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Meeresnomaden – eine Tradition unter Druck
Aus Echo der Zeit vom 06.12.2019.
abspielen. Laufzeit 06:37 Minuten.
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Leben auf dem Boot Bajau Laut – die Letzten ihrer Art?

Auf der Insel Mabul vor der Küste Malaysias leben staatenlose Bootsnomaden. Ihre Zukunft ist ungewiss.

Das Holzboot von Simaran und Almaleia liegt in der kleinen Bucht vor Mabul. Es ist zehn Meter lang und eineinhalb Meter breit, als Dach dient eine Plane.

Ein Boot, im Hintergrund Wohnhäuser auf Pfählen im Wasser.
Legende: Bajau Laut, Meeresnomaden, werden die Männer und Frauen genannt, die zwischen Malaysia, den Philippinen und Indonesien auf dem Sulu-Archipel leben. SRF/Karin Wenger

Das Boot ist so eng, klein und instabil, dass man sich nur auf Knien und Händen vorwärts bewegen kann. Almaleia hat auf den harten Planken ihre fünf Kinder zur Welt gebracht – eines starb kurz nach der Geburt, die anderen vier leben mit ihren Eltern auf dem Boot. Glück sei für sie, auf diesem Boot zu sein und es so wenig wie möglich zu verlassen, sagen Simaran und Almaleia.

Die Bajau Laut würden landkrank, so wie andere Leute seekrank würden, heisst es. Das Meer ist ihr Element. Zwei bis drei Minuten könne er unter Wasser bleiben, sagt ein alter Mann, der in seinem Kanu herangekommen ist.

Ein alter Mann auf einem Boot.
Legende: Der zahnlose, alte Mann hat eine Harpune in der einen, ein Ruder in der anderen Hand. «Ich tauche auf den Meeresboden und suche zwischen den Korallen nach Fischen. Finde ich einen, schiesse ich die Harpune ab und bringe den Fang zurück aufs Boot.» SRF/Karin Wenger

Die Bajau Laut sind gefeierte Freediver, tauchen also ohne Sauerstoff. Die besten von ihnen kommen in eine Tiefe von bis zu 70 Meter. Da sie keinen Druckausgleich machen, hätten die meisten zerstörte Trommelfelle, sagt Arafat, ein Tauchlehrer, der selbst kein Bajau Laut ist, aber diese gut kennt. Früher seien sie meist nur einmal im Jahr für ein paar Wochen auf die Insel gekommen, wenn das Wetter in den Philippinen schlecht war, sagt er.

Arafat
Legende: Einer der Söhne von Simaran und Almaleia. Er lebt mit der ganzen Familie auf dem Boot. SRF/Karin Wenger

Sie blieben einige Zeit, fischten und verkauften ihren Fang und reisten dann zu den nächsten Fischgründen. Wegen der Konflikte auf Mindanao seien jedoch viele hier geblieben und nie mehr in die Philippinen zurückgereist.

Auf der philippinischen Insel Mindanao kämpften Separatisten jahrzehntelang gegen Regierungstruppen, just in jenem Gebiet, wo auch viele der Bajau Laut beheimatet sind. Auch Terrorgruppen wie Abu Sayyaf teilen sich das Gebiet mit den Bajau Laut. Die Terroristen verdienen ihr Geld mit Entführungen, Lösegeldforderungen und Raub – die Bajau Laut wurden nicht verschont.

Boot von innen, Taucherbrille im Vordergrund.
Legende: Auf diesen Planken spielt sich das ganze Leben von Simaran, Almaleia und ihren Kindern ab. SRF/Karin Wenger

Am Strand der malaysischen Insel Mabul hausen Dutzende von Bajau Laut in Hütten, die sie sich aus Abfall zusammen gebastelt haben. Sirasia wäscht eben einen Tintenfisch, den ihr Sohn gefangen hatte. Ihr Mann Islidatik erzählt: «Räuber haben unser Boot und unseren Fang gestohlen. Wir konnten nur noch an Land schwimmen. Danach flohen wir nach Malaysia und blieben hier. Wenn wir das Geld hätten, würden wir sofort wieder ein Boot kaufen.»

Die Eltern mit drei Kindern.
Legende: Die Familie von Islidatik und Sirasia wohnt am Strand in einer Hütte. Sie besitzt kein Boot mehr. SRF/Karin Wenger

Terror sei jedoch nicht der einzige Grund, weshalb immer mehr Bajau Laut an Land kommen müssten, sagt der schwedische Anthropologe Erik Abrahamsson. Er hat die letzten neun Jahre immer wieder bei verschiedenen Bajau Laut gelebt und ihr Leben erforscht. «Das grösste Problem ist die Überfischung der Meere und der drastische Rückgang des Fischbestands, aber auch der Klimawandel, stärkere Stürme und gebleichte Korallen.»

Eine Frau vor einem Kübel mit Fischen.
Legende: Ohne Boot ist es für die Familie von Sirasia schwieriger, ihren Lebensunterhalt mit Fischfang zu verdienen und unmöglich, von Ort zu Ort zu reisen. SRF/Karin Wenger

Die Einrichtung mariner Schutzgebiete hat die Jagdgründe der Meeresnomaden noch weiter verkleinert. Von den mehreren Tausend Bajau Laut lebten heute die meisten auf Inseln oder dem Festland, sagt Sanen Marshall von der Universität Malaysia. Doch wie alle traditionellen Gemeinschaften, die die Berufe und Gebiete ihrer Vorfahren aufgeben mussten, hätten auch sie grosse Probleme, sich an Land anzupassen.

Die meisten Bajau sind staatenlos, ihre Kinder können deshalb nicht in die Schule gehen, sie haben keinen Zugang zu Spitälern.
Autor: Sanen MarshallProfessor Universität Malaysia

Viele bleiben in der Nähe des Meeres. Sie sammeln und verkaufen Muscheln oder werden zu Bettlern. Werden ihre Fähigkeiten nicht erkannt und bleiben sie staatenlos, werden viele von ihnen verarmen.

Kinder auf einem Boot.
Legende: Die Familie von Simaran und Almaleia lebt noch immer auf dem Boot – im Gegensatz zu vielen Bajau Laut, die sich auf den Inseln ansiedeln mussten. SRF/Karin Wenger

Vor einer Bar auf Mabul fährt ein Bajau Laut vor und hält seinen Fang zum Verkauf in die Höhe. Noch ernährt ihn das Meer, die Frage ist, wie lange noch.

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1 Kommentar

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  • Kommentar von A. Keller  (eyko)
    Seit Jahrhunderten jagen die Bajau ihre Nahrung im Meer,und das ohne technische Hilfsmittel. Die Erwärmung der Meere entzieht dem indigenen Volk der Bajau, das vom Fischfang lebt, die Lebensgrundlage. Durch Globalisierung, Raubbau und Klimawandel gibt es kaum noch Orte, an denen diese Menschen in Ruhe gelassen werden. Nur wenige Völker sind von ihren sozialen und kulturellen Strukturen intakt.Sie verlieren ihre Würde und schämen sich, zu einer vermeintlich minderwertigen Gesellschaft zu gehören.
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