Zum Inhalt springen

Header

Audio
Addio Toskana rossa?
Aus Echo der Zeit vom 15.09.2020.
abspielen. Laufzeit 06:31 Minuten.
Inhalt

Kommunalwahlen in Italien Stimmungstest für die Regierung Conte

Am Wochenende wird in sieben Regionen und mehreren Städten gewählt. Umfragen sagen den Regierungsparteien Verluste voraus. Ein Augenschein aus der Toskana von Italien-Korrespondent Franco Battel.

Galluzzo ist ein Vorort von Florenz. In einem hübschen Park hat der sozialdemokratische Partito Democratico Tische und Stühle aufgestellt für die Festa dell'Unità, für das traditionelle, sommerliche Partei-Fest.

Wahlkampfveranstaltung in Florenz.
Legende: Festa dell’Unità in Galluzzo bei Florenz. SRF Franco Battel

Wie immer stehen Reden auf dem Programm und es gibt reichlich zu essen und zu trinken.

Sandra Caricchioli, die Köchin, rührt bereits in ihren Töpfen. «Ich habe schon für die Kommunisten, für den Partito Comunista, Krapfen frittiert», sagt die kleine, rundliche Frau.

Diese Feste helfen uns, eine Gemeinschaft zu bilden und der Öffentlichkeit zu zeigen, dass es uns gibt.
Autor: Sandra Caricchioli

Heute allerdings kocht Cariccioli für die Nachfolgepartei, den Partito Democratico, pasta fresca, also frische Teigwaren. «Diese Feste helfen uns, eine Gemeinschaft zu bilden und der Öffentlichkeit zu zeigen, dass es uns gibt.»

«Rote» Toskana in Gefahr

Das scheint nötig zu sein: denn die Sozialdemokraten haben grosse Mühe, ausgerechnet in der Toskana, in einem ihrer Stammlande. Gemäss allen Umfragen liegen linke und rechte Parteien fast gleichauf, erstmals also könnte die Toskana eine rechte Regionalregierung erhalten. Um das zu verhindern, kämpft der Partito Democratico mit viel Prominenz, auch hier in Galluzzo.

David Sassoli, der Präsident des EU-Parlaments und Eugenio Giani, der sozialdemokratische Spitzenkandidat, sind eben auf dem Festgelände eingetroffen.

Spitzenkandidat Giani lobt in seiner Rede das regionale Gesundheitswesen. Die von der Linken regierte Toskana habe die Corona-Pandemie weit besser überstanden als die von der Rechten regierte Lombardei. In der Lombardei seien 17'000 am Virus gestorben, in der Toskana lediglich 1300.

Wahlkampfthema Gesundheitspolitik

Der Sozialdemokrat räumt sofort ein, dass in der Toskana weniger Leute lebten, doch auch im Verhältnis liege die Zahl der Opfer in der Lombardei weit höher. Das liege eben auch daran, dass Matteo Salvinis Lega in der Lombardei das Gesundheitswesen in vielen Bereichen privatisiert habe. Nur wer Sozialdemokraten wähle, verhindere, dass dies auch in der Toskana geschehe – dies die Botschaft der langjährigen Regierungspartei.

Der Austritt Italiens aus der EU oder dem Euro stehen nicht auf der Agenda der Lega.
Autor: Jacopo AlbertiRegionalpolitiker für die Lega

Und David Sassoli, der italienische Spitzenpolitiker in Brüssel, lockt noch mit etwas anderem: nämlich mit jenen Milliarden, die von der EU schon bald Richtung Italien fliessen sollen. Einzig den Sozialisten und den Progressiven sei es zu verdanken, dass die EU ihre strenge Sparpolitik endlich aufgegeben habe. Sassolis Botschaft ist klar: nur die Linke garantiere den Zugang zu den EU-Milliarden des Recovery Fund, während die rechte Lega die EU-Mitgliedschaft Italiens infrage stelle.

Nur ein paar Kilometer entfernt, in einer Bar mitten in Florenz. Dort hat sich Jacopo Alberti eben ein Glas Chianti bestellt. Der knapp 50-Jährige politisiert im Regionalparlament für Salvinis Lega und kandidiert nun erneut. Er weist Sassolis Aussage, wonach die Lega die EU verlassen wolle, zurück: «Der Austritt Italiens aus der EU oder dem Euro stehen nicht auf der Agenda der Lega.»

Zerstrittene Linke

Auch bezüglich des Gesundheitswesens widerspricht Alberti den Aussagen der Sozialdemokraten. Die Lega habe in keiner Art und Weise vor, das toskanische Gesundheitswesen zu privatisieren, im Gegenteil: «Wir wollen vor allem in den Randregionen wieder mehr Geld in die Spitäler investieren.» Denn die Linke habe die Toskana in ihren langen Jahren an der Macht gespalten.

Wir wollen vor allem in den Randregionen wieder mehr Geld in die Spitäler investieren.
Autor: Jacopo AlbertiKandidat, Lega.

Es gebe jene Toskana, die floriere, in der Schulen und Spitäler funktionierten, vor allem in und um Florenz. Und dann gebe es die Randgebiete, wo der Staat Spitäler geschlossen habe, wo Junge kaum Arbeit fänden, wo die Krise hart zuschlage. Jacopo Alberti sagt: «Genau diese Gebiete hat die Linke bereits verloren.»

Tatsächlich: in Siena, in Arezzo, in Grosseto, in Massa, in der Mehrzahl der toskanischen Provinzhauptstädten, regiert heute schon die Rechte. Darum könnte sie nun erstmals die Mehrheit in der ganzen Region erobern.

Noch ein anderer Faktor begünstigt die Rechte: Die toskanischen Linksparteien treten zersplittert an. Neben dem Sozialdemokraten Giani kandidiert eine autonome, linke Liste. Und das Movimento Cinque Stelle hat eine ebenfalls eher dem linken Spektrum zuzuordnende Kandidatin aufgestellt. Während dem die Rechte sich auf eine einzige Kandidatur einigen konnte. Auch darum könnte die «rote Toskana» schon bald Geschichte sein.

Echo der Zeit,15.9.2020, 18 Uhr

Jederzeit top informiert!
Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden.
Schliessen

Jederzeit top informiert!

Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden. Mehr

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren. Weniger

Sie haben diesen Hinweis zur Aktivierung von Browser-Push-Mitteilungen bereits mehrfach ausgeblendet. Wollen Sie diesen Hinweis permanent ausblenden oder in einigen Wochen nochmals daran erinnert werden?

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

7 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Walter Schär  (Fakten)
    Obwohl die Partito Democratico (PD) und das Movimento 5 Stelle (M5S) als Koalition die Regierung Italiens bilden, stellt das M5S für die Toskana eine eigene Kandidatin (Irene Galletti) auf. Gemäss Umfrage kommt sie nur auf etwa 9%, dieser Stimmenanteil geht dann bei der PD verloren. Sind die beiden Regierungsparteien so gespalten?
  • Kommentar von Ueli von Känel  (uvk)
    Conte hat seine Sache gut gemacht. Wesentlich besser als der zum Postfaschismus neigende Salvini mit seinem erbarmungslosen Umgang mit Flüchtlingen auf Rettungsschiffen und mit anderen Leuten, die nicht seiner Meinung sind. Conte ist menschlich viel besser und vielseitiger mit einem Herz für die verschiedenen sozialen Schichten in Italien. Deshalb verdient er bei diesen Regionalwahlen durch entsprechende Resultate grosse Estimation.
    1. Antwort von Christophe Bühler  ((Bühli))
      Ich bin heute aus der Toskana zurück und sehe das eher wie es SRF beschreibt. Ein Sieg der Rechten scheint angesichts der zunehmenden Arbeitslosigkeit eher möglich, als die ausgelutschte Umverteilung mit Sozialismus.
    2. Antwort von Enrico Dandolo  (Doge)
      Lieber Herr von Känel, Conte (Parteilos!) hat seine Sache tatsächlich gut gemacht. Hier ist aber die Rede von Regionalwahlen, und da ist es sehr wohl möglich, dass die Stimmung ganz anders ist. Wäre bei uns kantonal nicht anders.
    3. Antwort von Ueli von Känel  (uvk)
      Herr Dandolo: Ich bin mir bewusst, dass es „nur“ um Regionwahlen geht. Aber diese sind schon auch ein „Stimmungstest“ gegenüber der Regierung der „Repubblica Italiana.
      Herr Bühler: Der Ausdruck „ausgelutschte Unverteilung“ ist wohl eher ein persönliches Feindbild gegen links. Umverteilung wird vor allem von jenen verteufelt, die am Status Quo nichts verändern wollen: Protegieren Reicher;demgegenüber Armen aus Egoismus nicht denselben Stellenwert beimessen. Der Welt täte mehr Gerechtigkeit not.
    4. Antwort von Ueli von Känel  (uvk)
      Fortsetzung: Herr Bühler: „Ausgelutschter Sozialismus“ kann für die eine oder andere Person ein Deckmänteli dafür sein, mehr soziale Gerechtigkeit deswegen nicht zu wollen, weil man dann ein bisschen und verbindlich mit anderen teilen müsste. Dabei finde ich Teilen etwas Sinnstiftendes und Schönes. Wenn eine Welt das Teilen ganz verlernt, dann handeln wir für Gegenwart und Zukunft verantwortungslos.
    5. Antwort von Christophe Bühler  ((Bühli))
      @Ueli von Kännel: Umverteilung, Theorie schafft keine Arbeitsplätze, sondern mehr unnütze Bürokratie und somit noch mehr Ungerechtigkeit. Wenn Sie privat anderen etwas geben wollen, z.Bsp. Trinkgeld für die Zimmerfrau oder den Kellner in Siena, San Giminiano oder Montepulciano, dann helfen Sie direkt. Ein Lachen auf den Gesichtern der gebeutelten Toscanesi entschädigt mehr als Theorie