Zum Inhalt springen

Header

Audio
Afroamerikaner landen häufiger im Gefängnis als Weisse
Aus SRF 4 News aktuell vom 31.03.2021.
abspielen. Laufzeit 05:26 Minuten.
Inhalt

Kiffen ohne Gefängnisstrafe New York bekämpft Rassismus mit Cannabis-Legalisierung

Der US-Bundesstaat New York will den Konsum von Cannabis legalisieren und damit zwei grosse Probleme auf einen Streich lösen: Zum einen sollen Steuereinnahmen generiert werden, zum anderen will man den strukturellen Rassismus bekämpfen. Was dahintersteckt, weiss der Journalist Thorsten Denkler.

Thorsten Denkler

Thorsten Denkler

Personen-Box aufklappenPersonen-Box zuklappen

Der Journalist Thorsten Denkler ist USA-Korrespondent für die «Süddeutsche Zeitung». Er lebt in New York.

SRF News: Wer wird am meisten von der Legalisierung profitieren?

Thorsten Denkler: Indem Anbau, Besitz und Handel legalisiert werden, sollen möglichst viele Menschen aus den Gefängnissen herausgehalten werden. Dabei soll die Ungerechtigkeit abgeschafft werden, dass vor allem Afroamerikaner wegen des Handels und Gebrauchs von Marihuana hinter Gitter gesteckt werden. Zudem ist Cannabis ein grosses Geschäft: Schätzungen gehen davon aus, dass mit der Droge dereinst allein in New York bis zu sechs Milliarden Dollar umgesetzt werden.

Gouverneur Cuomo gibt nach

Box aufklappenBox zuklappen
Gouverneur Cuomo gibt nach
Legende: Reuters

New York hat sich lange gegen eine Legalisierung von Cannabis gewehrt, doch jetzt hat Gouverneur Andrew Cuomo nachgegeben. Er muss das Gesetz, das von beiden Parlamentskammern verabschiedet wurde, unterzeichnen. New York ist der insgesamt 15. Bundesstaat in den USA, der Marihuana legalisiert – und zugleich einer der letzten von Demokraten regierten Gliedstaaten, welche die Droge noch nicht entkriminalisiert haben. Entsprechend gross wurde der Druck auf New York – dort ist der Marihuana-Konsum relativ hoch – endlich vorwärts zu machen. Die Regierung des Bundesstaats erhofft sich dadurch dereinst Steuereinnahmen von bis zu 350 Millionen Dollar jährlich. (Thorsten Denkler)

Mit der Legalisierung soll also vor allem der Rassismus bekämpft werden. Wie hängt das konkret zusammen?

Die Zahlen zeigen, dass dem von Ronald Reagan Anfang der 1980er-Jahre gestarteten Kampf gegen die Drogen vor allem Afroamerikaner zum Opfer gefallen sind.

Dem Kampf gegen die Drogen sind vor allem Afroamerikaner zum Opfer gefallen.

Zwar ist der Konsum von Marihuana laut Studien in allen Bevölkerungsgruppen ungefähr gleichmässig verteilt. Doch im Gefängnis landen vor allem Schwarze. Inzwischen befinden sich in den USA insgesamt rund 1.4 Millionen Menschen hinter Gittern – und in sehr vielen Fällen hat das mit dem Kampf gegen Drogen zu tun.

Marihuana-Plantage.
Legende: Marihuana wird in New York ein Milliardengeschäft – mit Steuereinnnahmen für den Bundesstaat von bis zu 350 Millionen Dollar pro Jahr. Reuters

Wie ist diese Ungleichbehandlung zwischen weissen und schwarzen US-Amerikanern möglich?

Ein Faktor ist etwa die höhere Polizeidichte in Quartieren, in denen die Kriminalitätsdichte höher ist. So gibt es etwa in Teilen Brooklyns grundsätzlich mehr Polizeikontrollen als etwa in der Upper Westside. Das heisst aber nicht, dass in der Upper Westside weniger Cannabis geraucht würde als in Brooklyn. Weil in Brooklyn aber mehr kontrolliert wird, ist die Chance für einen schwarzen Mann, wegen Cannabis verhaftet zu werden, einfach viel grösser, als für einen Weissen in der Upper Westside.

Was sind die Folgen dieser Praxis?

Für die Gesellschaft sind sie massiv. Denn ein eingesperrter Mensch kann kein eigenes Einkommen erzielen. Auch sind die Haftstrafen im Vergleich zu Europa mit bis zu zehn oder 15 Jahren für Cannabis-Vergehen extrem hoch. Dadurch werden Existenzen, Familien und Leben zerstört. Ich wohne in Crown Heights, wo der Anteil der schwarzen Bevölkerung relativ gross ist. Hier gibt es kaum eine Familie, die nicht einen Angehörigen hat, der wegen Drogenbesitzes schon im Gefängnis war.

Durch die Kriminalisierung werden Existenzen, Familien und Leben zerstört.

Die Betroffenen finden nach der Haft oft keine Arbeit, keine Wohnung oder erhalten keine Geschäftskredite. All das für ein bisschen Spass mit Marihuana. Viele US-Bundesstaaten haben das Problem inzwischen erkannt und die Droge legalisiert.

Ändert die Cannabis-Legalisierung etwas am Grundproblem des strukturellen Rassismus in den USA?

Nein. Aber es ist immerhin ein Schritt in die richtige Richtung, der auch funktioniert. Das zeigen die Zahlen. Der strukturelle Rassismus hat etwa auch zur Folge, dass nur wenige Afroamerikaner eigene Geschäfte eröffnen und auf eigenen Füssen stehen. Ein Grund dafür liegt darin, dass die Banken ihnen kaum Geschäftskredite geben. In der Tat zeigen Untersuchungen, dass ein Afroamerikaner bei gleichen Ausgangsbedingungen weniger Chancen hat, einen Kredit zu erhalten, als ein Weisser.

Das Gespräch führte Marlene Oehler.

SRF 4 News vom 31.3.2021, 11:15 Uhr;

Jederzeit top informiert!
Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden.
Schliessen

Jederzeit top informiert!

Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden. Mehr

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren. Weniger

Push-Mitteilungen aktivieren

Sie haben diesen Hinweis zur Aktivierung von Browser-Push-Mitteilungen bereits mehrfach ausgeblendet. Wollen Sie diesen Hinweis permanent ausblenden oder in einigen Wochen nochmals daran erinnert werden?

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

32 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von paul muon  (nicholas)
    Der wichtigste Grund wird hier vergessen: die meisten Leuten sind gegen das Verbot, weil es unnötig ist und viele auch selbst mal davon geniessen.

    Es braucht generell sehr gute Gründe für Verbote und Einschránkungen der persönlichen Freiheit. Es hat sich gezeigt, dass die Gründe für das Verbot auf Hanf auf Lügen und überholte Wissenschaft beruht haben. Das Verbot macht nur den Staat unglaubwürdig, und bewirkt sonst nichts ausser etwas Elend bei vielen Bürgern.
  • Kommentar von Manuela Fitzi  (Mano)
    Ich möchte auch mal meinen Nachbarn anzeigen, der ständig auf dem Balkon kifft und zwar so, dass wir unsere Fenster an einem schönen Sommerabend nicht offen lassen können. Da dieser Nachbar ein Einheimischer ist, ich aber nicht, bin ich ja nach diesem Artikel Einheimischfeindlich. Si claro.
  • Kommentar von Valentin Haller  (Projektionsfläche)
    Auch Cannabis ist zu legalisieren, weil es schlicht und ergreifend keine vernünftigen Argumente für ein Verbot gibt. Zumindest solange Alkohol und Tabak legal sind.

    Eine konsequente Drogenpolitik kennt nur zwei Wege: Vollständige Legalisierung oder vollständige Prohibition. Dass Prohibition mehr Probleme erzeugt als löst, hat die Weltgeschichte genügend gezeigt, folglich ist zu legalisieren.

    Zudem: Ein liberales Grundverständnis beinhaltet notwendig auch das Recht auf Selbstschädigung.
    1. Antwort von Ueli Lang  (Wochenaufenthalter)
      Gegen das Recht auf Selbstschädigung ist an sich nichts einzuwenden, nur sollte der Selbstgeschädigte dann nicht nach der Gemeinschaft rufen, wenn der Schaden repariert oder therapiert werden muss. Die Vollkaskomentalität zu Nulltarif passt da nicht ganz in Ihr Konzept. Das liberale Grundverständnis beinhaltet durchaus auch Selbstverantwortung und nicht die Externalisierung der Schadenssumme an die Allgemeinheit und den Genuss für sich selbst!
    2. Antwort von Mark Keller  (mkel)
      @Lang: Ihr Argument hinkt dahingehend, dass diese Kosten bereits jetzt von der Allgemeinheit getragen werden. Und zwar sowohl für legale Substanzen wie Alkohol oder Tabak, als auch für noch illegale wie Cannabis oder ganz illegale wie harte Drogen. War schon immer so und wird auch so bleiben, ausser sie wollen das Solidaritätsprinzip abschaffen.