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Legende: Audio Bericht der Statistikbehörde: Es gibt viele arme Russen abspielen. Laufzeit 08:38 Minuten.
08:38 min, aus SRF 4 News aktuell vom 05.04.2019.
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Leben mit dem Nötigsten «Die Bevölkerung spürt die Stagnation am eigenen Leib»

Ein Grossteil der Russinnen und Russen hat Schwierigkeiten, sich das Nötigste zu kaufen. Das ist das Resultat einer neuen Untersuchung der russischen Statistikbehörde. 60’000 Haushalte wurden dafür befragt. SRF-Russland-Korrespondent David Nauer erläutert die Hintergründe.

David Nauer

David Nauer

Russland-Korrespondent, SRF

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David Nauer ist Korrespondent von Radio SRF in Russland. Von 2006 bis 2009 hatte Nauer für den «Tages-Anzeiger» aus Moskau berichtet, anschliessend aus Berlin.

SRF News: Was zeigt der Bericht der russischen Statistikbehörde?

David Nauer: Die Behörde hat festgestellt, dass sich zehn Prozent der Russinnen und Russen keine Medikamente leisten können. 25 Prozent haben Mühe, Gäste zu verköstigen, wenn sie zum Beispiel Geburtstag haben. Ein Drittel kann sich kein weiteres Paar Schuhe kaufen. Viele Leute haben nur zwei Paar Schuhe, eins für den Sommer und eins für den Winter. Für mehr reicht es nicht.

Armut ist in Russland vor allem ein Problem auf dem Land. Wie nehmen Sie das wahr?

Es gibt grosse Unterschiede. In Moskau kann man in ein schickes Restaurant gehen und dort für ein Essen so viel ausgeben, wie ein Lehrer in einem Dorf in einem Monat verdient. Andererseits erinnere ich mich an den Besuch bei einem Paar in einem Dorf 800 Kilometer nordöstlich von Moskau. In diesem Haus gab es nichts, das jünger als 40 Jahre war. Teller, Möbel, Geschirr und Kleider stammten aus Sowjetzeiten. Das Paar hatte einen Garten und Hühner und Schweine. Zum Essen reichte es, aber um sich etwas mit Geld zu kaufen, reichte es nicht.

Der Wirtschaft in Russland geht es schon länger schlecht. Die Regierung hat Besserung versprochen. Glaubt man der neuen Untersuchung, ist sie noch nicht in Sicht.

Die Wirtschaft ist nach der Annexion der Krim 2014 in eine tiefe Krise gerutscht. Inzwischen wächst die Wirtschaft wieder, aber nur langsam. Laut Prognose soll sie im laufenden Jahr um 1.4 Prozent wachsen.

Liberale Ökonomen sagen, es bräuchte genau das Gegenteil von dem, was Putin macht.

Das ist viel zu wenig. Die Erhebung sagt auch, dass die russische Wirtschaft im Moment gleich gross ist wie vor zehn Jahren. Die Bevölkerung spürt diese Stagnation am eigenen Leib. Auch der Bericht, was sich die Leute leisten können, zeigt das.

Was sollte die Regierung gegen die Armut in der Bevölkerung tun?

Da gibt es unterschiedliche Ansichten. Putin hat angekündigt, grosse staatliche Investitionen in Infrastruktur oder auch bei den Sozialausgaben tätigen zu wollen. Liberale Ökonomen aber sagen, es bräuchte gerade das Gegenteil von dem, was Putin macht.

Der Staat müsste eigentlich einen Neustart des ganzen politischen und wirtschaftlichen Systems in Russland machen. Dazu gehört eine Versöhnung mit dem Westen und eine Lösung des Ukrainekonflikts. Allerdings ist nicht zu erwarten, dass Putin das System, das er selber geschaffen hat, einfach auf den Kopf stellt. Man muss eher davon ausgehen, dass es so weitergeht wie bisher.

Die Opposition wurde vom Staat zerschlagen und der Repressionsapparat – Geheimdienst, Polizei und Sicherheitskräfte – funktioniert.

Seit fünf Jahren sinkt der Reallohn in Russland. Wie lange macht die Bevölkerung das noch mit?

Die Russen sind ein geduldiges Volk. Ich kann mich erinnern, 2014 waren sehr viele Russen euphorisch wegen der Annexion der Krim. Russland war endlich wieder wer. Aber inzwischen sind fünf Jahre ins Land gezogen und es herrscht ein Gefühl von Stagnation. Gemäss Umfragen machen immer mehr Leute Putin für die schlechte Wirtschaftslage verantwortlich. Dennoch ist kein Aufstand zu erwarten. Es gibt in Russland keine organisierte Opposition. Die wurde vom Staat zerschlagen und der Repressionsapparat – Geheimdienst, Polizei und Sicherheitskräfte – funktioniert. Falls sich Leute, die unzufrieden sind, zusammenschliessen würden, wäre der Staat sehr schnell und würde die Bewegung unterdrücken.

Das Gespräch führte Raphael Günther.

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8 Kommentare

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  • Kommentar von Christa Wüstner (Saleve2)
    Russland müsse einen Neustart des ganzen politischen und wirtschaftlichen Systems machen, dazu gehört auch, es müsse eine
    Versöhnung von Russland mit dem Westen geben,. Wer ist denn auf die Europäer zugegangen und hat die Hand gereicht..Putin...wer hält im Gegenteil verbissen an den
    Sanktionen fest, Frau Merkel. Das polt. System kann nicht von einem Tag auf den anderen
    verändert werden. Dazu braucht es Zeit, viel Zeit und eine Öffnung des Westens
    Putin gegenüber.
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  • Kommentar von Christoph Heierli (help)
    Wie wäre es wenn Putin und seine "Freunde" sich endlich einmal um ihr eigenes Volk und weniger um Eroberungen (Krim/ Ukraine) und übrige Weltpolitik kümmern würden?
    Überall Kriege führen und eine sinnlos teure Armee unterhalten, finden Putin und Co. wohl wichtiger. Eine Schande für ein Land mit solch hochstehender Kultur.
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    1. Antwort von Hans Bernoulli (H.Bernoulli)
      Und wieder dieser Balken im eigenen Auge... oder wieviel gegeben Nato-Staaten für Militärausgaben und völkerrechtswidrige Kriege aus, während in vielen westlichen Ländern es vielen nicht wirklich gut geht und die Verschuldung immer weiter zunimmt?
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  • Kommentar von Alexander Ognjenovic (Alex)
    Es gibt sehr viele Länder in denen die Menschen sehr viel schlimmer leben. Das Problem ist dass die Regierungen dieser Länder sehr viel Geld in Rüstung investieren aber nichts in Bildung, Gesundheit, Landwirtschaft, Sozialversicherung usw...! In der Regel handelt es sich da um Länder die ständig in Kriege verwickelt sind! Ich denke Namen brauche ich da keine anzuwenden, man weis ja welche Länder es sind, die ständig irgendwo Krieg führen (auch die angeblichen Hütter der Menschenrechte)!
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    1. Antwort von S. Borel (Vidocq)
      Dass es Menschen in anderen Ländern noch schlimmer geht, hilft diesen Russen herzlich wenig. Aber das mit den Rüstungsausgaben stimmt leider... auch wenn man hier leider beifügen muss, dass das was danach übrig bleibt weitgehends ins Portemonnaie der Führung samt Oligarchen fliesst. Augen auf beim Ausfüllen des Wahlzettels!
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    2. Antwort von Albert Planta (Plal)
      Jawohl, den Menschen in Serbien geht es auch schlecht, eigentlich wie Überfall, wo Oligarchen das Sagen haben:-(
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    3. Antwort von Christian Halter (Halterius)
      Also ich sehe nicht wie Russland sich von den "vielen [anderen] Ländern" unterscheidet wie sie gerade sagten. Ausserdem versuchen sie vom Thema abzulenken, nämlich genau darum, dass sich Russland, durch zu hohe Militärausgaben, z.B. Krimkrieg, und fehlende politische Innovation durch Repression jeglicher Opposition, wirtschaftlich und politisch ins Abseits bringt. Durch die Sanktionen und fehlenden Sozial- und Bildungsausgaben, bleibt Russland stehen oder geht sogar rückwärts.
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    4. Antwort von Daniel Bucher (DE)
      Ich weiss auch welches Land sie meinen:
      seit 2015 Krieg in Syrien, 2014 Krieg und Annexion der Krim, 2008 Kaukasuskrieg an der Seite der Südossetischen Rebellen, 1999 Dagestankrieg, 1999-2009 und 1994-1996 Tschetschenienkrieg.
      Kein Wunder dass das Geld fehlt. Hauptsache Putin hat weiterhin die Macht - dazu kann er seinen korrupten Helfern reiche Beute zukommen lassen.
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