Zum Inhalt springen

Header

Audio
USA: Erbärmliche Zustände in Lagern für alleinreisende Kinder
Aus Rendez-vous vom 27.06.2019.
abspielen. Laufzeit 05:51 Minuten.
Inhalt

Lagerskandal in den USA «Der Wächter nahm den Kindern das Bettzeug weg»

Der Skandal um vernachlässigte Migranten-Kinder in Clint/Texas sorgt für Schlagzeilen. Eine Lager-Inspektorin erzählt, was sie dort angetroffen hat.

Warren Binford

Warren Binford

Juristin

Personen-Box aufklappenPersonen-Box zuklappen

Warren Binford ist Rechtsprofessorin mit Spezialgebiet Kinderrerchte an der Willamette University in Salem/Oregon., Link öffnet in einem neuen Fenster Sie gehört zu einem Inspektoren-Team, welches das Lager für Migrantenkinder in Clint/Texas besucht hat. Aussagen der Kinder veröffentlicht Binford auf ihrem Twitter-Account., Link öffnet in einem neuen Fenster

SRF News: Das Experten-Monitoring von Lagern, wo minderjährige Migranten festgehalten werden, gibt es seit vielen Jahren. Warum wenden Sie sich ausgerechnet jetzt an die Medien?

Warren Binford: Weil die Verhältnisse so gefährlich und unhygienisch sind. Einige der Kinder waren schon über drei Wochen dort – eigentlich sollten sie nach maximal drei Tagen dem Büro für Flüchtlingsaufnahme übergeben werden. Dann beginnt der Prozess der Wiedervereinigung mit ihrer Familie.

85 Prozent der Migrantenkinder brauchen keinen Staat, der für sie sorgt.

Im Schnitt haben 85 Prozent der Kinder Familie oder mögliche Sorgepersonen in den USA, 45 Prozent haben Eltern. Diese Kinder brauchen keinen Staat, der für sie sorgt. Der Staat muss bloss die Eltern oder Sorgepersonen anrufen, damit sie sie abholen kommen.

Was haben sie im Lager in Clint/Texas genau gesehen?

Es waren über 340 Kinder anwesend, als wir letzten Montag ankamen. 100 von ihnen waren Kleinkinder im Vorschulalter – und niemand hat sich um sie gesorgt. Wir fanden heraus, dass nach einem Grippeausbruch sogar sehr kranke Kinder keine medizinische Versorgung erhielten.

Kinder mit Grippe wurden in Quarantäne geschickt, wo sie auf Matratzen am Boden lagen.

Sie wurden stattdessen in die Quarantäne geschickt, wo sie auf Matratzen am Boden lagen. In einer Zelle gab es eine Läuseplage. Aber bloss sechs Kinder erhielten Läuseshampoo, die anderen mehreren Dutzend Kinder erhielten zwei Läusekämme. Als einer verloren ging, bestrafte der Wächter die Kinder, indem er ihnen das Bettzeug wegnahm und sie auf dem Boden schlafen mussten.

Konnten Sie diese Aussagen beweisen, etwa mit Videoaufnahmen?

Wir haben die Aussagen der Kinder. Zudem bestätigt ein eben geleakter Bericht des unabhängigen Inspektors des Departements der Inlandsicherheit unsere Untersuchungsergebnisse.

Die Behörden haben nach Ihren Aussagen reagiert und verschieben die Kinder nun in Zeltlager, wo Klimaanlagen und Duschen vorhanden sind. Allerdings befinden sich offenbar immer noch rund hundert Kinder im Lager in Clint?

Ja. Sie wissen nicht, wohin sie sie schicken sollen. Das ganze System ist unglaublich schlecht geführt. Die Kinder werden nicht gemäss dem Gesetz versorgt, auch nicht gemäss internationalem Recht. Das muss angegangen werden.

Bürokratische Richtlinien sollten niemals Familien trennen.

Was sollte Ihrer Meinung nach geschehen?

Alles muss unterbrochen und neu organisiert werden. Es müssen Standards für die Versorgung von Kindern definiert werden. Auch müssen die Kinder bei ihren Familien bleiben. Bürokratische Richtlinien sollten niemals Familien trennen. Wenn die Umstände es tun, dann müssen wir die Kinder so schnell wie möglich mit ihren Familien wiedervereinigen.

Die Sorge um diese Kinder könnte der Testfall sein, ob wir als Zivilisation überleben.

Der Kongress arbeitet diese Woche daran, endlich ein Hilfspaket für die humanitäre Lage an der US-Südgrenze zu verabschieden. Wie lautet Ihre Botschaft an die Politiker im Kongress?

Dass sie endlich aufhören, diese Kinder als politischen Spielball zu benützen, sondern dass sie sich einfach um sie kümmern. Das könnte uns als Nation vorwärtsbringen. Die Sorge um diese Kinder könnte die gespaltenen politischen Lager vereinigen. Es könnte der Testfall sein, ob wir als Zivilisation überleben: Erlauben wir es, dass die US-Regierung Kinder misshandelt und vernachlässigt, oder sind wir besser als das?

Das Gespräch führte Isabelle Jacobi.

Noch nie ähnliche Zustände angetroffen

Die Anwaltsgruppe, zu der auch Warren Binford gehörte, hatte sich per Gerichtsbeschluss Zugang zu dem Lager in Clint, nahe El Paso in Texas verschafft. Laut Binford führt die Gruppe seit 20 Jahren Stichproben in Grenzlagern durch. Doch noch nie habe sie ähnliche Zustände wie in Clint angetroffen. Deshalb machte die Gruppe ihre Beobachtungen in der «New York Times» öffentlich. Wohl nicht zuletzt deswegen gab der interimistische Chef der US-Grenzschutzbehörde, John Sanders, inzwischen seinen Rücktritt per 5. Juli bekannt.

Aufgrund der steigenden Zahl illegaler Grenzübertritte aus Mexiko in die USA sind die Grenzlager massiv überlastet. Allein im Mai griffen US-Grenzpolizisten mehr als 144'000 Menschen auf, die illegal in die USA wollten. Die meisten von ihnen stammen aus Mittelamerika. Sie flüchten vor Gewalt und Armut aus ihrer Heimat – mit Ziel USA. US-Präsident Donald Trump rief einen Sicherheits-Notstand an der Grenze zu Mexiko aus und will dort eine Mauer bauen. (dpa)

Schliessen

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen. Mehr

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren. Weniger

Sie haben diesen Hinweis zur Aktivierung von Browser-Push-Mitteilungen bereits mehrfach ausgeblendet. Wollen Sie diesen Hinweis permanent ausblenden oder in einigen Wochen nochmals daran erinnert werden?

34 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Hanspeter Müller  (HPMüller)
    Frau Keller, "Nicht mal Trumps Regierung ist soo blöd! " Wenn nicht blöd, dann muss man Absicht unterstellen, was die Sache sicher nicht besser macht. Dass die Zustände so sind berichtet sogar Trumps Hofberichterstatter Foxnews. Z.B. im Artikel von Casey Stegall von heute. Er war da, in einer Unterkunft für 106 Kinder für 8-10 Stunden. Aktuell seien 117, vor 2 Monaten rund 700 (!) da untergebracht gewesen.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Hans Haller  (panasawan)
    Und das soll man nun einfach so glauben ? Auch ich nehme das Bettzeug der Kinder weg, so man es waschen und reinigen muss. Und das muss ich sogar, Klima bedingt fast tagtäglich machen. Und meine kleine "Bettnässerin" ist immer sehr hilfreich dabei und hilft mir sogar, das Bettzeug zu reinigen und trocknen.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Hanspeter Müller  (HPMüller)
      Ablenkungsversuch mit Whataboutismus vom Schönsten. Wenn Sie das Bettzeug weg nehmen, dann zum Waschen und wieder neu einbetten. In den beschriebenen Institutionen wird es weg genommen zur Strafe und nicht wieder eingebettet. Aber das wissen Sie ja auch. Ich frage mich schon, was ausser Trollen einen zu solchen Statements antreibt.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Hans Haller  (panasawan)
    Kinder sind ein sehr beliebtes Sujet gerade in solchen Dingen. Und mir scheint es gerade mal so zu sein, dass man gerade im Mainstream solche Sujets herbei schreibt. Uebrigens habe ich soeben das Bettzeug unserer Kinder auch weggenommen um es zu waschen und zu trocknen. Von Zeit zu Zeit ist das halt unumgänglich, vor allem weil die eine "eine Bettnässerin" ist. Bin ich jetzt ein "Böser" ??? Und ach ja, bei 30° im Schatten braucht es nur Matratzen, sicherlich kein Bettzeug. (smile)
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Thomas Steiner  (Thomas Steiner)
      Sie scheinen nicht annähernd zu verstehen, um was es hier geht. Sind ihre eigenen Kinder eingesperrt in einem Lager, wo sie wie Kriminelle behandelt werden?
      Ablehnen den Kommentar ablehnen