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Äthiopien: Tigray-Krise entflammt ethnische Konflikte
Aus Rendez-vous vom 10.09.2021.
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Krieg in Äthiopien «Das ist Völkermord, wir sollen eliminiert werden»

Hals über Kopf mussten die Qimant ihr Dorf verlassen. Im Zug der Tigray-Krise nehmen die Konflikte in Äthiopien zu.

Aus Zweigen, Kartonstücken und Lehm bauen drei Mädchen eine Art Puppenhaus, einen Hof mit Lehmtöpfen. Ein eigenes Zuhause haben die Kinder hier im Flüchtlingslager nicht mehr, seit sie mit ihren Eltern mitten in der Nacht fliehen mussten.

Die Flüchtlinge kommen aus Äthiopien. Sie fanden Zuflucht im Nachbarland Sudan, im Dorf Basanga. Die Angehörigen der Volksgruppe der Qimant erzählen, wie sie von Kämpfern der Provinz Amhara aus ihrem Dorf vertrieben wurden.

Beim Gang durchs Lager bleiben die Flipflops von Burtukan fast am schlammigen Boden kleben. Die Mutter hat ihre Schuhe im Flüchtlingslager erhalten. Auf der 50 Kilometer langen Flucht von Äthiopien war sie barfuss: «Ich litt Hunger und Durst, meinen Sohn trug ich auf dem Rücken, zwei Kinder an der Hand. Doch von den anderen beiden Kindern fehlt jede Spur.»

Panisch rannte sie aus ihrem Haus, in der Julinacht, als ihr Dorf angegriffen wurde. «Wir hörten Schüsse, Menschen starben vor meinen Augen. Ich rannte um mein Leben.» Burtukan sagt: Es waren Kämpfer der Amhara-Regierung, die ihr Dorf Shinfa angegriffen haben.

Die Qimant – eine ethnische Minderheit

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Die Menschen im Flüchtlingslager von Basanga gehören den Qimant an, einer ethnischen Minderheit in der Amhara-Region. Qimant und Amhara liegen seit fünf Jahren im Streit – die Qimant möchten mehr Selbstbestimmung und dass ihre Sprache als Unterrichtssprache verwendet werden darf. Doch das erlaubt die Amhara-Regionalregierung nicht. Seither kommt es zu Gewalt von beiden Seiten. Diese hat sich im Schatten der Tigray-Krise akzentuiert.

Auf dem Schulgelände im sudanesischen Dorf Basanga lebt nun auch die 50-jährige Abeba in einem improvisierten Zelt aus Blachen und Ästen. Sie ist überzeugt: «Es ist ein Völkermord, die Qimant sollen eliminiert werden. Wir befinden uns im Krieg!» 

Die Zustände im Lager sind miserabel. Die offenen Zelte bieten keinen Schutz gegen Moskitos, es gibt kaum Toiletten. Viele Kinder husten. Immerhin haben Helfer Trinkwassertanks aufgestellt.

Die Flüchtlinge möchten an einen besseren Ort, in ein permanentes Lager verlegt werden. Sie haben Angst vor Übergriffen aus Äthiopien, weil sie noch immer nahe der Grenze sind. Die amharische Regionalregierung dementiert die Berichte über Angriffe auf die Qimant, sie wirft jedoch wiederum den Qimant vor, Amhara anzugreifen.

Der Konflikt in Äthiopien

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Der Bürgerkrieg zwischen der äthiopischen Zentralregierung und den Tigray begann im November 2020. Auslöser waren die Unabhängigkeitsbestrebungen der Tigray, sowie ein Angriff auf eine Kaserne der nationalen Armee. Äthiopiens Ministerpräsident Abiy Ahmed wollte mit einem kurzen Krieg für Ordnung in Tigray sorgen, er setzte in der Provinz eine ihm loyale Regierung ein.

Im Kampf wird Äthiopiens nationale Armee unter anderem von Kämpfern der Ethnie der Amhara und von eritreischen Soldaten unterstützt. Trotzdem gelang es den Tigray im Juni 2021 einen grossen Teil ihres Territoriums zurückzuerobern.

Während Ministerpräsident Abiy im August in Äthiopien zur «Generalmobilmachung» aufrief, schlossen die Tigray eine strategische Allianz mit Kräften der Oromo-Ethnie.
Der Krieg hat zu hunderttausenden internen Vertriebenen in Äthiopien geführt. Die Tigray-Region ist von der Aussenwelt praktisch abgeschnitten. Die UNO warnte wiederholt vor einer Hungerkrise.

Im Zuge der Tigray-Krise flammen in Äthiopien ethnische Konflikte auf. Es gibt Kämpfe zwischen den Afar und den Somali, zwischen den Gumuz und den Amhara, und zwischen den Oromo und der Zentralregierung.

Hilfsorganisationen müssen Arbeit einstellen

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Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) hat ihre medizinische und humanitäre Hilfe in Äthiopien weitgehend eingestellt. Sie reagierte damit auf ein Verbot der Behörden in Addis Abeba.

Diese hatten zudem die Tätigkeit zweier weiterer internationaler Hilfsorganisationen in der Konfliktregion Tigray für mindestens drei Monate ausgesetzt. «Die Anordnung zur Aussetzung unserer medizinischen und humanitären Hilfe kommt zu einer Zeit, da der humanitäre Bedarf in Äthiopien enorm ist», teilte MSF mit. Weiter heisst es: «Wir haben alle Aktivitäten in den äthiopischen Regionen Amhara, Gambella und Somali sowie auch dem Westen und Nordwesten von Tigray eingestellt.»

Der Vorwurf gegen MSF Holland, den Norwegian Refugee Council (NRC) und die Al Maktoum Stiftung lautete unter anderem, Mitarbeiter ohne die notwendige Arbeitserlaubnis beschäftigt zu haben. MSF und NRC wurde zudem vorgeworfen, Fehlinformationen über soziale Medien verbreitet zu haben, während MSF zudem illegal importierte Satellitentelefone genutzt habe. Nach Ablauf der drei Monate will die Regierung entscheiden, ob die Organisationen ihre Arbeit wieder aufnehmen dürfen, hiess es.

Aus dem geplanten kurzen Feldzug von Äthiopiens Ministerpräsident Abiy Ahmed gegen die Tigray entwickelte sich ein Flächenbrand. Der Krieg hat das Land wirtschaftlich, politisch und gesellschaftlich völlig aus der Bahn geworfen. 

Vor dem Gesundheitszentrum des Lagers sitzt Zedneshi mit ihrem vier Monate alten, kranken Sohn auf dem Arm. Die junge Frau kämpft mit den Tränen, wenn sie an die Zukunft denkt: «Ich möchte nach Hause, zurück in ein Land ohne Tod und Chaos. Vor allem wünsche ich mir Frieden. Wir mussten so viele zurücklassen, ohne sie beerdigen zu können.»

Rendez-vous, 10.09.21, 12:30 Uhr

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3 Kommentare

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  • Kommentar von jean-claude albert heusser  (jeani)
    Wie überall in Afrika werden ethische Minderheiten seit Jahrhunderten verfolgt und "gesäubert" und das ist auch in Afghanistan der Fall, nur hat da die "Religion und der Glaube" schuld und nicht der "böse Westen"!
    1. Antwort von Albert Planta  (Plal)
      Es handelt sich hier um einen ethnischen Konflikt und nicht um einen Religionskrieg.
    2. Antwort von Mirjam Hoss  (Snipsnapper)
      Herr Heusser, es sind Verteilungskämpfe zwischen Ethnien, die schon lange schwelen. Um die letzten Ressourcen.

      Denn das Hochland von Äthiopien, einst flächendeckend üppig bewaldet dank des Monsunregens (der dort, von Südosten kommend, jährlich abregnet), ist inzwischen fast gänzlich abgeholzt aufgrund des seit Jahrzehnten zunehmenden Bevölkerungsdrucks. Mit allen dazugehörigen Folgen.

      Mit Verfolgung und Säuberung durch Dritte, also von aussen, hat die aktuelle Situation nichts zu tun.