Dass Keir Starmer und seine Labour-Partei unpopulär sind, ist nicht neu. Überraschend ist dagegen, wie gross die Unzufriedenheit offensichtlich ist.
Eine routinemässige Ersatzwahl für einen Sitz im britischen Parlament, der seit fast hundert Jahren fest in den Händen der Labour-Partei ist, wurde zu einem schmerzhaften Drama. Denn es war nicht die Labour-Kandidatin oder jener von Reform, die heute morgen um sieben im Wahlbezirk Gorton and Denton die Bühne als Sieger betraten, sondern die 34-jährige Sanitärinstallateurin Hannah Spencer, die für die Grünen kandidierte.
Wir von der Arbeiterklasse wissen, wie es sich anfühlt, wenn man auf uns herabblickt.
Spencer sagte: «Ich bin unheimlich stolz, dass ich trotz oder wegen meiner Herkunft gewählt wurde. Wir von der Arbeiterklasse wissen, wie es sich anfühlt, wenn man auf uns herabblickt. Wie man sich fühlt, wenn man nicht Klassenbeste war und es mit Fleiss trotzdem zu etwas gebracht hat. Und wir wissen wie es sich anfühlt, wenn man von der Elite in London vernachlässigt wird. Ich dagegen sehe und kenne Euch und werde für Euch da sein.»
Die Handwerkerin entschuldigte sich zudem bei allen Kundinnen und Kunden, deren tropfenden Wasserhähne sie nun nicht mehr reparieren könne, weil sie sich künftig in Westminster deren anderen Sorgen kümmern werde.
Labour wurde herausgefordert
Zur politischen Schadensbegrenzung schickte die Labour-Regierung ihre Transportministerin in die Radiostudios, um die Niederlage schönzureden. Doch der Totalschaden liess sich nicht beschönigen. Labour wurde in Gorton and Denton gleich von zwei populistischen Parteien herausgefordert – und geschlagen.
Von Links von den Grünen und von Rechts von Nigel Farages Reform UK, die auf dem zweiten Platz landete. Und so wurde diese Lokalwahl zu einer Diagnose über den Zustand von Starmers Krankengeschichte als Premierminister, der es allen recht machen will und am Ende dabei eine ziemlich schwache Figur abgibt. Die vergangene Nacht wurde aber ebenso zu einer unheilvollen Prognose, wie die Regionalwahlen in Wales, Schottland und England im Mai ausfallen könnten.
Die Verhaftung eines früheren Prinzen, der in Umfragen noch unbeliebter ist als Starmer, sorgte zwar für den Premierminister vorübergehend ein bisschen für Erleichterung. Doch nun sei er wieder arg unter Druck, sagt der britische Politologe John Curtice.
Wähleranteil hat sich halbiert
Der Wähleranteil von Labour in diesem Bezirk habe sich in den vergangenen zwei Jahren halbiert. Labour habe nicht massiv nur verloren, sondern sei an dritter Stelle nach Reform gelandet. Diese Niederlage werde in die Geschichtsbücher eingehen, meint der Professor.
In Gorton and Denton lässt sich nämlich nicht nur wie unter einer Lupe zeigen, wie unzufrieden die Britinnen und Briten mit der aktuellen Politik sind. Sichtbar werden ebenso die Vorboten eines möglichen Totalumbaus der politischen Landschaft.
In Echtzeit lässt sich im Wahlkreis Gorton and Denton beobachten, wie die gewohnte Ordnung, wer in Westminster das Sagen hat, zerlegt wird. Es ist die Ordnung, mit der die meisten Britinnen und Briten aufgewachsen sind, in der zwei Grosse Parteien – Labour und die Konservativen – abwechslungsweise das Land regieren und den Premierminister stellen.
Diese Zeiten könnten zu Ende sein. Labour ist unpopulär wie noch nie. Und die Konservativen, welche die Politik im Vereinigten Königreich über Jahrzehnte geprägt hatten, erreichten in Gorton and Denton noch einen Stimmen-Anteil von 1.4 Prozent.