Ein kräftiger, tiefer Laut durchbricht die schwüle Luft im Tigerpark in Pattaya. Er kommt von «Nivea», einer einjährigen Tigerin, die schläfrig auf einem Holzpodest liegt. Weil ihre Mutter ein weisser Tiger sei, habe sie diesen Namen erhalten, erklärt ein Wärter. Er bietet an, Fotos zu machen, während Touristen das Tier am Rücken streicheln. Die Szene erinnert an einen Streichelzoo.
Ein Erlebnis mit gemischten Gefühlen
Eine chinesische Familie verlässt gerade ein Gehege. Der Vater wollte seinem Sohn ermöglichen, einen Tiger aus nächster Nähe zu erleben, erzählt er. Während seine Frau und sein Sohn bei einem Tigerbaby waren, besuchte er das Gehege mit einem ausgewachsenen Tier. Einen Tiger anzufassen, sei ein ganz anderes Erlebnis, als ihn nur aus der Ferne zu beobachten. Dennoch hat der Mann gemischte Gefühle: «Eigentlich tun mir die Tiere ein wenig leid. In der Natur würde es ihnen wohl besser gehen als hier.»
Die Kritik an solchen Parks ist nicht neu. Vor kurzem verendeten in zwei Anlagen im Norden Thailands 72 Tiger. Bei den Tieren wurden das hochansteckende Staupe-Virus und Bakterien nachgewiesen. Tierschutzorganisationen wie Peta Asien bezeichnen den Tod der Tiger als «vorhersehbare Tragödie».
Wenn sich der Tiger nicht fügt, haben die Trainer einen Metallstab zur Hand.
Abigail Forsyth von Peta sagt: «Es ist ein System, das den Profit über den Tierschutz stellt.» Die Tiere würden auf engstem Raum gehalten und hätten ständig Kontakt mit unzähligen Besuchern, was von einer artgerechten Haltung weit entfernt sei.
Mit brutalen Methoden gefügig gemacht
Die Tiger in den Parks wirken auffallend zahm. Sie lassen sich von fremden Menschen berühren, ohne gross zu reagieren. Ein Mitarbeiter einer lokalen Tierschutzorganisation, der anonym bleiben möchte und den wir Kiaou nennen, recherchiert undercover in Thailands Wildtier-Industrie. Er berichtet, dass die Tiger von klein auf mit brutalen Methoden gefügig gemacht würden. «Wenn sich der Tiger nicht fügt, haben die Trainer einen Metallstab zur Hand, mit dem sie ihn schlagen können», sagt er. Die Unterwürfigkeit der Tiere sei auf Angst zurückzuführen.
Tierschützer werfen den Betreibern vor, dass die Parks nur der Unterhaltung von Touristinnen und Touristen dienen und keinen Beitrag zum Artenschutz leisten. Die dort gezüchteten Tiger könnten in der Wildnis nicht überleben, zudem bestehe die Gefahr von Inzucht.
«Babytiger bleiben nicht lange Babytiger, daher gibt es diesen fortwährenden Zuchtzyklus, nur um neue Touristenattraktionen zu schaffen», erklärt Abigail Forsyth.
Wohin die vielen Tiger verschwinden, ist unklar, doch es besteht der Verdacht, dass ein Teil in den illegalen Handel mit Tigerprodukten fliesst. Kiaou geht davon aus, dass der illegale Handel weitergeht, und nennt als Beispiel einen kürzlichen Fall, bei dem von fünf geborenen Tigerjungen nur drei bei den Behörden registriert und die anderen beiden verkauft wurden.
Obwohl es strenge Gesetze gibt, würden diese oft nicht durchgesetzt – Korruption sei ein grosses Problem. Dennoch gibt es einen Hoffnungsschimmer: Laut Tierschützerinnen und Tierschützer meiden immer mehr Touristen, insbesondere aus Europa, Attraktionen wie Elefantenreiten oder Selfies mit Tigern.