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Argentinien führt genderneutralen Pass ein
Aus Rendez-vous vom 11.08.2021.
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LGBTI-Rechte Geschlechtsneutrale Pässe und Transquote – modernes Argentinien

Südamerika gilt als Biotop der Macho-Kultur: Hass, Hetze und Häme gegen Menschen jenseits heterosexueller Geschlechtergrenzen sind in Brasilien, Kolumbien oder Peru alltäglich. Nur in Argentinien passiert etwas:

Legende: Als Ende Juni Argentiniens Präsident Alberto Fernàndez das neue LGBTI-Gesetz durchbrachte, war der Jubel gross. Getty Images

Seit kurzem gibt es Pässe für Menschen, die sich weder männlich noch weiblich definieren. Zu den traditionellen Geschlechtsbezeichnungen «M» und «F» für Mann und Frau kommt eine geschlechtsneutrale Zuordnung mit dem Buchstaben «X» zur Auswahl hinzu. Argentinien ist jetzt das erste Land in Südamerika, das für seine trans- und nicht-binären Einwohner geschlechtsneutrale Pässe anbietet.

Argentinien setzt weltweit Massstäbe

Präsident Alberto Fernández hat an einer Pressekonferenz die ersten drei Pässe im neuen X- Format an Trans-Personen verteilt. «Es gibt neben der von Mann und Frau noch andere Identitäten, die respektiert werden müssen. Diese Identitäten haben immer existiert, nur dass sie bis jetzt versteckt leben mussten. Das wollen wir mit dieser Sichtbarkeit ändern», sagte Präsident Fernández.

Legende: Argentinien ist weltweit das erste Land, das geschlechtsneutrale Pässe ausstellt. Keystone

Argentinien festige mit diesem Schritt seine Positionierung als eines der fortschrittlichsten Länder in Bezug auf LGBTI-Rechte, stellt das Portal queer.de fest. Als erstes lateinamerikanisches Land habe es nämlich bereits vor über zehn Jahren die Ehe für alle eingeführt. Seit 2012 könnten trans Menschen ihren Geschlechtseintrag ohne psychologisches Gutachten, medizinische Eingriffe oder Hormontherapie wechseln.

Legende: Vor einem Jahr bereits feierte Argentinien das 10-Jahres-Jubiläum der «Ehe für alle» Getty Images

Im Juni verabschiedete der Kongress zudem ein Gesetz, das eine verpflichtende Transquote im öffentlichen Dienst vorschreibt. Ein Prozent der Jobs im öffentlichen Sektor müssen an Transpersonen gehen. Private Unternehmen sollen darüber hinaus finanzielle Anreize bekommen, um mehr Transpersonen einzustellen.

Tomás Máscolo, Transaktivist und Philosophie Professor an der Universität von Buenos Aires sagt gegenüber SRF News: «Argentinien ist ein Vorreiter bei der Unterstützung von Rechten für sexuelle Minderheiten. Der Kampf um diese Gesetze begann aber bereits 2015. Die erfolgreiche feministische Bewegung gegen Gewalt an Frauen «Ni una menos», hat schon immer auch die Rechte der Transpersonen mit einbezogen. Die Gesetze von heute sind Ergebnisse von jahrelangen Protesten und aktiven Bewegungen.»

Die Transquote im öffentlichen Dienst ist in Argentinien seit zwei Monaten Gesetz, sie wird aber bereits seit Ende letzten Jahres angewendet. Laut dem Ministerium für Frauen, Geschlechterpolitik und sexuelle Vielfalt wurden aber erst ein Zehntel der vorgeschriebenen Stellen mit Trans-Personen besetzt. Und dies obwohl 70 Prozent der Transpersonen in Argentinien arbeitslos sind.

Die Gesetze von heute sind Ergebnisse von jahrelangen Protesten.
Autor: Tomás Máscolo Trans-Aktivist und Philosophie Professor

Transaktivist Tomás Máscolo: «Ich bezweifle sehr, dass alle diese Gesetze, welche wir erreicht haben, auch wirklich umgesetzt werden. Da kann die Regierung noch lange sagen, ein Prozent der Jobs sollen an Transpersonen gehen, und dann wird es einfach in den Provinzen nicht umgesetzt. Die Gesetze sind auf dem Papier sehr fortschrittlich. Im wirklichen Leben sind sie zum Teil weit von der Realität entfernt.»

Seit seiner Wahl 2019 setzt sich der argentinische Präsident Fernández für progressive Sozialreformen ein. Unterstützt wird er von seinem Sohn Estanislao, der bekanntesten Dragqueen Argentiniens. Estanislao bezeichnet sich weder ausschliesslich männlich noch weiblich und hat bereits den neuen genderneutralen Pass beantragt.

Trans Community Argentinien

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Aktivisten gehen davon aus, dass es landesweit etwa 13’000 Transgender-Personen im Erwachsenenalter gibt, bei einer Gesamtbevölkerung von gut 44 Millionen. Im Bildungssystem und auf dem formellen Arbeitsmarkt werden Transpersonen bislang strukturell ausgeschlossen. Eine Folge: Rund 90 Prozent der Transfrauen in Argentinien leben von der Sexarbeit und sind überdurchschnittlich häufig von Gewalt durch Männer und Polizei betroffen. Die Lebenserwartung von Transpersonen liegt in Argentinien zwischen 35 und 41 Jahren.

 

Rendez-vous, 11.08.2021, 12:30 Uhr

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13 Kommentare

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  • Kommentar von Norbert Zeiner  (ZeN)
    Argentinien kratz seit mindestens 2 Jahrzehnten immer wieder mal am Staatsbankrott herum, der Schlechterverdienenden und Mittelstand jegliche in zweitweise etwas besseren Zeiten kümmerlich Erspartes gleich wieder raubt. Die gender-neutralen Pässe ist sicher, worauf diese übergrosse Mehrheit der Bevölkerung innigst gewartet hat und darin einen Anbruch fast einer neuen Zeitrechnung sieht.
  • Kommentar von Andreas Meier  (Andreas Meier)
    @ SRF Sehr gut. Bitte mehr Gender Beiträge. Es ist ein wichtiges Thema das noch nicht bei allen angekommen ist. Zumindest ist es bei den ca. 80% bei representativen Umfragen in Deutschland angekommen, die dieses Thema gegenüber den anderen 20% also unnötig und übertrieben finden. Und genau das bewirkt es beim Durchschnittsleser von SRF, er wird in zukunft einer Beitragskürzung für Radio/TV Gebühren eher unterstützen, sollange Gender-Gaga Beiträge jeden Tag aufpoppen.
    1. Antwort von Bobby Senn  (Hardcorehansi)
      ...ach dafür gibt mehr als genug gründe, dafür muss man nicht auf ein thema einhacken!
  • Kommentar von Reto Derungs  (rede)
    Reiner Populismus. Argentinien hätte eigentlich ganz andere Probleme zu lösen. Die meisten Argentinierinnen und Argentinier hätten es lieber gesehen, wenn eine Quote für die nach wie vor massiv unterdrückte indigene Bevölkerungsschicht eingeführt worden wäre. Oder wenn die Armut und die Kriminalität in den Armenvierteln der grossen Städte angegangen würde. Oder wenn das grosse Wohlstandsgefälle zwischen Ober- und Unterklasse endlich, endlich zum politischen Thema würde. Etc., etc.......
    1. Antwort von Arber Thaqi  (arberi.th)
      Die Schweiz hat nicht mal ein drittes Geschlecht in der Bundesverfassung, da ist es umso erstaunlicher dass Argentinien, die mit grosser Korruption zu kämpfen haben, solche westliche Werte voranbringen.

      Es herunterzuspielen als Populismus ist einfach nur beschämend. Jeder Bürger, egal welcher Minderheit, verdient Anerkennung und Rechte.
    2. Antwort von Marc Blaser  (PrCh)
      @Thaqi, Anerkennung ist das Eine, aber für jede Minderheit ein Gesetz festlegen oder in diesem Falle im Pass ist was anderes.
      Ja man sollte Rücksicht auf Menschen nehmen, bei welchen das Geschlecht nicht oder schwer zu definieren ist.
      Und bevor Sie hier die Schweiz schlecht darstellen, weil sie "nicht mal ein drittes Geschlecht in der BV hat", können Sie zuerst mit dem Finger auf die Länder zeigen, wo aktuell die Frauen flüchten müssen, da sie sonst jegliche Perspektiven verlieren.