Zum Inhalt springen

Kritik am Pontifex Missbrauchvorwürfe gegen Kleriker überschatten Papstreise

Legende: Audio Papst verärgert Missbrauchsopfer abspielen. Laufzeit 04:08 Minuten.
04:08 min, aus Echo der Zeit vom 19.01.2018.

Das Wichtigste in Kürze

  • Bei manchen Chilenen kam der Besuch von Papst Franziskus nicht gut an.
  • Ein Grund: Der Papst verteidigte einen Bischof, der den sexuellen Missbrauch von Minderjährigen durch einen Angehörigen des Klerus gedeckt haben soll mit dem Argument, es gebe keine Beweise.
  • Für alle Beschuldigten gilt die Unschuldsvermutung.

Die Reise nach Chile galt als die schwierigste von allen, die der argentinische Papst je angetreten hat. Denn die chilenische Kirche sieht sich einem Aderlass von Gläubigen ausgesetzt. Weniger als die Hälfte der Chilenen bezeichnen sich als katholisch, ein Drittel beschreibt sich als konfessionslos oder ohne Glauben.

Das sind Werte, die zu den schlechtesten auf dem katholischen Kontinent Lateinamerika gehören. Entscheidend beigetragen zum Schwund der Gläubigen haben erstens Dutzende Fälle von sexuellem Missbrauch, die von Priestern begangen wurden. Und zweitens waren es die Manöver des lokalen Klerus, die Verbrechen zu verheimlichen. Mit den üblichen Mitteln wie Druck auf die Opfer, manchmal auch mit Geldzahlungen.

Papst anerkennt irreparable Schäden

In einem Fall zog der Vatikan mit einem kanonischen Verfahren den Täter aus dem Verkehr. Deshalb schien es zunächst so, als würde Franziskus seine Verantwortung als Kirchenoberhaupt wahrnehmen und sich den Herausforderungen stellen.

Er verspüre Schmerz und Schande angesichts der irreparablen Schäden, die katholische Geistliche angerichtet hätten, sagte Franziskus denn auch in einer Ansprache im chilenischen Regierungssitz.

Unkritisch einem von ihm ernannten Bischof gegenüber

Später zeigte sich allerdings, dass es sich eher um eine päpstliche Phrase handelte. Denn die schwarzen Schafe in der Kirche verteidigt Franziskus eisern. Die Anschuldigungen gegen den von ihm ernannten Bischof von Osorno in Südchile seien eine simple Verleumdung, da nicht ein einziger Beweis vorliege. Erst wenn das der Fall sei, werde er handeln, sagte der verärgerte Papst.

Hintergrund der Angelegenheit ist, dass der fragliche Bischof über Jahrzehnte hinweg den sexuellen Missbrauch von Minderjährigen durch ein Mitglied des Klerus duldete und den Täter deckte.

Hätte ich etwa ein Selfie machen sollen, während er mich vergewaltigte?
Autor: Missbrauchsopfereines chilenischen Klerikers

«Hätte ich etwa ein Selfie machen sollen, während er mich vergewaltigte?», fragte eines der Opfer zurück. Auch in der breiten Öffentlichkeit Chiles kamen die Worte des Papstes denkbar schlecht an.

Kirche nicht willens, Täter und Mitwisser zu benennen?

Katholiken und Nicht-Katholiken sehen es als erwiesen an, dass die Kirche nicht wirklich willens ist, die Konsequenzen aus den Missbrauchsfällen in ihrem Schoss zu ziehen und Mitwisser in Soutane der ordentlichen Strafjustiz zu übergeben. Eines der Missbrauchsopfer meldete sich umgehend im Fernsehen zu Wort: Es sei wohl die einzige Papstreise, bei dem es nach Abreise des Kirchenoberhauptes weniger Katholiken gebe als vor Beginn des Besuchs.

Überhaupt ist der päpstliche Abstecher ins aufgewühlte Katholikenland Chile nicht so richtig gelungen. Punkte sammelte der leutselige Argentinier Franziskus nur, als er im Flugzeug in zehntausend Metern Höhe spontan ein Paar von Flugbegleitern kirchlich traute. Bei der Messe im Gebiet der Mapuche-Indigenen hörten dem Papst aber viel weniger Gläubige zu als erwartet. Auch beim päpstlichen Gottesdienst in der Atacamawüste blieben viele Plätze frei.

Keine kritischen Bischöfe mehr

Das hat längst nicht nur mit den Missbrauchsfällen und Vertuschungsversuchen durch den Klerus zu tun. Mit dem Ende der Pinochet-Diktatur hat die chilenische Kirche aufgehört, einen volksnahen und an den Bedürfnissen der Armen orientierten Katholizismus zu praktizieren.

Während des Militärregimes hatten die Bischöfe die Menschenrechtsverletzungen angeprangert und Pinochet permanent unter Druck gesetzt. Zurzeit hingegen stehen sie für eine Kirche für die Eliten, die zwar katholisch sind, vor allem aber neoliberal. Möglich, dass Papst Franziskus die chilenischen Bischöfe deswegen ins Gebet genommen hat. Aber nichts davon ist nach aussen gedrungen.

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

14 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Beatrice Mayer (signorinetta)
    Dieser Papst ist nur vermeintlich ein offener "Erneuerer". Ein Mann mit einer guten PR-Agentur und dazu einer, der statt Nächstenliebe Fernstenliebe propagiert.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Otto Murbach (OttoMurbach)
    Danke A. Esslinger. Und nun zur Sache. Jeder katholische Geistliche sowie auch Geistliche anderer Religionen oder auch Anwälte u.s.w. haben Schweigepflicht gelobt oder geschworen. Sogar der Name eines Mörders darf nicht Preis gegeben werden. In diesem Fall kann nur der Papst bei hieb und stichfesten Beweisen und dies auch nur innerhalb der Kirche, eingreifen. Diese Schweigepflicht kann je nach dem zu einer fast untragbaren Last werden.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Helmut Meier (Helmi)
      Herr Murbach: aber zu ihrem Nutzen können die Wohlerhabenen alles ausschlachten und sich bereichern ! Dieser Zopf gehöhrt schon lange abgeschnitten, wie kann ein Mensch(Geistlicher) einem andern Menschen etwas vergeben ? Ist eine gute Mähr, dammit die Kirche alles über ihre Schäfchen erfährt, nichts anderes !
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    2. Antwort von Marcel Chauvet (xyzz)
      Ihre Äußerungen, lassen nur den Schluss zu, dass die römische Kirche sowas wie eine zum Schweigen verpflichtete Ndrangheta, Cosa nostra, also eine mafiöse Vereinigung ist und ein Ausmisten von Augiasställen verunmöglicht werden soll.Beichtgeheimnis ist aber eine andere Kategorie, hier geht es aber um öffentlich erhobene Schuldvorwürfe wegen strafrechtlich relevantem sexuellen Missbrauchs.Der Stellvertreter Gottes auf Erden sollte diese Hochwürden ins Gebet und nicht in Schutz nehmen.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Christian Szabo (C. Szabo)
    Wenn man Geschehnisse zu lange verdrängt, unter den Teppich kehrt und sich gleichzeitig als moralischer Instanz darstellt, gibt es oft ein böses Erwachen. Dies ist leider bei der katholischen Kirche und ihrem Machtapparat über Jahrhunderte passiert. Gleichzeitig haben sie fremde "Sünder" oder Abweichler aufs Härteste bekämpft, verurteilt oder verfolgt. Dies ein zu gestehen wäre ein wichtiger Schritt zu mehr Glaubwürdigkeit. Ob all der eigenen Verbrechen ein sehr schwieriger Weg.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen