Zum Inhalt springen

Header

Audio
China will Wildtier-Handel regulieren
Aus Echo der Zeit vom 14.04.2020.
abspielen. Laufzeit 03:15 Minuten.
Inhalt

Märkte in China Was bringt das Verbot des Wildtierhandels?

China hat den Verzehr von Wildtieren verboten, weitere Einschränkungen sind geplant. Es bleiben jedoch offene Fragen.

«Rind – und Schaffleisch» steht auf dem Schild über dem Geschäft – auf einem Markt im westchinesischen Sichuan. Doch auf dem Boden liegen tote Wildhühner, im Geschäft drinnen finden Marktaufseher zudem ein halbes Wildschwein.

Solche Videos und Berichte über Razzien auf Märkten kursieren in Chinas sozialen und auch offiziellen Medien – denn: der Verzehr von Wildtieren ist in China inzwischen verboten. Das sei richtig, sagt Professor Zhou Zhaomin von der China West Normal University. Zhou forscht unter anderem zum Handel mit Wildtieren.

«Angesichts der Epidemie ist ein solches Verbot nötig. Es zeigt die Entschlossenheit der Regierung im Kampf gegen die Pandemie. Die Gesundheit der Bevölkerung muss geschützt werden.»

Markt
Legende: Vor der Coronavirus-Epidemie war der Fischmarkt im chinesichen Guangzhou auch bekannt für den Handel mit Wildtieren. Keystone

Und so haben die chinesischen Behörden nicht nur Marktstände geschlossen, die Wildtiere im Angebot hatten, sondern auch ganze Wildtierfarmen, wo exotische Tiere gezüchtet werden: von Pfauen bis zu Füchsen.

«Inzwischen hat die Regierung einen Gesetzesentwurf ausgearbeitet mit einer Liste von Tieren, die für die Fleischproduktion genutzt werden dürfen. Darunter Nutztiere wie Schweine, Rinder oder Hühner – aber auch Rehe und Strausse.

Hund
Legende: In einigen Regionen Chinas werden Hunde eher als Nutztiere und nicht als Haustiere gesehen. Ihr Fleisch kommt auf den Tisch und ihre Haut wird zu Leder verarbeitet. Keystone

Exotische Tiere wie Fledermäuse oder Schuppentiere fehlen dagegen auf der Liste. Es fehlen übrigens auch Hunde, die – wenn der Entwurf so verabschiedet wird – nicht mehr gegessen werden dürfen.

Angst vor illegalem Handel

Noch sei es zu jedoch früh, um die genauen Auswirkungen der Verbote abzuschätzen, sagt Professor Zhou.

«Die Wildtier-Industrie wird wahrscheinlich deswegen nicht verschwinden. Zumindest jene Bereiche, die nichts mit Nahrungsmitteln zu tun haben. Wie zum Beispiel die Zucht für die Forschung.»

Von einem raschen und kompletten Verbot hält Professor Zhou nichts, weil die Gefahr bestünde, dass der Handel in den Untergrund gehe.

Bären
Legende: In chinesischen Wildtierfarmen werden auch Bären gezüchtet. Ihr Gallensaft wird in der traditionellen chinesischen Medizin zur Behandlung von Augen- und Leberbeschwerden verwendet. Keystone

So ist etwa die chinesische Medizin vom aktuellen Verbot nicht direkt betroffen – zum Beispiel darf die Bärengalle weiter genutzt werden. Auch Meerestiere sind vom derzeitigen Verbot ausgenommen.

Aili Kang, China-Chefin der US-amerikanischen Wildlife Conservation Society (WCS), ist dennoch optimistisch. Auch sie weist auf die Schlupflöcher hin. Neben der traditionellen chinesischen Medizin gehört auch die Pelz- und Lederindustrie dazu. Die Verbote gingen trotzdem in die richtige Richtung, sagt sie.

Zu sehen ein gefangener Waschbär.
Legende: Auch mit Waschbären soll künftig nicht mehr gehandelt werden. Keystone

So durfte das Schuppentier bisher nicht gejagt, jedoch gezüchtet werden. In der Praxis sei da oft nicht unterschieden worden, sagt Aili Kang. Für den Konsumenten ist es meistens auch nicht ersichtlich, woher das Tier genau stammt.

Gegen die strengeren Bestimmungen gibt es auch Widerstand. Zum Beispiel von jenen Farmen, die mit der Wildtierzucht Geld verdienen würden. So fürchten etwa die Züchter von Bambusratten um ihr Geschäftsmodell. Die Nager fehlen nämlich auf der provisorischen Liste der Tiere, die zukünftig noch verzehrt werden dürfen.

Zu sehen viele Hühner in Käfigen.
Legende: Lebende Tiere auf den Märkten: Das Schlachten von Tieren direkt auf dem Markt gilt als Beweis für die Frische des Fleisches. In vielen Orten ist das Schlachten auf Märkten inzwischen verboten. Keystone

Sowohl die Regierung als auch die Mehrheit der Chinesinnen und Chinesen seien gegen den Verzehr von Wildtieren, sagt Aili Kang. Chinas Behörden haben also Grund zum Handeln.

Nochmals Professor Zhou: «Der genaue Ursprung der Epidemie ist zwar noch nicht bestätigt, aber die allermeisten Indizien weisen auf Wildtiere hin. Und selbst wenn nicht, muss die chinesische Wildtier-Industrie auch ganz unabhängig davon besser reguliert werden.»

Die Berichte zum Handel mit Wildtieren, die Bilder dazu von den Tiermärkten in chinesischen Städten: Sie werfen einen Fokus darauf, wie gross die Unterschiede im Vergleich zum Westen erscheinen. Doch inwiefern ist das Verständnis vom Tier in China anders? Dazu ein paar Fragen an China-Korrespondent Martin Aldrovandi.

Martin Aldrovandi

Martin Aldrovandi

Nordostasien-Korrespondent, SRF

Personen-Box aufklappenPersonen-Box zuklappen

Martin Aldrovandi ist seit 2016 Korrespondent für Radio SRF in Nordostasien mit Sitz in Schanghai. Zuvor hatte er mehrere Jahre lang als freier Journalist aus dem chinesischsprachigen Raum berichtet.

SRF NEWS: Chinesische Tiermärkte sind für uns eher verstörend: Enge Käfige, das öffentliche Schlachten. Sind wir uns solche Anblicke einfach nicht gewohnt oder ist das Verhältnis zu Tieren wirklich so anders?

Martin Aldrovandi: Beides stimmt wahrscheinlich. Sie sehen in China viele lebendige Tiere auf den Märkten, weil das die Leute auch als Beweis dafür nehmen, dass das Tier frisch ist. Aus dem gleichen Grund wurden die Tiere dann auch direkt vor dem Kunden auf dem Markt getötet – was vielerorts inzwischen aber verboten ist.

Hier sehen die Chinesen einfach unmittelbarer das, was wir nicht mehr sehen können oder sehen wollen. Da gibt es eine gewisse Doppelmoral auf westlicher Seite.

Was aber die Beziehung zum Tierrecht oder zum Nutztier angeht – da fehlt bei vielen tatsächlich das Verständnis für Fragen des Tierwohls. Wie es dem Tier geht, was es fühlt, wieso Fleisch nicht nur billig sein kann – das spielt oft keine Rolle.

Zu sehen ein Schlachthof in China.
Legende: Früher hielten sich die Menschen in China oft ein einzelnes Tier als Nutztier. Heute kommt vieles aus Mastfarmen. Keystone

Tiere sind also eine reine Handelsware, eine Sache?

Für viele sicher schon. Es gibt keine Vorschriften zur Haltung von Tieren. Es gibt auch keine nationalen Gesetze zur Tierquälerei. Nach dem Ausbruch des Coronavirus gab es sogar noch mehr Berichte von Menschen, die ihre Tiere einfach ausgesetzt oder getötet haben – weil sie Angst hatten, dass diese das Virus weiterverbreiten würden.

Bei den Nutztieren ist in der Regel die Beziehung zu den Tieren ja noch geringer. Was erlebt man für Zustände auf Geflügel- oder Schweinefarmen?

Es gibt auch in China Biobetriebe mit anständiger Haltung. Aber mit den wenigen Vorschriften kann man sich vorstellen, wie es in grossen Mastanlagen aussieht. Da gibt es auch immer wieder die Klage über einen zu grossen Einsatz von Antibiotika, weil die Tiere so eng aufeinander sind.

Ein anderes, sehr traditionelles Bild sieht man weit draussen auf dem Land: Tiere, die sich frei bewegen, sich selbst überlassen sind. Kühe und Hühner auf der Strasse, das Schwein hinter dem Haus. Ein Bild wie bei uns vor hundert Jahren. Diesen Tieren geht es wahrscheinlich besser als jenen in den grossen Mastanlagen.

Woher kommt dieses distanzierte Verhalten gegenüber Tieren?

Ich glaube, das hat vor allem mit der rasanten Entwicklung in China seit der wirtschaftlichen Öffnung vor rund vierzig Jahren zu tun. Alles geht wahnsinnig schnell und der Mensch schaute zuerst auf sich selbst. Er wollte genug zu essen, mehr Geld, eine höhere Bildung für die Kinder.

Da lag das Tierwohl natürlich nicht an erster Stelle. Vor allem in urbanen Regionen gibt es aber immer mehr Menschen, die nicht nur ein Haustier halten, sondern sich auch um Tierrechte kümmern; so gibt es in China inzwischen unzählige Tierschutzorganisationen.

Das Gespräch führte Marlen Oehler.

Echo der Zeit, 14.04.2020, 18.00 Uhr

Jederzeit top informiert!
Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden.
Schliessen

Jederzeit top informiert!

Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden. Mehr

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren. Weniger

Push-Mitteilungen aktivieren

Sie haben diesen Hinweis zur Aktivierung von Browser-Push-Mitteilungen bereits mehrfach ausgeblendet. Wollen Sie diesen Hinweis permanent ausblenden oder in einigen Wochen nochmals daran erinnert werden?

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

49 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Oli Muggli  (Oli g)
    Im verborgenen gehts weiter, also, Keine Landsleute mehr einreisen lassen Weltweit, wenn zwingend nötig zuerst 2 Wochen selbstbezahlte Quarantäne, erst dolche Konsequenzen werden greifen, ansonsten, viel Spass beim nächsten Virus...
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Christoph Heierli  (help)
    Der Entwicklungsstand eines Volkes wird am besten mit dem Umgang von Tieren gemessen....ich kaufe keine Chinesischen Produkte mehr. Das Betragen dieses Volkes ist unerträglich. Vor allem seiner politischen Führung kann man kein Wort glauben.Bitte auch kein 5G aus China. Auch kein Huawai Natel. Keine Chinesischen Autos usw.....Viele europäische und auch Schweizer Firmen werden an China verkauft. Bis wir von China abhängig sind.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Alois Keller  (eyko)
      Wir sind schon in einer gewissen Abhängigkeit von China. Der grosse Warenaustausch beweist es. Schlimmer ist, dass die meisten fehlenden Medikamente, Masken, Schutzkleider, um die sich Spitäler, Aerzte, Apotheken sorgen machen alles aus China kommt und jetzt in der Coronakrise nur schwer lieferbar sind. Zuviel Abhängigkeit von anderen Ländern ist immer schlecht, man weiss ja nie was kommt....Hetzt haben wir es erfahren und leiden darunter. Zu hoffen bleibt, dass der Bund daraus gelernt hat.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Marcel Chauvet  (xyzz)
    Wenn der einzelne Mensch in diesem Ameisenstaat nicht mehr als eine Nummer ist, der der ständigen inhumanen staatlichen Überwachung mit Bonus/Malussystem unterliegt, Menschenrechte sträflich missachtet werden, dann sieht es für die wehrlose Tierwelt eben noch viel schlimmer aus. Einfach ekelerregend, der Doppelmoral wird noch eins drauf gesetzt, indem die aufdringliche chinesische Propaganda sich nichtsdestotrotz von der Schokoladenseite zeigen will und keinen Widerspruch duldet.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen