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International «Man wird Nebenstrecken in Italien weiter vernachlässigen»

Nach dem schweren Zugunglück in Süditalien brodelt es in den Sozialen Medien: Schuld am Unfall sei die marode Infrastruktur, die an Länder der Dritten Welt erinnere, heisst es etwa. Wie steht es wirklich um die Bahnen Italiens? Rolf Pellegrini, langjähriger Italienkorrespondent, gibt Auskunft.

SRF News: Wie steht es um die Infrastruktur des Schienenverkehrs in Italien?

Rolf Pellegrini: Auf den Nebenlinien, die geplagte Pendler und Studenten benutzen müssen, ist die Infrastruktur marode. Gut hingegen ist sie auf den Hauptlinien der Alta Velocità, den modernen, luxuriösen Hochgeschwindigkeitszügen.

Was ist bei den Regionalverbindungen das Problem?

Die Regionalzüge sind vor allem während des Berufsverkehrs von der Peripherie in die Stadtzentren und umgekehrt hoffnungslos überfüllt. Häufig sind sie schmutzig, die Türen klemmen, die Toiletten sind ekelhaft, Heizung und Klimaanlage funktionieren nicht und die Fenster können nicht geöffnet werden. Steht man da eng gedrängt zwischen den anderen Pendlern, ist man gereizt. Hat der Zug dann auch noch eine Havarie, wird der Fahrplan nicht eingehalten und ist die Verspätung so gross, dass man den Anschluss verpasst, dann kann einem schon der Kragen platzen. Man kann die braven Bürger verstehen, die aus Protest einen Bahnhof besetzen und die Schienen blockieren. Das sind keine Rowdies sondern Bürger, die man nicht ernst nimmt und die sich verschaukelt fühlen. Die offizielle Seite reagiert kaum auf diese Proteste. Es fehlt an Geld für den öffentlichen Lokalverkehr. Man hört aber auch keine Entschuldigung.

Das Unglück passierte auf einer eingleisigen, nicht automatischen Strecke, auf der die Stationsvorstände die Lokführer informieren sollten.

Es gibt einen Graben zwischen wenigen luxuriösen Schnellverbindungen und anderen, mehrheitlich ländlichen Zuglinien. Widerspiegelt das den Graben zwischen staatlichen und privaten Bahnen?

Die privaten Zugunternehmen arbeiten meistens im Auftrag von Provinzen und Regionen. Das trifft auch für das Unternehmen Ferrotramviaria zu, das einen Vertrag mit der Region Apulien hat, dort zwanzig Züge betreibt und für die Infrastruktur verantwortlich ist. Der frontale Zusammenstoss passierte auf einer eingleisigen Strecke, die nicht mit automatischen Blockierungsmechanismen funktioniert, sondern auf der die Stationsvorstände sich telefonisch auf dem Laufenden halten und die Lokführer informieren sollten. Es scheint, als ob da etwas schiefgelaufen ist. Das wird der Hauptgegenstand der verschiedenen Untersuchungen sein.

Welches sind die Reaktionen auf das Unglück?

Einer der beiden Züge hätte gar nicht sein dürfen, sagte der oberste Chef des Unternehmens lakonisch und ein bisschen unbedarft. Vielleicht war aufgrund des Schocks seine Ausdrucksfähigkeit eingeschränkt. Staatspräsident Sergio Mattarella sprach von einer unzulässigen Tragödie. Unzulässig und inakzeptabel in der Tat, denn seit acht Jahren gibt es das Projekt, die Linie auf der ganzen und nicht nur auf der halben Strecke zweigleisig zu führen. Die EU hatte gar 180 Millionen Euro für eine Gesamtsanierung bewilligt. Wie so häufig in Italien, geriet das Projekt aber in Verzug. Statt nun die neue Doppelgeleis-Strecke einweihen zu können, müssen erst die Ausschreibungen für die Arbeiten gemacht werden. Die Bauarbeiten sollen dann, so heisst es ein bisschen optimistisch, im nächsten Jahr beginnen. Ein bisschen optimistisch deshalb, weil wir alle die biblischen Zeiten kennen, die Italien braucht, um Projekte zu verwirklichen.

Die Alta Velocità hat Vorrang, weil sie ein Symbol für die Modernisierung Italiens ist und jeder Regierung Prestige einbringt.

Hat die italienische Regierung konkrete Pläne, die Zuginfrastruktur allgemein zu verbessern?

Pläne gibt es immer, allerdings nicht ausreichend Geld. Das Hauptproblem ist, dass das Schnellverkehrsnetz Alta Velocità noch nicht komplett ist. Im Süden fehlt die Anbindung von Lecce und auf der anderen Seite des Stiefels von Reggio Calabria. Die Alta Velocità hat Vorrang, weil sie ein Symbol für die Modernisierung Italiens ist und jeder Regierung Prestige einbringt. Zudem sichert sie den Betreibern dank hoher Ticketpreise gute Einnahmen. Der Ausbau des Lokalverkehrs mit seinen billigen Fahrscheinen für Kleinverdiener hingegen ist kein Vorzeigeprojekt und fährt die Kosten nicht ein. Deshalb wird man die Nebenstrecken weiterhin vernachlässigen. Mit Zynismus und Verachtung für den Normalbürger.

Das letzte grosse Zugunglück in Italien passierte im Jahr 2009: Damals explodierte ein Güterzug und tötete dreissig Personen. Die Verantwortung für den Unfall trägt bis heute niemand. Ist die Situation jetzt zumindest diesbezüglich eine andere?

Italien ist nicht das Land der Rechtssicherheit und zügiger Rechtsprechung. Untersuchungen sind umständlich gewunden und ziehen sich über Jahre hin. Wenn es dann zum Prozess kommt, ist der Grund dafür in der öffentlichen Meinung bereits im Nebel allgemeiner Vergesslichkeit verschwunden. Immerhin war der aktuelle Präsident der Region Apulien zuvor ein sehr tüchtiger und pragmatisch zupackender Staatsanwalt. Er scheint mir durchaus fähig zu sein, politisch den nötigen Druck auszuüben und dafür zu sorgen, dass die Untersuchungen zu diesem Zugunglück nicht versanden.

Das Gespräch führte Susanne Schmugge.

#PUGLIA: Der Unfall hätte vermieden werden können, schreiben viele:

Rolf Pellegrini

Rolf Pellegrini

Rolf Pellegrini war während Jahrzehnten für SRF, früher Schweizer Radio DRS, tätig. Unter anderem leitete er die «Echo»-Redaktion, war Frankreich- und zuletzt während mehr als einem Jahrzehnt Italienkorrespondent. Aktuell unterstützt er die SRF-Berichterstattung aus Italien.

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4 Kommentare

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  • Kommentar von Rolf Bolliger  (robo)
    Diese "Unglücks"-Bahnlinie ist (fahrbahnmässig) in einem Topzustand! Da gibt es bei uns viele Nebenlinien, auf denen das Gras wächst und längst neue Schotterung nötig wäre! Was leider, laut Rolf Pellegrini, fehlt, ist die automatische Zugsicherung auf dieser Strecke! Statt eine Doppelspur zu bauen, käme die Installation einer automatischen "Block-Sicherung" viel billiger und könnte schneller verwirklicht werden! (Dann könnte ein Signal nicht freie Fahrt zeigen, wenn die Strecke schon belegt ist)
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    1. Antwort von Adrian Flükiger  (Ädu)
      @Bolliger: Nun, da kann man für Sie nur hoffen, dass Sie - auch als Ex-Bähnler - richtig liegen. Das Problem scheint mir grundsätzlich primär darin zu liegen, dass diese Strecke nicht von der staatlichen FS betrieben wird. Deshalb: Hände weg von (zu viel) Privatbahnen, respektive der Privatisierung der Bahn im Allgemeinen. Die unrühmlichen Beispiele, vorab aus England, sind längst bekannt und effektiv nicht zur Nachahmung empfohlen.
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    2. Antwort von Rolf Bolliger  (robo)
      Ihre Hoffnung, dass die staatliche "FS" ihre Nebenlinien besser und sicherer befahren würden, als Privat-Unternehmer, ist eine rein ideologische Behauptung! Bei uns arbeiten zB.: die BLS oder die RhB oftmals viel effizienter, moderner und somit bestimmt nicht weniger sicher, als die SBB! Uebrigens ist die SBB (betrieblich) seit 16 Jahren kein Staatsbetrieb mehr. Die Trassen gehören dem Bund, wie die Autobahnen. Alle Bahnunternehmen bezahlen dafür Benützungsgebühren, je nach Km und Achsenzahlen!
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    3. Antwort von Urs Müller  (Confoederatio)
      Hwrr Bolliger, haben Sie den Unfall in Bad Aibling schon vergessen? Dort hat man den Beweis angetreten, wie einfach es ist, trotz vorhandener Technik, eine Fontalkollision zu verursachen. Mehr Sicherheit bringt nur ein Ausbau auf Doppelspur. Zudem deutet heller Schotter nicht zwangsläufig auf eine gute Fahrbahn hin.
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