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Märtyrer der Monarchisten Die Russen mögen den Zaren – aber auch Lenin

Zehntausende pilgerten erneut zur Ruhestätte des ermordeten Zaren. Korrespondent Nauer beleuchtet den russischen Spagat.

Der letzte russische Zar.
Legende: Zar Nikolaus II. wurde vor 100 Jahren mit der Familie von den Bolschewiken erschossen. Keystone/Archiv

Die kommunistischen Bolschewiken waren rücksichtslos entschlossen vor 100 Jahren. Sie erschossen in der Nacht auf den 17. Juli den gefangenen Zaren Nikolaj II. und dessen Familie in einem Keller in Jekaterinburg. Dort versammelten sich diese Nacht Zehntausende und pilgerten 20 Kilometer zum Ort, wo die Leichen verscharrt wurden – heute ein Kloster. Russland-Korrespondent David Nauer zur Verklärung dieses Mannes und zur Suche der Russen nach ihren Wurzeln.

David Nauer

David Nauer

Russland-Korrespondent, SRF

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David Nauer ist Korrespondent von Radio SRF in Russland. Von 2006 bis 2009 hatte Nauer für den «Tages-Anzeiger» aus Moskau berichtet, anschliessend aus Berlin.

SRF News: Wie verlief die Prozession zu Ehren des letzten Zaren?

David Nauer: Es war eindrücklich. Angefangen hat alles mit einer russisch-orthodoxen Messe. Die anschliessende Prozession wurde vom Patriarchen und Kirchenoberhaupt Kyrill I. angeführt. Er wurde von vielen Geistlichen in prachtvollen Gewändern begleitet. Sie trugen zum Teil Ikonen. Dazu kamen Männer in historischen Uniformen und viele Frauen in traditionellen Röcken und Kopftüchern. Die Verehrung des letzten Zaren ist ein Massenphänomen geworden. Der Zar ist ja bereits auch ganz offiziell heiliggesprochen worden.

Legende: Video Die Verehrung des letzten Zaren ist zum Massenphänomen geworden abspielen. Laufzeit 01:10 Minuten.
Aus SRF News vom 17.07.2018.

Der Zar wird von seinen Anhängern regelrecht verklärt. Woher kommt das?

Das hat damit zu tun, dass viele Russen irgendwie nach ihren Wurzeln suchen. Das alte Russland ging mit der kommunistischen Revolution von 1917 unter. Nach dem Zerfall der Sowjetunion erlebt das alte Russland wieder eine kleine Renaissance. Gleiches gilt für die orthodoxe Kirche, die von den Kommunisten unterdrückt worden war. Sie knüpft nun wieder an ihre alte Rolle an, eine wichtige Rolle, die sie unter den Zaren hatte.

Zar.
Legende: Im Ipatjew-Haus in Jekaterinenburg waren der Zar und seine Familie monatelang gefangen. Imago/Archiv

Es ist wirklich sehr eindrücklich, wie präsent der letzte Zar jetzt ist. Als wäre er erst gestern umgebracht worden. Eine Frau sagte am russischen Fernsehen, ihre Augen seien voller Tränen, und sie weine um den unschuldig Ermordeten. Es ist also eine regelrechte Verklärung des Zaren und damit auch eine Verklärung der Vergangenheit.

Kann man die Sehnsucht nach dem alten Russland auch als Kritik an Kremlchef Putin verstehen?

Es ist eher das Gegenteil: Der Zar steht für den allmächtigen Herrscher, der uneingeschränkt regiert hat. Es wird also eine Art Tradition heraufbeschworen, die Putins autoritäre Rolle eher stärkt und eigentlich sogar legitimiert.

Der letzte russische Zar.
Legende: Vor 100 Jahren wurde Zar Nikolaus II. mit seiner Familie am Verbannungsort Jekaterinburg erschossen. Keystone/Archiv

Zarenverehrung und Stolz auf das ehemalige Sowjet-Imperium. Ist das nicht ein ideologischer Spagat?

Die Russen versuchen da tatsächlich etwas zusammenzubringen, das eigentlich gar nicht zusammengehört: Der Zar war gut, aber auch Lenin war gut, dessen Mumie bis heute als kommunistische Reliquie im Mausoleum auf dem Roten Platz liegt. Es ist eine sehr unkritische Art, die eigene Geschichte zu betrachten, die mir oft Mühe bereitet. Aber vielleicht geht es den Russen auch darum, sich mit dieser schwierigen und blutigen russischen Geschichte zu versöhnen und alles zusammenzubringen. Dafür nimmt man eben diesen Spagat in Kauf.

Das Gespräch führte Simon Leu.

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9 Kommentare

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  • Kommentar von Georg Benad (kreanga)
    Herr Planta ich staune über Ihre Kenntnisse von Russland.Ich vermute Sie verbringen den grössten Teil des Jahres in Russland,anders kann ich Ihren Kommentar nicht deuten.Oder haben Sie in Russland umfassende Umfragen durchgeführt ?
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  • Kommentar von Hans Bernoulli (H.Bernoulli)
    Klar mögen die Russen den Zaren und Lenin. Dies hat handfeste Gründe. Siehe z.B. den Historiker Antony C. Sutton, was er über die bolschewistische Revolution schrieb. Das relativ blühende Russland wurde durch diese zerstört. Wer dahinter steckte, das sollte man wissen, um die Geschichte und die Russen verstehen zu können. Es waren dieselben, welche sich daran machten, unter Jelzin das Land zu plündern.
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    1. Antwort von Christa Wüstner (Saleve2)
      Dabei war er der erste demokratisch gewählte Präsident der Sowjetunion. Er Stürzte das Land in eine schwere wirtschaftliche Krise. Und das ist erst 20 Jahe her. Sich aus diesem Tief wieder heraus zu arbeiten, ist ein Verdienst Russlands. Das sollte auch mal bedacht werden, wenn man eine Sanktion nach der anderen ausspricht. Es trifft wieder das Volk !
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  • Kommentar von T. H. Isaak (cuibono)
    Die Russen stehen zu ihrer Geschichte. Egal ob Zaristen oder Kommunisten, Demokraten oder Anarchisten. Die Geschichte - ob als gut oder schlecht interpretiert - gehört zu ihnen wie ihre DNA. Im übrigen ist Zar Nikolaus II. überbewertet. Die Zaren Alexander I. und II. waren für das Russische Reich viel bedeutsamer.
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