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Pascal Nufer: «Leute sind verschwunden, weil ich sie interviewte»
Aus Focus vom 18.05.2020.
abspielen. Laufzeit 58:23 Minuten.
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Korrespondent blickt zurück Versuch einer Versöhnung mit dem Reich der Mitte

Der ehemalige SRF-Korrespondent Pascal Nufer schaut in einem Buch und einer DOK-Serie auf seine Zeit in China zurück. Entstanden ist eine Suche nach Versöhnung mit den Menschen im Reich der Mitte.

Meine Zeit als Korrespondent in China ist zu Ende, doch meine Faszination an diesem unfassbaren Land und seinen Menschen ist ungebrochen. Mit mir nehme ich tausende unbezahlbare Erfahrungen und Geschichten von Menschen, die an eine grosse Zukunft glauben.

Mit im Gepäck ist aber auch das beklemmende Gefühl, dass China bereits vor mir in meiner alten Heimat Europa angekommen ist: China werde ich nicht mehr los, und das gilt wohl für uns alle.

Je länger ich als Journalist in China gearbeitet habe, desto grösser wurde auch das Gefühl der Ohnmacht gegenüber dem immer mächtiger werdenden Staat. Immer öfter wurde daraus auch ein Gefühl der Wut gegen ein unmenschliches System, das seine eigenen Bürger verfolgt, verhört und überwacht.

Zum Abschluss meiner Zeit in China suchte ich deshalb einen Weg zur Versöhnung. Entstanden sind vier Filme, in denen ich für einmal nicht auf den mächtigen Staat fokussiere, sondern auf die Menschen.

Wahrsager sagte Corona voraus

Wir schreiben den zweiten Tag des chinesischen Jahrs der Ziege, als das Unheil seinen Lauf nimmt. Rauch geschwängert liegt die Luft schwer unter den offenen Dächern des «Che Kung Tempels».

Es ist ein kühler Sonntagmorgen im sonst schwül-heissen Hongkong. Patrick Ho Chi-Ping schüttelt den Bambusköcher so lange, bis sich ein Stäbchen aus dem Bund löst und zu Boden fällt. Es ist die Nummer 83.

Diese Szene spielte sich im Jahr 2003 etwa so in einem der berühmtesten daoistischen Tempel der chinesischen Sonderverwaltungszone Hongkong ab. Was danach kam, verfolgt die Stadt bis heute: Die Nummer 83 steht für Unheil und eine schlechte Zukunft. Der Wahrsager des berühmten Tempels prophezeite der Stadt Hongkong eine Seuche und eine Wirtschaftskrise.

Wenige Monate später zwang die Lungenkrankheit Sars die Stadt in die Knie. Die Welt hörte zum ersten Mal von der Gefahr eines Virus, das unter dem Mikroskop einer Krone ähnelt. Die Fachwelt benannte diese Art Viren beim lateinischen Namen Corona.

Für den Politiker Patrick Ho war es das einzige und letzte Mal, dass er im Auftrag des Stadtparlaments zum chinesischen Neujahr die Götter um Rat für die Zukunft der Stadt bitten durfte. Doch die Tradition lebt bis heute weiter. Jahr für Jahr zieht ein Parlamentarier in diesem Tempel ein Stäbchen, und die berühmtesten Wahrsager Hongkongs errechnen daraus das politische Horoskop der Stadt.

Doch nicht nur in Hongkong ist der Glaube ans Übersinnliche tief verankert. Wahrsagerei gehört zum Daoismus, dem Glauben, der in der chinesischen Kultur am meisten gelebt wird.

Die Wirtschaft gerät ins Wanken und eine sehr ansteckende Krankheit könnte sich ausbreiten.
Autor: WahrsagerHong Kong, im Februar 2019

Auch für das vergangene Jahr des Schweins zog im Februar wieder ein Politiker ein Stäbchen. Es war die 86. Die Prophezeiung des bekanntesten Wahrsagers der Stadt lautete diesmal: «Die Wirtschaft gerät ins Wanken und eine sehr ansteckende Krankheit könnte sich ausbreiten.»

So richtig ernst nahm dies aber niemand. Doch schon im Dezember 2019 war es so weit: Ein neues Coronavirus machte sich von Wuhan aus auf seine zerstörerische Reise und erreichte bald auch Hongkong. Der Wahrsager hatte Covid-19 prophezeit, so zumindest sehen das heute viele Menschen in der Sonderverwaltungszone.

Hippies, Punks und Wahrsager

Als Journalist bin ich es gewohnt, mich an Fakten zu halten und darüber zu berichten, was Wissenschaftler, Experten und Politiker sagen. Wahrsager und Feng-Shui-Meister gehörten dabei selbstredend nie zu meinen Quellen. Deshalb habe ich auch nie über die Prophezeiungen der Wahrsager in Hongkong berichtet, obwohl sie in den chinesischen Medien durchaus grosse Beachtung fanden.

Gegen Ende meiner Zeit als Korrespondent wollte ich darum ein Experiment wagen und selbst einmal die Wahrsager, Tarot-Legerinnen und Feng-Shui-Meister befragen. Ich wollte von ihnen wissen, wie ich mich mit China noch einmal versöhnen könnte.

Die Ratschläge fielen sehr unterschiedlich aus, doch sie lieferten mir die Grundlage für eine unvergessliche Reise in Chinas Seele. Sie wurden zur Grundlage für meine drei weiteren Filme, die mich noch einmal quer durch Chinas Gesellschaft führen, immer auf der Suche nach Versöhnung und neuen Anknüpfungspunkten zu einem Land, vor dem es mich manchmal schauderte.

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Chinas Musikszene zwischen Rebellion und Resignation
Aus SRF News vom 22.07.2020.
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Auf meinen Reisen treffe ich auf eingefleischte Maoisten, die ihr Geld in teure Immobilien investieren und Mao-Antiquitäten im Internet an den Höchstbietenden verhökern. Sie führen mich zu Punk-Bands, die offen über Zensur und ihren Drang nach Freiheit rede. Und zu Aussteigern, die sich in Hippie-Dörfern im Himalaja verwirklichen und sich nichts sehnlicher wünschen als ein Leben in Einklang der Natur und der Menschen.

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Nur im Himalaya-Gebirge darf man noch anders leben
Aus SRF News vom 22.07.2020.
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Kommunismus heiratet Kapitalismus

Ein Abstecher in die Heimat unserer ehemaligen Haushälterin zeigt, wie wichtig Familienstrukturen auch im modernen China noch sind. Sei es für Zugang zu Jobs und Schulen oder auch zum Schutz vor Polizeigewalt und der Willkür des Regimes. All diese Menschen stehen stellvertretend für die 1.4 Milliarden Chinesinnen und Chinesen, die im Westen allzu gerne als einheitliche Masse gesehen werden.

Video
Der Staat überwacht auch Freundschaften mit Ausländern
Aus SRF News vom 22.07.2020.
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Die Reisen bieten immer wieder Momente der Reflexion über meine Zeit als Journalist in China und zeigen noch einmal deutlich, wie man als ausländischer Berichterstatter in China immer häufiger an Grenzen stösst. Es ist die Summe dieser Widersprüche, die China zu dem machen, was es heute ist: Das Land, in dem der Kommunismus den Kapitalismus geheiratet hat, bringt Kinder hervor, die in kein gängiges Schema passen.

Das Buch «Mein anderes China»

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Buchcover Faszination China

Das Buch zur DOK-Serie «Mein anderes China» ist unter dem Titel «Faszination China – Mythen, Macht und Menschen» im Tele-Verlag des Beobachters erschienen und ab sofort im Buchhandel erhältlich.

DOK, 22.7.2020, 20:05 Uhr

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10 Kommentare

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  • Kommentar von Nelly Bolt  (Nelly Bolt)
    Die DOK-Filme geben einen guten Eindruck der chinesischen Mentalität. Gute Arbeit, Herr Nufer, alles Gute für die Zukunft.
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  • Kommentar von Nick Schaefer  (Nick Schaefer)
    Kaiser Xi in China steht auf verlorenem Posten:

    Als ich 1994 für 6 Monate in Beijing lebte, im Land reiste, sprach niemand En, alle hatten enorme Angst vor Fehlverhalten, hatten kein Bild der Welt.

    Heute versteckt sich die Masse im gefilterten Internet und in Konsumrausch.
    Geniesst was möglich ist, will ihre Ruhe.

    Aber: Chinesen sind schon heute der weltweit grösste Touristenstrom, sind Individualisten. Chinesinnen überlaufen hier die DatingApps.

    Hoffen wir auf ruhige Übergänge.
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  • Kommentar von Lukas Gubser  (Mastplast)
    Ich habe weder mit den Menschen in China noch mit den Menschen in den USA mühe sondern nur mit deren Regierungen. Mit der Chinesischen habe ich ganz besonders mühe und lehne diese komplett ab.
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