Zum Inhalt springen

Zukunft der Ukraine Lässt Trump Kiew fallen?

Merkel versichert Poroschenko die weitere Unterstützung Deutschlands. Noch wichtiger wäre Kiew aber der Support der neuen US-Regierung.

Legende: Audio «In Kiew befürchtet man, Trump könnte seine Ukraine-Politik ändern» abspielen. Laufzeit 05:48 Minuten.
05:48 min, aus SRF 4 News aktuell vom 31.01.2017.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die deutsche Kanzlerin Merkel bekräftigt ihre bisherige Haltung im Ukraine-Konflikt.
  • Unklar bleibt, wie sich die neue US-Regierung positionieren wird.
  • In Kiew befürchtet man, zum blossen Spielball Trumps und Putins zu werden.

SRF News: Beim Besuch des ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko in Berlin hat Bundeskanzlerin Angela Merkel die bisherigen Beziehungen Deutschlands zur Ukraine bekräftigt. Wieso ist dieses Statement für Kiew so wichtig?

Kyryl Savin: In der Ukraine herrschte vor dem Treffen in Berlin grosse Unsicherheit, die Erwartungen waren eher negativ. Das Bekenntnis Merkels beruhigt die Gemüter nun zwar etwas, doch auch in der deutschen Regierung gibt es Vertreter, welche die Politik gegenüber Russland ändern möchten: So haben sowohl der neue Aussenminister Sigmar Gabriel, wie auch sein Vorgänger Frank-Walter Steinmeier – beide sind Sozialdemokraten – verschiedentlich gesagt, sie könnten sich vorstellen, die Sanktionen gegen Moskau, die wegen des russischen Engagements in der Ukraine verhängt wurden, auszusetzen. Noch mehr befürchtet man in Kiew aber, dass der neue US-Präsident Donald Trump die Politik der USA gegenüber der Ukraine ändern könnte.

Symbolbild: Die Flaggen der Ukraine, der EU und der USA flattern im Wind.
Legende: Halten EU und USA weiterhin zur Ukraine? Reuters

Wie reagiert man in der Ukraine auf die Diskussion um ein mögliches Ende der westlichen Sanktionen gegen Russland?

Man befürchtet, dass Trump mit Russlands Präsidenten Wladimir Putin einen Deal macht, der auf Kosten der Ukraine gehen könnte. Die Ukrainer fühlen sich seit längerem eher als Spielball der Grossen denn als handelndes Subjekt. Man befürchtet, dass mögliche Verhandlungen zwischen Trump und Putin ohne die Ukraine stattfinden werden: In einem grossen Deal um die Zukunft Syriens und die Bekämpfung des «Islamischen Staats» könnte die Ukraine zur blossen Tauschware verkommen. Hoffnungsvoll hat man in Kiew nun immerhin die Aussage von Trumps Pressesprecher Sean Spicer zur Kenntnis genommen, dass bezüglich der künftigen Haltung der neuen US-Regierung noch nichts entschieden sei. Bis auf Weiteres bleiben die Sanktionen gegen Russland also in Kraft.

In der Ukraine herrscht grosse Unsicherheit.

Die Ukraine erhält aus den USA militärische Hilfe. Wie wichtig ist diese für das Land?

Zwar liefern die USA keine offensiven Waffen an die Ukraine, doch erhält Kiew diverse Verteidigungssysteme. Noch wichtiger sind aber die amerikanischen Militärs in der Ukraine, welche die Soldaten ausbilden. Ausserdem erhält Kiew finanzielle Hilfe aus Washington. Falls sich Trump nun für einen Deal mit Moskau entscheidet, würde das alles wegfallen, die Ukraine würde quasi geopfert werden.

Bei einem Deal zwischen Trump und Putin könnte die Ukraine quasi geopfert werden.

Die Unterstützung in Deutschland und den USA für die Ukraine bröckelt also: Muss sich Kiew nach anderen Verbündeten umschauen?

Grundsätzlich eher ja, allerdings gibt es keine grosse Auswahl. Die Ukraine hält denn auch an ihrer bisherigen Aussenpolitik fest und vertraut dabei vor allem auf die EU und Deutschland. Gleichzeitig droht der bewaffnete Konflikt in der Ostukraine erneut zu eskalieren. So gibt es Gerüchte, die ukrainische Armee bereite eine grosse Offensive auf die von Russland unterstützten Separatisten im Donbass vor. In der Ukraine herrscht derzeit grosse Unsicherheit.

Biden und Poroschenko winken in die Kamera.
Legende: 16. Januar 2017: Biden mit Poroschenko bei seinem Abschiedsbesuch in Kiew. Reuters

Trotz der Unterstützung Deutschlands und Merkels bleibt die Lage in der Ukraine also unberechenbar?

Die Unsicherheit ist vor allem so gross, weil US-Präsident Trump seine Meinung ändern könnte. Noch ist nicht klar, wer in seinem Team für die Ukraine zuständig sein wird. Der bisherige Vizepräsident Joe Biden und Vize-Aussenministerin Victoria Nuland sind nicht mehr im Amt. Erst wenn klar ist, wer ihre Nachfolger werden, dürfte sich abzeichnen, welche Politik gegenüber der Ukraine Trump in Zukunft verfolgen wird.

Das Gespräch führte Claudia Weber.

Kyryl Savin

Porträt von Kyryl Savin

Der ukrainische Politologe Kyryl Savin war bis April 2015 Büroleiter der Heinrich-Böll-Stiftung in Kiew. Die deutsche Stiftung ist eine parteinahe Einrichtung der Partei Bündnis 90/Die Grünen und setzt sich «für eine aktive Friedenspolitik» ein.

Blutigste Kämpfe seit Dezember

Bei Kämpfen mit pro-russischen Separatisten in der Ostukraine sind mindestens acht Soldaten der ukrainischen Regierungstruppen getötet worden, bestätigt das ukrainische Militär. Nach Angaben der Aufständischen wurde auch eine Zivilistin durch Artilleriebeschuss getötet. Es sind die blutigsten Kämpfe in der Ostukraine seit Mitte Dezember.

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

32 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Benedikt Walchli (Benedikt Walchli)
    Obama hat das US Militär aus gehungert und Kampf untauglich gemacht. Trump setzt wieder auf ein starke Armee aber mehr als Abschreckung, und weniger um wirklich Krieg zu führen. Ich glaube im Moment sieht Tump Putin mehr als ein zukünftiger Handelspartner als ein Erzfeind so lange sich beide respektieren. Auf dieser Ebene erwarte ich auch sein Verhalten mit Kiew.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von H. Wach (H. Wach)
    Der Titel „Lässt Trump Kiew fallen“ ist irreführend: Zumindest Westeuropa kann u. darf die Ukraine nicht fallen lassen. Grund: Die Ukraine war u. ist die Kornkammer Europas! Die Ukraine besitzt die grösste zusammenhängende ertragreiche Schwarzerde/Chernozem-Böden. Die Ukraine besitzt ca.1/3 des Ackerlandes der ganzen EU! Z. Zt. findet ein Machtkampf um den Besitz der Böden zwischen US-Agrarkonzernen (Cargill, Monsanto, Dupont & Co.), Russland, China, arab. Länder f. die zuk. Welternährung statt.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von H. Wach (H. Wach)
      Nachtrag: Was Trump mit der Ukraine vorhat ist reine Spekulation. Denn der Ost-West Konfliktherd Ukraine ist sehr wohl mit den lukrativen riesigen ertragreichen Ackerflächen verbunden. Nachzulesen in ZEIT ONLINE-„Ukraine: Wettlauf um die ukrainische Schwarzerde“ v. 16.3.2015 u. Beiträge von Direktor Frédéric Mousseau des US „Oakland Institute” in Kalifornien. Wenn sich Putin auch noch den Agrarsektor einverleibt, dann geht es für die Ernährung des “Westens” nicht gut aus.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Marcel Chauvet (xyzz)
    Ich würde mal die kühne Prophezeiung wagen, dass da, wo US-Militär mal Einfluss und Fuß hat, es auch bleibt und sich Twittler nicht dagegen stellen kann. Die Hoffnung, dass Trump, der die NATO anfangs als "obsolet" ansah, auch endlich die US-Nuklearraketen aus Deutschland abzieht, habe ich bereits aufgegeben.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen