«L'Aquila ist nach wie vor eine riesige Baustelle»

Was die Bewohner von Amatrice jetzt erleben, ist jenen von L'Aquila vor sieben Jahren widerfahren. Die Stadt liegt nur etwa eine Autostunde vom aktuellen Epizentrum entfernt. SRF-Korrespondent Franco Battel hat L'Aquila besucht und eine Ahnung davon bekommen, was auf Amatrice zukommt.

SRF News: Vor sechs Wochen haben Sie als Korrespondent L'Aquila besucht, sieben Jahre nach dem grossen Erdbeben. Wie sieht es dort heute aus?

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Franco Battel

Porträt Franco Battel

Franco Battel ist seit Anfang 2015 SRF-Korrespondent in Rom. Davor war er als Auslandredaktor für Italien, Mexiko, Zentralamerika, Kuba und Liechtenstein verantwortlich. Er berichtete zudem vom UNO-Sitz in Genf.

Franco Battel: L’Aquila ist auch heute noch eine riesige Baustelle. Das sieht man schon, wenn man auf der Autobahn auf L’Aquila zufährt: Am Horizont sieht man riesige Baukräne. Sie stehen alle im historischen Zentrum der Stadt, das nach wie vor aufgebaut wird. So wird zum Beispiel die Kirche am zentralen Platz beim Dom immer noch renoviert. Auch einzelne Paläste sind immer noch eingerüstet. Es handelt sich hierbei um das frühere pulsierende Zentrum der ganzen Region. Davon ist heute noch gar nichts zu sehen.

Die Aufbauarbeiten verliefen äusserst harzig, weil das Geld offenbar versickerte. Liegt das an der Bürokratie oder haben sich da einzelne Personen bereichert?

Ich gehe davon aus, dass jede Region, jedes Land Schwierigkeiten gehabt hätte, eine Altstadt in der Grösse von L’Aquila wieder aufzubauen. Es ist eine Altstadt mit vielen Kunstschätzen. Man muss aber auch sagen, dass kurz nach dem Erdbeben – noch während der Aufräumarbeiten – bereits bekannt wurde, dass einzelne Beamte versuchten, sich mit Bauarbeitern zu einigen, um überhöhte Preise zu verlangen. Dieses alte Übel, die Korruption, die man in Italien überall antrifft, hat den Wiederaufbau behindert und sicherlich auch dazu geführt, dass in L’Aquila alles ein bisschen langsamer geht. Die Menschen vor Ort sind frustriert. Sie beklagen sich, dass nichts vorwärts gehe.

Ist es nur ein Vorurteil, dass Korruption in Mittel- und Süditalien grösser sei als im Norden?

Es gibt sicherlich Hinweise, die in diese Richtung gehen. Schauen wir zum Beispiel, wie sich das Friaul, eine andere in den 1970er Jahren von einem Erdbeben getroffene Region Italiens, erholt hat: Fährt man heute dorthin, sieht man von den durch das Beben verursachten Schäden nur noch relativ wenig. Es gibt in diesem Gebiet deutlich weniger Korruption. Und vermutlich wird ein schneller Wiederaufbau in der nun betroffenen Region in Zentralitalien schwieriger sein. Grosse Anstrengungen sind nötig, um der Korruption auszuweichen.

Ist denn damit zu rechnen, dass die heute zerstörten Dörfer in der Umgebung von Amatrice – wenn überhaupt – erst in Jahren wieder aufgebaut werden?

Wie sieht L'Aquila heute aus?

4:30 min, aus Rendez-vous vom 24.08.2016

Diese Gefahr besteht tatsächlich. Die Behörden werden nun damit beginnen, möglichst schnell Notunterkünfte aufzubauen. Diese werden meist in der Umgebung der Kleinstädte gebaut und nicht direkt beim historischen Zentrum, damit die Städte saniert und restauriert werden können. Es besteht die Gefahr, dass aus diesen Notunterkünften eine Lösung entsteht, die während fünfzig Jahren weiterbesteht.

Das Gespräch führte Ivana Pribakovic.