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Mangelhafte Versorgung Eine von viertausend

Legende: Video Warum in den USA so viele Mütter sterben abspielen. Laufzeit 05:36 Minuten.
Aus 10vor10 vom 27.08.2018.

Ein neues Leben beginnt, ein anderes geht zu Ende. Dass Mütter bei der Geburt ihrer Kinder sterben, gehört in entwickelten Ländern grösstenteils der Vergangenheit an. Mit einer besorgniserregenden Ausnahme: den USA.

In den Vereinigten Staaten lag die Müttersterblichkeitsrate im Jahr 2015 bei 26,4. Das bedeutet: Bei 100'000 Lebendgeburten verlieren im Schnitt gut 26 Mütter ihr Leben, rund eine von 4000 Geburten überlebt die Mutter nicht. Das ergab eine Studie im Rahmen des Projekts «Global Burden Disease» der Universität Washington in Seattle.

So definiert die WHO die Müttersterblichkeitsrate

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Die Weltgesundheitsorganisation WHO versteht unter Müttersterblichkeit den «Tod einer Frau während der Schwangerschaft oder 42 Tage nach Schwangerschaftsende, [...] jedoch nicht wenn die Todesfälle auf Zufälle oder Versagen zurückzuführen sind.»

Die Müttersterblichkeitsrate misst die Zahl der Todesfälle von Müttern pro 100'000 Lebendgeburten. In Westeuropa liegt sie im Schnitt bei 7,2, in Nordamerika (insbesondere wegen der hohen Rate in den USA) bei 24,7, weltweit bei 195,7.

Eine Rate von rund 26, das sind Werte, wie sie in weitaus ärmeren und weniger entwickelten Ländern wie Kasachstan oder Costa Rica üblich sind. Zum Vergleich: Die Müttersterblichkeitsrate im Nachbarland Kanada liegt bei 7,3, in der Schweiz bei 5,8.

muettersterblichkeit

Für die USA zeichnet auch der Mehrjahrestrend ein düsteres Bild. 1990 lag die Sterblichkeitsrate bei 16,9 – bei 100'000 Geburten starben also fast zehn Mütter weniger als 25 Jahre später. In derselben Zeitspanne ist die Rate weltweit gesunken, und zwar in Industrie-, Schwellen- und Entwicklungsländern.

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Die Gründe für die hohe Müttersterblichkeitsrate in den USA seien vielfältig und noch nicht abschliessend untersucht worden, sagt Serina Floyd. Die amerikanische Gynäkologin sieht das Hauptproblem im Gesundheitssystem des Landes. Viele angehende Mütter hätten keine Versicherung oder seien unterversichert. So fehle der Zugang zu pränatalen Untersuchungen, welche überlebenswichtig sein können.

Legende: Video Serina Floyd: «Das Wichtigste ist der Zugang zur Gesundheitsversorgung» (engl.) abspielen. Laufzeit 00:17 Minuten.
Aus News-Clip vom 20.08.2018.

2016 verstarb die 38-jährige Kira Johnson kurz nach der Geburt ihres zweiten Kindes. In einem renommierten Spital in Los Angeles soll es zu Komplikationen beim Kaiserschnitt gekommen sein. Johnson verlor literweise Blut, zehn Stunden nach der Geburt war sie tot.

Mutter mit neugeborenem Kind
Legende: Kira Johnson hält ihr neugeborenes Kind in den Armen. Kurz darauf erliegt die Mutter den Geburtskomplikationen. ZVG

Ihr Mann Charles Johnson ist noch immer fassungslos. Nach dem Tod seiner Frau gründete er die Lobby-Organisation «4Kira4Moms». Seither zieht er durch die Staaten und wirbt auf dem politischen Parkett für eine bessere Gesundheitsversorgung von Müttern.

Er sieht die Ursache für die hohe Sterberate ebenfalls im US-amerikanischen Gesundheitswesen. Dieses konzentriere sich zu sehr auf den Profit und zu wenig auf die Patienten.

Legende: Video Charles Johnson: «Der Fokus auf Profit, nicht auf Menschen, ist der Hauptgrund» (engl.) abspielen. Laufzeit 00:12 Minuten.
Aus News-Clip vom 20.08.2018.

Kira Johnson war versichert, sie gehörte der gut situierten oberen Mittelschicht an. Und sie war Afroamerikanerin – und damit Teil einer Bevölkerungsgruppe, bei der die Müttersterblichkeitsrate besonders hoch liegt. Bei afroamerikanischen Frauen werden 44 Todesfälle pro 100'000 Geburten verzeichnet. Bei Frauen lateinamerikanischer Herkunft sind es 14, bei weissen Frauen 13 Todesfälle.

Woran sterben Mütter in der Schweiz? Das sagt die Expertin

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Katharina Quack Lötscher, Klinik für Geburtshilfe, Unispital Zürich
Legende:ZVG

Dr. med. Katharina Quack Lötscher ist Ärztin am Universitätsspital Zürich. Sie befasst sich in ihrer Forschungsarbeit mit Perinataler Epidemiologie, unter anderem mit mütterlicher Sterblichkeit in der Schweiz. Die Expertin für öffentliche Gesundheit weiss: Die Müttersterblichkeitsrate in der Schweiz nimmt dank medizinischer Fortschritte laufend ab.

SRF News: Wie viele Mütter sterben jedes Jahr in der Schweiz bei oder kurz nach der Geburt?

Katharina Quack Lötscher: Da muss man unterscheiden zwischen direkten, indirekten und Schwangerschafts-unabhängigen Todesfällen. Direkte Todesfälle resultieren als Folge von Komplikationen während Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett. Hier rechnen wir mit einer Sterblichkeitsrate von 3,05 pro 100'000 Lebendgeburten.

Das heisst, es handelt sich um eine tiefe einstellige Zahl an Müttern, etwa zwei bis drei pro Jahr. Die Ursachen sind Blutungen, Fruchtwasserembolien, Schwangerschaftsvergiftungen, Thrombo-Embolien und Infektionen.

Die Müttersterblichkeitsrate in der Schweiz ist sehr tief, sie ist mancherorts in Europa allerdings noch tiefer, etwa in Skandinavien, in Österreich oder in Italien. Gibt es dafür bekannte Gründe?

Nein. Wir haben ein sehr gutes Gesundheitssystem, die Schwangerschaft ist von Franchise und Selbstbehalt befreit. Daran sollte es nicht liegen. Es ist manchmal schwierig festzustellen, worin wirklich die Ursache für den Tod lag. Der Beurteilungsprozess wird in anderen Ländern unterschiedlich gehandhabt, was zu kleineren Unterschieden führen kann.

Welche Massnahmen gäbe es, um diese Quote weiter zu senken?

Bei Blutungen ist es wichtig, möglichst schnell zu reagieren, den Blutverlust richtig zu messen, die Handlungswege zu verkürzen. Hier wird viel unternommen. Auch bei der Thrombose-Prophylaxe gab es Verbesserungen. Wir haben in der Schweiz Fortschritte gemacht und Lehren aus den früheren Untersuchungen gezogen. Das zeigt sich auch an der Sterblichkeitsrate, die weiter abnimmt.

Bei welchen Frauen ist das Risiko am grössten?

Wir haben beobachtet, dass ältere Frauen häufiger betroffen sind. Grundsätzlich ist der Körper dazu ausgelegt, jünger schwanger zu werden. Zudem bekommen heute Frauen Kinder, welche früher gar nicht ins geburtsfähige Alter gekommen wäre, etwa Frauen mit Krankheiten oder Vorbelastungen. Sie gelten, je nach Vorerkrankung, als Risikogruppe.

Was kann eine schwangere Frau tun, um das Risiko zu senken?

Ich würde allen Schwangeren an Herz legen: Wenn Sie feststellen, dass Sie schwanger sind, kontaktieren Sie Ihren Arzt oder Ihre Ärztin frühzeitig, nehmen Sie die Schwangerschafts-Kontrollen wahr und halten Sie sich an die Empfehlungen Ihres Arztes oder Ihrer Ärztin. So lassen sich meist zeitnah Probleme erkennen, die Methode hat sich bewährt.

Das Gespräch führte Felix Bartos.

Für Hakima Payne ist die hohe Sterblichkeitsrate unter Afroamerikanerinnen Ausdruck eines systematischen Problems. Payne gründete die Hilfsorganisation Uzazi Village, sie bietet Gratiskurse für werdende Mütter an. Rund ein Drittel der Bevölkerung von Kansas City ist afroamerikanisch, überdurchschnittlich viele davon sind arm und unterversichert.

Legende: Video Hakima Payne: «Der Stress durch Rassismus wirkt sich auf die Organe aus» (engl.) abspielen. Laufzeit 00:29 Minuten.
Aus News-Clip vom 20.08.2018.

Der alltägliche Rassismus wirke sich auf afroamerikanische Mütter aus, so Payne. Das sei auch wissenschaftlich erwiesen worden. Diskriminierung löse Stress aus, welcher dazu führe, dass die Organe schneller altern. Das gelte auch für die weiblichen Geschlechtsorgane, was zu Komplikationen während der Schwangerschaft und bei der Geburt führen könne.

Auch Charles Johnson weiss um die hohe Müttersterblichkeitsrate unter Afroamerikanerinnen. Er zeigt sich resigniert: «Die Tatsache, dass man mich fragen muss, ob meine Frau sterben musste, weil sie Afroamerikanerin war. Das alleine ist schon ein Problem.»

Legende: Video Charles Johnson: «Wenn wir Mütter und Kinder nicht schützen können – was tun wir dann?» (engl.) abspielen. Laufzeit 00:12 Minuten.
Aus News-Clip vom 20.08.2018.

Die Frage nach der ethnischen Zugehörigkeit der verstorbenen Mütter ist für Johnson jedoch zweitrangig. Der Aktivist möchte die Gesundheitsvorsorge für alle werdenden Mütter in den USA verbessern. «Es gibt zwei Arten von Menschen, entweder du bist eine Mutter oder du hast eine», fasst Johnson zusammen. «Wenn wir die Mütter und Kinder in unserem Land nicht schützen können – was tun wir dann?»

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24 Kommentare

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  • Kommentar von Hans Bernoulli (H.Bernoulli)
    Die Gesundheitskosten pro Kopf betrugen gem. Weltbank 2014 in der CH $9'600, in den USA 9'400 in Russland 880, China 420, Italien 3'200, Frankreich 4'900 usw. Gemäss OECD zeigen die Daten für 2016 eine leichte Verschiebung auch zwischen den Ländern. Sollte im Falle der USA aber trotzdem zu denken geben: viel Geld für wenig Leistung. Ist übrigens auch bei der Rüstung so-> US-Armee zwar teuerste, aber niemals so viel wert.
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  • Kommentar von Walter Wieser (Walt)
    Nur ganz wenigen hier ist aufgefallen das die Statistik nur bis ende 2015 nachgefuehrt ist. Trump hat das Praesidium im Januar 2017 uebernommen. Trotzdem ist man sich einig das, wie ueblich, alles seine Schuld ist. Im uebrigen. Obamacare existiert immer noch, wenn auch nur als sterbender Schwan. Ebenso die von den Demokraten so hoch gelobte und subventionierte Planned Parenthood Steuergeld Vernichtungs Maschinerie.
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    1. Antwort von Albert Planta (Plal)
      Obamacare war nicht Teil des Problems sondern wollte das Problem lösen. Finden sie es generell richtig, dass in einem reichen Land den ärmeren Bevölkerungsschichten die Gesundheitsversorgungen vorenthalten wird?
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    2. Antwort von B. Moser (moser.b)
      @Albert Planta dies ist nicht die Frage! Sondern ich z.B. möchte wissen wie es unter einem schwarzen Präsidenten kommen konnte, dass sie Müttersterblichkeit gestiegen ist!? Und wie es sein kann das Obama trauerte wenn Schwarze erschossen wurden, jedoch nichts oder zuwenig gegen die Müttersterblichkeit unternahm? Diese Fragen werden im Artikel NIE aufgeworfen! Weil man sich dann der unangenehmen Realität stellen muss. Das Obama vielleicht ein sehr schlechter Präsident gewesen sein könnte.
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    3. Antwort von Michel Koller (Mica)
      @Moser: Die Rate steigt seit mehr als 20 Jahren aber genau wie man Manchen Trumpbashing vorwerfen kann, so geschieht dies eben auch bei Obama. Somit ist die Glaubwürdigkeit des Protestes eher gering. Das Gesundheitssystem in den USA ist seit Jahrzehnten schwer krank. Geld versickert und beschert Manchen grossen Profit. Das System zu erneuern gelingt bloss mit einem breiten, gesellschaftlichen Konsens und Kraftakt. Hiervon ist man allerdings sehr weit entfernt.
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  • Kommentar von Yvette Nick (Lebenstreuhand)
    Ich verstehe diesen Herrn, der seine Frau verloren hat und nun alleine mit den Kindern dasteht, aber es wäre doch interessant, ob dies nicht auch mit dem Alter der Mutter zu tun hat. Oder ist es heute nicht mehr sowieso ein Risiko, mit 38 ein Kind zur Welt zu bringen?? Die statistische Tatsache bleibt, aber dieses Beispiel ist für mich nicht gerade repräsentativ.
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