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Legende: Audio Puerto Rico – mitnichten ein «reicher Hafen» abspielen. Laufzeit 05:19 Minuten.
Aus Echo der Zeit vom 20.08.2019.
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Krise folgt auf Krise Puerto Rico – eine «postkoloniale Kolonie» in Nöten

Skandale, Schulden, Sturmschäden: Was ist los in Puerto Rico, dem teilautonomen Aussengebiet der USA in der Karibik?

Puerto Rico hat turbulente Wochen hinter sich: Im Juli demonstrierten fast eine Million Menschen – ein Drittel der Bevölkerung – während Tagen gegen Korruption und die Regierung. Als Gouverneur Ricardo Rosselló darauf seinen Sessel räumte, folgte ein Streit um seine Nachfolge. Dieser wurde letzte Woche mit der Vereidigung von Justizministerin Wanda Vazquez als neuer Gouverneurin des teilautonomen Aussengebietes der USA beendet.

Wanda Vazquez an einem Tisch, einen Zeigefinger hochhaltend.
Legende: Ob nun Ruhe einkehrt? Wanda Vazquez, ex-Justizministerin, ist nun Gouverneurin der Karibikinsel. Keystone

Doch ein teilautonomes US-Aussengebiet, was ist das eigentlich? Eine berechtigte Frage, findet Jorge Duany, Anthropologe an der Florida International University in Miami, der auf Puerto Rico aufwuchs und bis vor wenigen Jahren dort lebte. Der unklare Status der Insel sei eine Folge der Geschichte: Vor 120 Jahren haben die USA die Insel besetzt und sie wie eine Kolonie verwaltet. In den 1950er Jahren gewährte man ihr zwar teilweise Selbstverwaltung. Zu einem US-Bundesstaat wurde Puerto Rico aber nie.

Jorge Duany sitzt neben einem Möbel mit zwei kleinen, gerahmten Bildern drauf.
Legende: Jorge Duany von der Florida International University in Miami hat selbst auf der Insel gelebt. SRF

Sie sei sozusagen eine postkoloniale Kolonie, so Duany. Der US-Präsident ist zwar das Staatsoberhaupt von Puerto Rico und der US-Kongress hat das letzte Wort, aber wählen dürfen die Bewohner nur die eigene Inselverwaltung. Und gegen diese hatte sich die Bevölkerung in den letzten Wochen erhoben.

Auslöser waren zwei Ereignisse: Zunächst wurden verschiedene Minister und Beamte wegen Korruption verhaftet. Kurz darauf wurde ein Gruppenchat Rossellós mit Regierungskollegen publik, in dem sich diese abschätzig über Regierungsgegner, Parteifreunde und vor allem gegen Frauen äusserten.

Der Chatverlauf offenbarte den Zynismus und die Respektlosigkeit der Machthaber, was die Bevölkerung in Massen auf die Strassen trieb. Denn die Puerto-Ricaner haben harte Jahre hinter sich: Seit 13 Jahren herrscht Rezession. Und vom Hurrikan Maria hat sich die Insel bis heute nicht erholt.

Menschenmenge mit Fahnen Puerto Ricos.
Legende: Es kam zu spontanen Freudenfeiern auf den Strassen, als der verhasste Gouverneur zurücktrat. Reuters

Die Menschen hätten ganz einfach genug von all diesen Problemen, glaubt Duany. Ein Teil der wirtschaftlichen Probleme sind zudem hausgemacht: Den Schuldenberg von über 70 Milliarden Dollar hat die Inselverwaltung leichtsinnig angehäuft. Als Zahlungsunfähigkeit eintrat, konnte Puerto Rico als nicht-souveräner Staat aber keine Hilfe bei Stellen wie dem IWF beantragen. Vor drei Jahren stellte der US-Kongress die Insel deshalb unter Zwangsverwaltung. Diese setzt seitdem rigorose Sparmassnahmen durch.

Porträt von Pedro Rossellò (Gouverneur vbis 2001) in einem Regal, daneben ein Riss in der Wand
Legende: Die schweren Schäden, die Hurrikan Maria vor zwei Jahren verursachte, sind noch nicht behoben. Reuters

Noch drastischer waren die Auswirkungen, als Washington vor 13 Jahren die Steuerprivilegien kappte, mit denen Puerto Rico zuvor Produktionsbetriebe auf die Insel gelockt hatte. Es setzte ein Exodus von Unternehmen ein.

Die Wirtschaft schrumpfte um 17 Prozent – zeitweise verlor fast ein Drittel der Beschäftigten die Stelle. Obwohl Entscheide in Washington und der spezielle Status der Insel die wirtschaftliche Misere mitverursacht haben, richtet sich der Unmut der Bevölkerung aber vor allem gegen die politische Elite.

Karte der Karibik/Golf von Mexiko, Puerto Rico und die USA sind eingezeichnet/angeschrieben.
Legende: Puerto Rico bedeutet «reicher Hafen». Davon ist nicht viel übrig, seit die Wirtschaft am Boden liegt. SRF

Denn diese streitet lieber darüber, ob die Insel dereinst unabhängig oder ein vollwertiger Bundesstaat werden soll. Doch beides ist nur mit der Zustimmung aus Washington möglich – und die ist während der Präsidentschaft von Donald Trump undenkbar: Die Bevölkerung von Puerto Rico habe dies schneller begriffen als die politische Elite und fordere deshalb konkrete Lösungen für praktische Probleme, statt fruchtlose Debatten darüber, welchen Status die Insel anstreben soll, sagt Duany.

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6 Kommentare

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  • Kommentar von Urs Petermann  (Rhf)
    Herr Trump, das wäre doch eine kaufbare Insel. Eigentlich gehört sie Ihnen schon ein wenig.
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  • Kommentar von M. Berger  (Mila)
    Eine Schande für die USA. Puerto Rico wird von der US-Regierung wie eine Kolonie gehalten. Ich erinnere mich an Trumps Besuch in Puerto Rico nach der Katastrophe des Hurrikans Maria. Er warf Haushaltpapierrollen in die Menge, damit sie aufräumen können. Wie musste diese höhnische Missachtung ihres Leides die Menschen schmerzen. Er beschimpfte die Bürgermeisterin von der Hauptstadt San Juan als verrückt und inkompetent. - NYT https://www.nytimes.com/2019/04/02/us/trump-puerto-rico.html
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  • Kommentar von Alexander Ognjenovic  (Alex)
    Den Menschen in Puerto Rico wird es erst dann besser gehen sobald die USA Puerto Rico in Ruhe lässt und in die Unabhängigkeit entlässt! Die USA hat so viel Geld und andere Wertsachen von Puerto Rico gestohlen dass heute Armut herrscht in Puerto Rico! Die USA muss dazu gezwungen werden alle Gelder und Wertsachen an Puerto Rico zurück zu bezahlen und den Inselstaat in die Unabhängigkeit zu entlassen! Eine andere Sprache versteht die USA leider nicht!
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    1. Antwort von Juha Stump  (Juha Stump)
      Es würde ihnen besser ergehen, wenn sie bei den beiden bisherigen Volksabstimmungen mehrheitlich nicht gegen einen vollständigen Anschluss an die USA als 51. Bundesstaat entschieden hätten. Wären sie ein richtiger Bundesstaat, könnten sie von den Ami-Konzernen nicht mehr so einfach auf diese Weise ausgebeutet werden, weil dann auch sie etwas vom Kuchen abbekommen müssten. Nationalstolz ist halt nicht immer nur gut.
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    2. Antwort von Alexander Ognjenovic  (Alex)
      Puerto Rico wird die Unabhängigkeit bekommen! Und Sie als US-Amerikaner müssen das akzeptieren! Puerto Rico wird viel Wohlstand und Reichtum erlangen sobald die Unabhängigkeit international anerkannt wurde!
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    3. Antwort von Albert Planta  (Plal)
      Wie viel Wohlstand und Reichtum ein unabhängiges Puerto Rico erreichen würde, er sieht man, wenn man die anderen unabhängigen Staaten im Hinterhof der USA genauer unter die Lupe nimmt. Jetzt können die Puerto Ricaner wenigstens in die USA auswandern.
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