Zum Inhalt springen

Machtpoker auf dem Balkan Erdogans Griff nach Kosovo

Legende: Video Türkischer Einfluss im Kosovo abspielen. Laufzeit 02:56 Minuten.
Aus Tagesschau vom 01.04.2018.

Es war eine regelrechte Entführung: Ohne Gerichtsbeschluss und ohne Wissen von Ministerpräsident Ramush Haradinaj haben kosovarische Sicherheitskräfte sechs mutmassliche Anhänger der Gülen-Bewegung verhaftet und am Flughafen von Pristina dem türkischen Geheimdienst übergeben.

Offenbar im Wissen von Präsident Hashim Thaçi. Kosovo folgt dem Begehren des türkischen Staatschefs Recep Tayyp Erdogan, der die Gülen-Bewegung für den missglückten Putschversuch im Sommer 2016 verantwortlich macht und seither deren Anhänger auf der ganzen Welt jagt.

Stiller Staatsstreich?

Es ist überraschend, dass Kosovo dem Druck der Türkei nachgibt: Bisher war Pristina klar nach Westen ausgerichtet. Die grossen Verbündeten der kosovarischen Selbständigkeit von Serbien sitzen in Washington.

Und anlässlich der Feierlichkeiten zum zehnjährigen Jahrestag der Unabhängigkeit diesen Februar bekannte sich Hashim Thaçi in einem Interview mit SRF zu Europa: «Kosovo hat nur einen Weg. Es ist der Wille der Bürger unseres Landes. Es ist der Wille der Führung: Die EU-Integration.»

Doch jetzt, nur gut einen Monat später: Kosovo reicht Erdogan die Hand – mit einer klar illegalen, konspirativen Aktion. In Pristina ist von einem Staatsstreich die Rede. Präsident Thaçi habe die ganze Macht an sich gerissen.

Unterdessen hat Ministerpräsident Haradinaj den Innenminister und Geheimdienstchef entlassen, die Mitverschwörer des Präsidenten bei der Entführung der mutmasslichen Gülenisten. Kosovo ist erschüttert – zum zweiten Mal innert Wochenfrist.

Erst Anfang Woche eskalierten nach der Verhaftung des serbischen Kosovo-Beauftragten Marko Djurić die Spannungen mit Belgrad. Serbiens Präsident Aleksandar Vučić nannte die Regierung in Pristina «eine terroristische Bande». Ein Dammbruch – und das Ende der Normalisierung zwischen Serbien und Kosovo. Mit dem Backup des russischen Präsidenten Wladimir Putin versucht Vučić den Einfluss Belgrads in Kosovo zu maximieren – und wiederholte den nationalistischen Schlachtruf: «Kosovo ist Serbien».

Das Gegenkonzept kommt direkt vom türkischen Präsidenten Erdogan: Bei einem Besuch in der osmanisch geprägten und noch heute teilweise türkisch besiedelten Stadt Prizren im Süden Kosovos 2013 sprach er aus, Kosovo sei die Türkei, und die Türkei sei Kosovo.

Erdogan sieht die Gebiete des ehemaligen osmanischen Reiches als seine Einflusssphäre: In Kosovo genauso wie im nord-syrischen Afrin oder anderswo. Hat sich Präsident Thaçi in der aktuellen Eskalation die Unterstützung von Putin-Konkurrent Erdogan in Ankara geholt? Mit der Übergabe der mutmasslichen Gülenisten an die Türkei? Die Aktion sei schon früher eingefädelt worden, behauptet Kosovo. Alles nur Zufall?

Geopolitische Verwerfungszone

Fest steht: Die starken Männer in Belgrad und Pristina spielen ein brandgefährliches Spiel mit den Grossmächten. Denn der Westen hat es unterlassen, dem Westbalkan eine klare Perspektive zu geben und die schwelenden Konflikte unter Einbezug aller Beteiligten echt und demokratisch legitimiert zu lösen.

Nun wirkt die EU in der gegenwärtigen Krise hilflos – und Washington hat sich vorerst ganz abgemeldet. So treffen hier, ähnlich wie in Syrien, die Interessen Russlands und der Türkei direkt aufeinander.

Die Krise an den Rändern Europas ist damit noch einmal näher gerückt – und findet nun offen auf einer der wichtigsten geopolitischen Verwerfungszonen überhaupt statt: Der Westbalkan ist die Verbindung des Westens mit dem Orient. Er hat eine kulturelle Brückenfunktion, kann aber Ausgangspunkt grösserer Auseinandersetzungen sein – wie 1914, als die Schüsse auf den österreichisch-ungarischen Thronfolger in Sarajevo den Ersten Weltkrieg auslösten.

So weit ist es längst nicht, aber die Rückkehr zu einem System rivalisierender Grossmachtinteressen ist nicht im Interesse Europas, geschweige denn der Bürger auf dem Westbalkan.

Erdogan droht Haradinaj

Personen-Box aufklappenPersonen-Box zuklappen

Über Nacht ging die Auseinandersetzung in eine neue Runde: Präsident Erdogan bedroht den kosovarischen Premierminister Ramush Haradinaj, weil dieser den Innenminister und den Geheimdienstchef entlassen hat. Erdogan wirft ihm vor, so die Gülenisten zu schützen: «Du wirst dafür bezahlen, denen, die den Putsch in der Türkei durchgeführt haben, einen sicheren Hafen zu bieten.»

Georg Häsler

Georg Häsler

Bundeshausredaktor

Personen-Box aufklappenPersonen-Box zuklappen

Georg Häsler ist SRF-Korrespondent in Serbien und Kosovo sowie Bundeshausredaktor in Bern. Er studierte Klassische Philologie. Seine Spezialgebiete sind Südosteuropa, Sicherheitspolitik und die internationalen Beziehungen.

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

58 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von M. Berger (Mila)
    Die halbe Welt ist auf die Arglist der Führer im Kosovo hereingefallen, besonders auf den obgenannten Hashim Thaçi. Die Untersuchungen über Kriegsverbrechen der UçK wurden von den vermutlichen Tätern unterbunden, werden aber hoffentlich weitergeführt. Die UçK (albanische paramilitärische Organisation im Kosovo) wurde im Balkankrieg von der NATO ausgerüstet und ausgebildet. Siehe Nachforschungen und Comments (Nationalrat Marty Dick und Carla del Ponte, der Chefanklägerin in Den Haag).
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Osman Erdogan (Dividenrule)
    Staaten schützen ihre Interessen, wollen ihre Einflusszone erweitern und dadurch (meistens) wirtschaftliche Vorteile sichern. Dies gilt für die EU, für die Schweiz, Putin, Erdogan uvm... wenn die USA/EU ihre Interessen schützen heisst es Demokratie/Rechtsstaatlichkeit bringen, wenn es Russland/Türkei tut, dann Kriegstreiberei...
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von A. Keller (eyko)
    Dieser Staatenkrieg mit Erdogan gibt zu denken. Deshalb bin ich auch total dagegen, wenn Juncker Serbien und Kosovo als neue Mitglieder in die EU holen will. Diese Länder schaden Europa mehr als sie nutzen bringen. Die Kultur, das Denken und das Handeln verläuft in anderen Bahnen. In Kosovo werden Kindergärten, Schulen und Moscheen von der Türkei mitfinanziert, warum wohl? Mit Geld kann Erdogan alle kaufen und an sich binden. So was brauchen wir in der EU nicht, auch die Türkei nicht.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen