Klima-Debatte: Überleben im Sumpf der Halbwahrheiten

In Paris ist die UNO-Klimakonferenz über die Bühne gegangen. Auch 20 Jahre nach Auftauchen auf der politischen Agenda ist das Thema heiss umstritten. «Klima-Apokalyptiker» und «Klima-Skeptiker» feuern aus allen Rohren. Auf der Strecke bleibt die Meinungsbildung. Prekär besonders für junge Menschen.

Wer dieser Tage versucht, sich unvoreingenommen eine Meinung zum Klima und zu seinem Wandel zu bilden, verläuft sich schnell im Nirgendwo medialer Wirklichkeitsabbildung.

Sumpflandschaft in New Orleans in einer klimatisch gewittrigen Abenddämmerung. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Wer im «Klimawandel» wen für welche (falsche) Information bezahlt, bleibt im Sumpf ökonomischen Kalküls verborgen. Reuters

Der Wackere auf Wahrheitssuche begegnet Heerscharen hochkarätiger Wissenschaftler, die ihm vor Augen führen, wie in den nächsten hundert Jahren jede fünfte Küstenstadt im Meer versinkt. Gleich um die Ecke trifft er dann auf die Phalanx der «Klimaleugner». Dort machen sie ihm mit ebenso eloquenten Argumenten deutlich, dass der Klimawandel eine Wahnvorstellung und das UNO-Gremium ein Verein selbstverzückter Bürokraten ist.

Kurz: Die Substanz, aus der wir unsere Meinung bilden, ist eine Kakofonie aus Wahrheit, Halbwahrheit, Lüge und Intrige. Welches Ausmass das inzwischen angenommen hat, zeigen mehrere Studien.

Absichtliche Fehlinformationen

Der US-Soziologe Justin Farrell von der Yale University untersuchte die Methoden und Geldströme der Klimaskeptiker und wies ein regelrechtes «Ökosystem der Einflussnahme» nach.

Für Hunderte von Millionen lancierten Lobbyisten laut Forschungsbericht medial verbreitete Fehlinformationen und desavouierten etablierte Ergebnisse der Klimaforschung. Dass in einem solch unsteten informativen Umfeld eine unvoreingenommene Meinungsbildung schwer wird, versteht sich von selbst.

«  Junge Menschen konsumieren Informationen oft von der Hand in den Mund. »

Anne Schulz
Medienwissenschaftlerin IPMZ

Dies räumt auch Anne Schulz ein. Sie ist Medienforscherin am Zürcher Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung IPMZ und arbeitet zurzeit im Projekt «Populismus im Kontext der Globalisierung und Mediatisierung».

Die politisch nachwachsende Generation Y verinnerlicht eine neue Form des Informationsverhaltens: sie bekommen Information nicht mehr, sie nehmen sie sich. Dabei werden Informationen nebenbei aufgeschnappt. «Junge Menschen konsumieren dann Informationen oft von der Hand in den Mund», charakterisiert Schulz die meinungsprägende Infomationszuwendung der Generation Y.

Eine Form allerdings, die nicht nur den Jungen vorbehalten ist, wie Schulz einräumt. Auch ältere Kohorten übernehmen nach und nach dieses Informationsverhalten.

Jedem seine Wahrheit

Das erste Problem dabei: Vor dem Hintergrund globalisierter Information bekommt jeder eine auf einen bestimmten Suchkontext hin individualisierte Antwort – Wahrheit à gogo sozusagen. Ein weiteres Problem ergibt sich aus einem urmenschlichen Verhalten.

Laut Schulz neigen Menschen unter bestimmten Umständen dazu, bei einem komplexen Problem Lösungsvorschläge vorzuziehen, die möglichst einfach sind. Solche Umstände sind mannigfach: Der Intellekt kann fehlen, oder man hat nicht genügend Zeit. Auch Müdigkeit und Ablenkung können eine Zuwendung zu Komplexem behindern. Dann können Menschen anfällig für die Thesen populistischer Rufer werden.

Ein Befund, den der deutsche Soziologe Stephan Lewandowsky mit seiner Studie zur Mechanik von Verschwörungstheorien noch weiter zuspitzen – und auch dramatisieren – konnte.

Der Kommunikationsforscher an der Uni Mannheim fand heraus, dass Menschen, die an Verschwörungstheorien glauben, umgekehrt dazu neigen, wissenschaftliche Befunde abzulehnen.

Der unheilvolle Kreis schliesst sich: Informationssuchende sind aufgeschlossen für einfache, Komplexität reduzierende Information. Sie finden sie konzentriert und populär aufgemotzt in Verschwörungstheorien und lehnen genau diejenigen Mittel ab, die sie von ihrem Irrweg abbringen könnten.

Wie aber bleibt man in all dem Sumpf auf dem richtigen Meinungspfad? Die Medienwissenschaftlerin rät in erster Linie zu mehr persönlichen Gesprächen.

Anne Schulz hat ein Rezept in 3 Schritten.

  1. Zu einem Thema bewusst gegenteilige Informationen aufnehmen (im Klimawandel z.B. Deza-Bericht und ein Artikel im «Zeitpunkt»).
  2. Diese Informationen in einem Kreis zur Sprache bringen, den man für glaubwürdig hält. Das können die Familie sein, die Freunde auf Facebook, ein Themenzirkel.
  3. Um eine Publikation einzuschätzen, stelle man sich die Komplexitätsfrage: Wie viele Komponenten hat das Problem? Im Falle des Klimawandels sind es unzählige. Je komplexer also eine Sache ist, «umso geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass man ihrer Wahrheit in einem einzelnen Zeitungsartikel begegnen kann», so Schulz.

Und die Moral von der Geschichte: Man kann heute niemanden davon abhalten, sich zu seiner eigenen Wahrheit die passenden Informationen zu beschaffen. Dadurch bildet man aber keine Meinung, dadurch verkrustet man sie.

Gemäss Schulz müssen wir die Wahrheiten mehr denn je in echten Gesprächen herausschälen.