Zum Inhalt springen

International «Kroatien richtet sich darauf ein, ein Transitland zu sein»

Ungarn hat seine Grenzen geschlossen. Die flüchtenden Menschen wählen deshalb eine andere Route nach Westeuropa. Sie gelangen via Serbien nach Kroatien und von dort nach Slowenien. Kroatien hat damit gerechnet, dass sich die Situation so entwickelt.

Legende: Video Flüchtlinge auf dem Weg zur kroatischen Grenze (unkomm.) abspielen. Laufzeit 00:16 Minuten.
Aus News-Clip vom 16.09.2015.

SRF News: Herr Mappes-Niediek, was wissen Sie über diese Transporte an die Grenze von Kroatien?

Die Behörden halten sich mit Informationen zurück. Gestern Abend haben Busfahrer serbischen Journalisten erzählt, dass sie umdirigiert worden seien, nämlich von der mazedonischen Grenze im Süden nicht mehr an die ungarische im Norden sondern an die kroatische im Nordwesten. Die kroatische Regierung hat offenbar einem Plan vorbereitet. Der Innenminister hat im Ton Merkels gesagt: ‹Wir schaffen das›.

Kroatien rechnet damit, dass nun Flüchtlinge ankommen werden?

Ja. Bis vorgestern konnten die Menschen allerdings noch nach Ungarn passieren. Nun werden in Mazedonien Flugblätter verteilt, auf denen steht, dass Ungarn geschlossen ist und dass es eine Ausweichroute gibt.

Wie hat man sich in Kroatien vorbereitet?

Man hat in unmittelbarer Nähe an der Grenze zu Serbien 3000 Plätze in Aufnahmezentren geschaffen. Es gibt auch ein Zentrum in Zagreb und vor allem hat man 6000 Polizisten an die Grenze verlegt. Man will die Menschen über die Übergänge geleiten und dort registrieren. Es ist auch geplant, die Flüchtlinge an die slowenische Grenze zu bringen. Diese Strecke kann man in drei Stunden auf der Autobahn bewältigen. Kroatien richtet sich darauf ein, wie die anderen Balkanländer, ein Transitland zu sein.

Damit etabliert sich so quasi eine neue Flüchtlingsroute durch Kroatien Richtung EU?

Ganz sicher, ja. Am Grenzübergang zu Slowenien wird es sich wieder stauen. Slowenien gehört zum Schengen Raum. Allerdings nehme ich an, dass man auch da versuchen wird, das logistisch in den Griff zu kriegen. Die Chancen stehen gut. Kroatien hat eine gut organisierte und personalstarke Polizei.

Menschen gehen einem Zaun entlang
Legende: Menschen auf der Flucht passieren die Grenze von Serbien nach Kroatien. Reuters

Kann Kroatien mit seiner Infrastruktur eine grössere Flüchtlingswelle stemmen?

Kroatien ist ein armes EU-Land, aber es ist immer noch doppelt so reich wie das Nachbarland Serbien. Serbien hat es recht gut gemacht. Abgesehen davon gibt es auch eine gewisse Rivalität zwischen diesen beiden Ländern. Kroatien wird sich sicher nicht nachsagen lassen, das nicht gut geschafft zu haben.

Wie sieht’s bei der Bevölkerung in Kroatien aus?

Ähnlich wie in Serbien gibt es bei der Bevölkerung keine erkennbaren grösseren Ressentiments gegenüber den Flüchtlingen. Man diskutiert auch darüber, dass 47‘000 Kroaten während des Krieges vor 25 Jahren Zuflucht in anderen Ländern gefunden haben.

Spielt die eigene Kriegserfahrung vieler Kroaten in die relativ offene Haltung den Flüchtlingen gegenüber hinein?

Sie trägt sicher dazu bei, aber sie ist nicht der einzige Grund. Es gibt zwar Rivalitäten zwischen den ex-jugoslawischen Nationen, es gibt auch Hass und Konkurrenz, aber es sind keine autistischen Nationen. Man hat schon immer mit anderen zusammengelebt. Das ist anders an den kleinen osteuropäischen Nationalstaaten als zum Beispiel in Ungarn, wo man gegenüber den Flüchtlingen misstrauisch ist. In einem Land wie Kroatien, wo mehr als die Hälfte der Bevölkerung Verwandte im Ausland hat, ist das nicht der Fall.

Kroatien ist ein EU-Land, gehört aber nicht zum Schengen Raum. Was bedeutet das?

Es heisst, dass noch eine weitere Grenzkontrolle gibt, nach Slowenien in den Schengen Raum hinein. Ansonsten bedeutet es nicht mehr viel, denn Grenzkontrollen sind ja auch von EU-Ländern eingeführt worden. Kroatien ist Mitglied des Dublin-Abkommens, theoretisch könnte man Flüchtlinge, die dort registriert sind, nach Kroatien zurückschicken. Das wird aber wahrscheinlich nicht geschehen, denn das Abkommen von Dublin ist mehr oder weniger tot und Kroatien hat vier Millionen Einwohner.

Das Gespräch führte Barbara Peter.

Norbert Mappes-Niediek

Norbert Mappes-Niediek

Norbert Mappes-Niediek lebt seit 1992 als freier Korrespondent für Österreich und Südosteuropa in der Steiermark. Er hat mehrere Bücher geschrieben und berichtet für diverse Medien aus der Region.

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

6 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Hans Haller (panasawan)
    Nur Transitland und wohin danach ? - Schengen/Dublin funktioniert eigentlich anders, bzw. eben ganz und gar nicht. Ob die da in Brüssel das langsam begreifen ?
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Ursula Schüpbach (Artio)
    "Ähnlich wie in Serbien gibt es bei der Bevölkerung keine erkennbaren grösseren Ressentiments gegenüber den Flüchtlingen. Man diskutiert auch darüber, dass 47‘000 Kroaten während des Krieges vor 25 Jahren Zuflucht in anderen Ländern gefunden haben." Daran habe ich auch schon oft gedacht. Es ist alles eine sehr vielschichtige Geschichte, die da quasi abgeht.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Rolf Künzi (Unbestimmt)
    Ich beneide Ungarn und Ihre Regierung um ihre klare Haltung. Der Rest der EU spielt für mich nur ein doppeltes Spiel, auf Zeit oder ist leichtgläubig und lernt nur aus Schaden. Aber ich lasse mich gerne eines Besseren belehren. Wobei mein Lehrer die Zukunft und weder das suggestive Gerede der Medien einzelner Lönder noch anderen Führsprechen ist. Aber am liebsten wäre mir man erkennt die Ursachen und geht sie an. Dies ist auf jeden Fall ein steiniger Weg, für alle Seiten.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen