihn wohl durch einige nicht so schöne Dinge eingefärbt worden.

Das Interview führte Roger Aebli.

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • 100. Geburtstag von John F. Kennedy

    Aus Tagesschau vom 29.5.2017

    Heute wäre John F. Kennedy 100 Jahre alt geworden. Der 35. Präsident der USA wurde 1963 in Dallas erschossen. Wer hinter dem Attentat steckt, ist bis heute ungeklärt. Der "Mythos JFK" lebt weiter.

  • Der Kennedy-Mythos

    Aus Kontext vom 29.5.2017

    JFK war der erste Popstar der Weltpolitik. Wie kein anderer US-Präsident vor ihm machte er sich das Fernsehen und die Fotografie zu Nutzen, um sich als entschlossener, umsichtiger und dennoch sehr nahbarer Politiker zu inszenieren.

    Einzelne Leistungen Kennedys sind unbestritten. Dennoch war er bei weitem nicht jener perfekte Landesführer, liebende Ehemann und fürsorgliche Vater, als den er sich auszugeben pflegte.

    Felix Münger

  • Jackie Kennedy – die dramatische Woche der First Lady

    Aus Kulturplatz vom 25.1.2017

    Der Name Jackie Kennedy steht für Glamour und Stil, aber auch für Tragik. Das historische Attentat auf John F. Kennedy 1963 war schon oft Filmstoff. Nun steht erstmals die First Lady im Zentrum eines Spielfilms. «Jackie» zeigt die sieben Tage zwischen Attentat und Beerdigung. Natalie Portman spielt die Titelrolle grandios. Der Hollywoodstar spricht im Interview mit «Kulturplatz» über ihr Verhältnis zur Figur Jackie. Film und Hauptdarstellerin sind chancenreiche Kandidaten für die diesjährigen Oscars, die Ende Februar vergeben werden.

    Denise Langenegger, Richard Herold

  • Der Mythos Kennedy ist ungebrochen

    Aus Echo der Zeit vom 21.11.2013

    Vor fünfzig Jahren wurde US-Präsident John F. Kennedy 46-jährig in Dallas, Texas, ermordet.

    Seine Popularität ist bis heute ungebrochen, obwohl sein politischer Leistungsausweis eigentlich ziemlich dünn geblieben ist.Die kollektive Trauer veranlasste 1963 auch den Bundesrat, über den eigenen Schatten zu springen.

    Beat Soltermann und Max Akermann