Nach einem brutalen Messerangriff kam es in Nordirland zu Ausschreitungen. Die meist jungen, männlichen Randalierer zogen durch die Stadt und setzten mehrere Fahrzeuge und Häuser in Brand. Es ist nicht das erste Mal, dass es nach einem Angriff zu Krawallen kommt. Der freie Journalisten Peter Stäuber, der in London lebt, erklärt die Dynamik.
SRF News: Es kommt in Grossbritannien nach Gewalttaten häufig zu heftigen Ausschreitungen. Welche Muster lassen sich da erkennen?
Peter Stäuber: Man hat in den vergangenen Jahren immer wieder Krawalle erlebt, die auf eine Gewalttat durch einen nicht-weissen Bürger oder Migranten gefolgt sind.
Manchmal ist es keine konkrete Tat, die zu Protesten führt. Es kann auch ein blosses Gerücht sein.
Rechte Aktivisten oder auch Politiker von rechten Parteien wie zum Beispiel Reform UK oder Restore Britain schalten sich in den Sozialen Medien ein und ziehen schnell das Feindbild des gewalttätigen Ausländers herbei.
Manchmal ist es keine konkrete Tat, die zu Protesten führt. Es kann auch ein blosses Gerücht sein. Und die Situation in Grossbritannien ist derzeit so aufgeladen, dass schnell viele Leute auf die Strasse gehen. Dieses Muster hat sich seit einigen Jahren etabliert und es war auch wenig überraschend, dass es nach dem Messerangriff in Belfast zu solchen Szenen gekommen ist.
Weshalb ist die Reaktion auf Gewaltverbrechen in Grossbritannien so viel heftiger als anderswo in Europa?
Gerade die Tatsache, dass es in den vergangenen Jahren zu vielen solchen Krawallen gekommen ist, hat dafür gesorgt, dass fremdenfeindliche Gewalt in gewisser Weise normalisiert worden ist. Politiker, vor allem der Rechtsparteien, aber nicht nur, stellen Migration seit Jahren in erster Linie als ein Problem dar.
Die Regierung verspricht, die Zahl der Asylbewerber zu reduzieren. Extremismusforscher sagen, dass solche Rhetorik eine gewisse Legitimierung für Anti-Migrations-Proteste gibt. Dazu kommt die entscheidende Rolle der sozialen Medien: Rechte Influencer, nicht nur britische, sondern auch amerikanische, sind in Grossbritannien sehr aktiv. Sie prangern die multikulturelle Gesellschaft an und verbreiten haltlose Theorien.
Es gibt viele Studien, die belegt haben, dass die Rechte gerade dort Aufschwung hat, wo es den Leuten am schlechtesten geht. Und diese Tendenz sieht man in Grossbritannien deutlich.
Die Plattform X ist in dieser Hinsicht wichtig, nicht zuletzt, weil ihr Besitzer Elon Musk, immer wieder mit hetzerischen Kommentaren zur britischen Politik interveniert, auch im Fall der Messerattacke von Belfast. Dieser Online-Aktivismus ist ein wichtiger Grund, warum es so schnell ausarten kann.
Aus Untersuchungen früherer Gewaltausbrüche weiss man, dass unter den Rädelsführern der Krawalle überproportional viele Personen mit kriminellem und/oder rechtsradikalem Hintergrund sind. Reicht das als Erklärung für die Ausschreitungen?
Tatsächlich sind auch viele Leute an den Krawallen beteiligt, die nicht zur organisierten radikalen Rechten gehören. Viele machen sich Sorgen um ihre Kinder und um ihre Sicherheit. Das alles geschieht vor dem Hintergrund von sozialen Zuständen, die vielerorts prekär sind, auch in Belfast. Es gibt in Grossbritannien grosse soziale Probleme: Armut, Mangel an Bildungschancen, bezahlbarem Wohnraum und Zugang zum Gesundheitssystem.
Die Leute fühlen sich von der Politik verlassen. Und dieser Frust lässt sich einfach instrumentalisieren. Es gibt viele Studien, die belegt haben, dass die Rechte gerade dort Aufschwung hat, wo es den Leuten am schlechtesten geht. Und diese Tendenz sieht man in Grossbritannien deutlich.
Das Gespräch führte Matthias Kündig.