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70 Jahre «Der Spiegel» Kontrollinstanz über die Machthabenden

Das deutsche Nachrichtenmagazin feiert Geburtstag. Bis heute habe «Der Spiegel» seine selbstgesetzten journalistischen Standards gehalten, sagt der Medienhistoriker Hans-Ulrich Wagner.

Legende: Audio «‹Der Spiegel› hat es verdient, sich diese Zitate anzuheften» abspielen. Laufzeit 7:42 Minuten.
7:42 min, aus SRF 4 News aktuell vom 04.01.2017.

SRF News: Welche Ansprüche hatten die Gründer des Nachrichtenmagazins «Der Spiegel» 1947?

Hans-Ulrich Wagner: «Der Spiegel» wollte zunächst einmal etwas ganz Neues sein. Er sollte ein Magazin sein nach dem Vorbild des amerikanischen «Time-Magazine» oder der «News-Review». Zwar gab es auch schon in den 1920er- und 1930er-Jahren Magazine in Deutschland als Format. Doch ein Magazin nach anglo-amerikanischem Vorbild in Deutschland zu machen, in der Medienlandschaft von Hannover und es dann in Hamburg herauszugeben – das war in der britischen Zone in Norddeutschland 1947 das Tolle.

Die ‹Spiegel›-Journalisten nervten die Politik. Das ist das Beste, was der Presse passieren kann.

Erster Chefredaktor war Rudolf Augstein, er war bei der Gründung des «Spiegels» erst 23 Jahre alt. Er blieb sein Leben lang beim «Spiegel» und ist auch heute noch als Herausgeber posthum aufgeführt. Wer war Augstein 1947?

Augstein ist ein typisches Beispiel eines dieser damals jungen Männer, die aus dem Krieg kommen. Er war Funker im Krieg und musste «normal» am Kriegsgeschehen teilnehmen, wie damals alle jungen Deutschen. Viele dieser Männer kamen mit einem riesigen Elan aus dem Krieg zurück. Die junge Generation hatte den starken Willen des Wiederaufbaus und des Schaffens. Augstein ist dabei nur einer von sehr Vielen. Auch die Briten setzten auf diese zwar unerfahrenen, aber jungen Männer voller Gestaltungsdrang.

«Der Spiegel» konnte schnell an Auflage zulegen. Was war sein Erfolgsgeheimnis?

Zunächst war er ein interessantes Magazin mit sehr unterschiedlichen Beiträgen – erst später wurde er quasi zur Speerspitze der Demokratie in Deutschland. In der Anfangszeit stillte «Der Spiegel» mit seinen vielfältigen und bebilderten Artikeln aus Deutschland und aller Welt vor allem den Hunger nach Information im Land. Speziell war seine Stellung als Wochenmagazin – im Gegensatz zur Tagespresse.

Die ‹Spiegel-Affäre› 1962 war eine Bewährungsprobe für die westdeutsche Demokratie – diese hat sie bestanden.

1962 schrieb «Der Spiegel» sehr kritisch über die Bundeswehr und die Nato: Er warf ihnen vor, einem sowjetischen Angriff nicht standhalten zu können. Als Folge wurden mehrere Redaktoren des Magazins verhaftet, unter ihnen auch Chefredaktor Augstein. Was machte die «Spiegel-Affäre» mit dem Magazin?

Die «Spiegel-Affäre» 1962 war der Höhepunkt dessen, was sich bereits vorher abgezeichnet hatte: «Der Spiegel» hatte als Magazin, das genau recherchiert, investigativ tätig ist, aufdeckt und nachfragt schon vorher Skandale und Affären ans Licht gebracht. Die «Spiegel-Affäre» war schliesslich bloss der Kulminationspunkt, indem sich die Presse derart mit der Staatsmacht anlegte, dass diese versuchte, zurückzuschlagen. Doch die Festsetzung Augsteins und der Versuch der Behörden, die Presse zu beschneiden, misslang sowohl auf der juristischen Ebene wie auch in der deutschen Nachkriegsgesellschaft. Die Journalisten des «Spiegels» erfuhren Solidarität von anderen Journalisten, etwa jenen der Sendung «Panorama» des deutschen Rundfunks. Kritisch denkende Journalisten und normale Bürger solidarisierten sich mit der Pressefreiheit, die durch den «Spiegel» verkörpert wurde. Es war eine Art Bewährungsprobe für die westdeutsche Demokratie, die Pressefreiheit und die Rolle der Presse in der Nachkriegsgesellschaft. Und die Gesellschaft hat sie bestanden.

Schwarz-weiss-Foto: Männer hinter einem Stapel Bücher.
Legende: Augstein (rechts) klagte nach der «Spiegel-Affäre» einen Verstoss gegen die Pressefreiheit ein – und verlor. Keystone Archiv

«Der Spiegel» hat sich den kritischen Journalismus damals auf seine Fahne geschrieben – kann er diesen Anspruch bis heute erfüllen?

Er hat ihn tatsächlich über viele Jahrzehnte aufrechterhalten. Es gab sowohl vor wie auch nach der «Spiegel-Affäre» Meilensteine in der Geschichte des Magazins. Man denke etwa an die «Flick-Affäre», Link öffnet in einem neuen Fenster oder die «Neue-Heimat-Affäre», Link öffnet in einem neuen Fenster. Immer wieder schaffte es «Der Spiegel» also, Affären – Missstände in der Gesellschaft – aufzudecken. Dabei galten stets die «Spiegel»-eigenen Grundsätze der wasserdichten Recherche, der Kontrolle und des Faktenchecks mittels des «Spiegel»-Archivs. Dieses Vorgehen führt zu den auf dem neusten «Spiegel»-Cover aufgeführten Zitaten von deutschen Politikern, die das Magazin auch mal ein «Scheissblatt» genannt haben. Das betrifft sowohl CDU- als auch SPD-Politiker. Vereinfacht gesagt, nervten die «Spiegel»-Journalisten die Politik. Das ist das Beste, was der Presse mit journalistischem Anspruch passieren kann: Sie wird zum Korrektiv der Politik und zu einer Art Kontrollinstanz der Machthabenden. Deshalb hat es der «Spiegel» durchaus verdient, sich diese Zitate nun anzuheften. Es sind dies Schmuckstücke, die er sich durch seine Geschichte verdient hat.

Das Gespräch führte Monika Glauser.

Hans-Ulrich Wagner

Hans-Ulrich Wagner

Hans-Ulrich Wagner leitet die Forschungsstelle Mediengeschichte am Hans-Bredow-Institut in Hamburg.

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18 Kommentare

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  • Kommentar von Harald Buchmann (Harald_Buchmann)
    spiegel online zensiert alle DIskussionsforen zu Russland, damit die billige CIA Propaganda nicht kommentiert werden kann. ein Sprachrohr der USA. zumindest verstehe ich jetzt nach diesem Artikel, dass dies von Anfang an das Ziel war.
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  • Kommentar von m. mitulla (m.mitulla)
    ...Fortsetzung (falls der erste Kommentar nicht über die "Netiquette" stolpert): So gesehen kontrolliert "der Spiegel" nicht die Mächtigen, sondern die Mächtigen kontrollieren "den Spiegel" - genau wie (fast alle anderen Printmedien und auch das öffentlich- rechtliche Fernsehen. Gerne erinnere ich in diesem Zusammenhang wieder die Studie des Forschungsprojekts zu Propaganda in CH Medien vom Oktober 2016: "Die Propaganda-Analyse" am Beispiel SRF - aber auch NZZ und andere Medien sind erwähnt.
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  • Kommentar von Hans Bernoulli (H.Bernoulli)
    Nebst der üblichen Atlantikbrücke-Propaganda fanden sich immer wieder interessante, etwas abeweichende Artikel im Spiegel, wie z.B. die Kolummnen von Jakob Augustein. Dass die Kommentare zu Russland und USA stark zensuriert werden, ist kein Ruhmesblatt für die Zeitung und zeigt wie sehr sie auch als Propagandainstrument der Atlantiker dient.
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    1. Antwort von m. mitulla (m.mitulla)
      "Der Spiegel" vertritt die Kriegsgurgel, die sich "deutsche Regierung" nennt. Seit dem völkerrechtswidrigen Kosovokrieg hat Deutschland sein Versprechen "nie wieder Krieg, ausgehend von deutschem Boden" immer öfters gebrochen. Heute kriegen die Deutschen mindestens in Afghanistan, Syrien, Mali. Ausgabe 47/2006 titelte denn "der Spiegel" auch entsprechend: "Die Deutschen müssen das Töten lernen." In diesem und im Sinne der Transatlantiknetzwerke ist die Kriegstreiberei als Propaganda zu verstehen
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