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Kiew findet zurück ins Leben
Aus Rendez-vous vom 14.06.2022. Bild: SRF
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Krieg in der Ukraine Kiew – eine Stadt findet zurück zum Leben

Seit die Russen aus dem Umland vertrieben wurden, öffnen in Kiew wieder Restaurants und Läden. Trotzdem lässt der Krieg die Stadt nicht los.

Im «Pepper's Club», einem Kiewer Musikclub, ist Comedy-Nacht. Gegen hundert junge Leute sitzen an Tischen, trinken Bier und Wein – und auf der Bühne reisst ein ulkiges Trio böse Witze.

«Wo findet man den besten Schlafplatz, wenn man sich vor den Bomben in eine Metro-Station rettet?» Antwort: «Hauptsache, man legt sich nicht zwischen die Geleise».

Comedy-Nacht im «Pepper's Club» in Kiew.
Legende: Comedy-Nacht im «Pepper's Club» in Kiew. David Nauer / SRF

Schwarzer Humor - aber Kiew kann wieder lachen. Überhaupt kehrt das Leben zurück in die ukrainische Hauptstadt. Tagsüber rauscht sogar wieder der Verkehr über die Prachtstrasse Chreschatik.«Noch vor zwei Wochen war kaum etwas los auf den Strassen. Die Leute hatten Angst vor Raketen und Bomben. Jetzt ist die Stadt richtig aufgelebt», erzählt Igor Tschertopoloch. Der Beamte ist stets in Kiew geblieben.

Leben kehrt zurück in die ukrainische Hauptstadt.
Legende: Leben kehrt zurück in die ukrainische Hauptstadt. David Nauer / SRF

Seine Frau und sein Sohn aber flohen nach Österreich, wo sie bis heute sind. «Mein Junge fragt mich oft am Telefon: Wann kann ich nach Hause kommen? Ich antworte ihm: Es ist noch nicht sicher. Es kann jederzeit zu einem neuen Angriff kommen.»

Lokale kehren zum Normalbetrieb zurück

Kiew hat in Friedenszeiten drei Millionen Einwohnerinnen und Einwohner. Zurzeit ist vielleicht die Hälfte in der Stadt. Gerade die Wohnviertel wirken manchmal gespenstisch leer.

Gespenstisch leere Wohnviertel in Kiew.
Legende: Gespenstisch leere Wohnviertel in Kiew. David Nauer / SRF

Leer ist an diesem Mittag auch «Die letzte Barrikade». Das Themen-Restaurant am Kiewer Maidan-Platz setzt ganz auf Patriotismus: ukrainische Musik, ukrainisches Essen, ukrainische Deko. «Die letzte Barrikade» gehört zur «Gastrofamily», einem der grössten Gastro-Imperien des Landes. «Wir betreiben über 80 Restaurants. Als der russische Angriff kam, mussten wir innert weniger Stunden alles dicht machen», sagt Maria Banko. Die junge Managerin ist bei der «Gastrofamily» für PR und Kommunikation zuständig.

Inzwischen sind die russischen Truppen aus dem Umland von Kiew vertrieben – im «Gastrofamily»-Konzern herrscht wieder so etwas wie Normalbetrieb: «Fast alle Restaurants der Gruppe sind offen – ausser fünf, die wurden im Krieg zerstört», sagt Maria Banko.

Maria Banko ist Managerin für PR und Kommunikation bei «Gastrofamily».
Legende: Maria Banko ist Managerin für PR und Kommunikation bei «Gastrofamily». David Nauer / SRF

Die Umsätze der einzelnen Lokale schwankten stark. Ein Fastfood-Restaurant etwa habe sogar mehr Gäste als vor dem Krieg – weil der nahe McDonald’s als Hauptkonkurrent noch geschlossen sei. Schwieriger ist die Lage in edleren Lokalen wie der «Letzten Barrikade». Schwierig ist auch die Nahrungsmittelbeschaffung. «Ein Problem ist zum Beispiel, dass es fast keine Austern gibt. Eine Weile lang gab es keine Hummer, dann sind plötzlich welche auf dem Markt aufgetaucht – unser Team vom Einkauf greift in solchen Fällen sofort zu.»

Doch nicht nur Delikatessen fehlen: Manche Hersteller, mit denen «Gastrofamily» zusammenarbeitet, sind im besetzten Süden des Landes. Wassermelonen oder Auberginen aus der Gegend können auf absehbare Zeit nicht nach Kiew geliefert werden. Kommt hinzu, dass die Kundschaft ärmer wird: Schätzungen zu Folge ist seit Kriegsausbruch in der Ukraine rund ein Drittel der Jobs verloren gegangen.

Die stillen Opfer des Krieges

Kiew, diese stolze Stadt am Dnepr, ist über 1000 Jahre alt. Sie hat mehrere Revolutionen und Kriege gesehen – und überstanden. Jetzt herrscht wieder Krieg, der weit weg scheint, aber doch so nah ist.

Altstadt von Kiew: Die Stadt lebt langsam wieder auf.
Legende: Altstadt von Kiew: Die Stadt lebt langsam wieder auf. David Nauer / SRF

Die Sirenen heulen immer wieder. Gerade kürzlich sind Raketen eingeschlagen im Osten der Stadt. So etwas kann jederzeit wieder passieren. Dann gibt es auch die stillen Opfer dieses Krieges.

Ich habe im Internet Listen mit ukrainischen Kriegsgefangenen durchgeblättert – und dieses Foto von meinem Mann gesehen.

Vor einem Plattenbau in einem westlichen Kiewer Vorort steht Anastasia Rudnizka mit ihrer eineinhalbjährigen Tochter auf dem Arm. Bleich ist die junge Frau und sehr schmal. «Ich weiss nicht, wo mein Mann Evgeni ist. Ich kann nur vermuten, dass ihn die Russen in einem Gefängnis bei Donezk festhalten. Gestern habe ich im Internet Listen mit ukrainischen Kriegsgefangenen durchgeblättert – und dieses Foto von ihm gesehen.»

Anastasia zeigt auf ihrem Handy das Bild eines Mannes mit Bart, eingefallenen Wangen, zermürbtem Blick. «Er sieht ganz anders aus. Wenn da nicht sein Name gestanden wäre, hätte ich ihn nicht erkannt», sagt sie.

Anastasia Rudnizka mit ihrer Tochter.
Legende: Anastasia Rudnizka mit ihrer Tochter. David Nauer / SRF

Evgeni hatte sich freiwillig gemeldet, um Mariupol zu verteidigen, die inzwischen zerstörte Hafenstadt am Asowschen Meer. Dort ist er in Kriegsgefangenschaft geraten. «Er sagte, er wolle am gefährlichsten Frontabschnitt kämpfen, um mich und unsere kleine Tochter zu beschützen. Ich weiss nicht, wie er das im Kopf zusammenbringt, aber so sieht er das.»

Von den ukrainischen Behörden hat Anastasia nichts gehört. Als ihr Mann plötzlich nicht mehr auf Nachrichten reagierte, hat sie ihn gesucht, übers Rote Kreuz, über Kameraden. Jetzt versucht sie zusammen mit anderen Frauen, deren Männer in den Händen der Russen sind, Evgeni heimzuholen. Sie hofft auf einen Gefangenenaustausch. «Wir haben in einem Monat den zweiten Jahrestag unserer Hochzeit. Er hat mir mal versprochen, dass er für diesen Tag nach Hause kommt. Ich hoffe, er hält sein Wort. Ich will an dem Tag nicht allein sein.»

Rendez-vous, 14.6.22, 12:30 Uhr

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