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Marode Schulen in Rom Wenn Schülern die Decke auf den Kopf fällt

Vor gut einem Monat stürzte in Genua die Morandi-Brücke ein. Seither spricht ganz Italien über den Zustand der Infrastruktur. Da gäbe es landauf und landab viel zu tun, zum Beispiel auch bei den Schulen. Viele sind marode.

Luciana Santoro ist ‘Preside’, also Präsidentin einer Schule weit draussen am Römer Stadtrand. Den Rundgang durch ihre Schule beginnt sie merkwürdigerweise auf dem Dach: «Das Dach ist der Ursprung des Übels. Es ist seit Jahren undicht. Viele Dachplatten sind lose oder kaputt».

Ab und zu wurden Glühbirnen oder Fensterglas ersetzt.
Autor: Luciana SantoroPräsidentin einer Schule in Rom

Die Schulpräsidentin nimmt eine der losen Keramikplatten in die Hand: «Hier und an vielen anderen Stellen dringt Wasser ein. Regnet es stark, dann tröpfelt es im Schulzimmer direkt darunter von der Decke.»

Luciana Santoro führt uns in genau dieses Schulzimmer. Der Deckenverputz hat sich breitflächig gelöst. Ein WC musste sie aus Sicherheitsgründen sperren lassen. Neben der Kloschüssel liegt Verputz. «Der ist während der Sommerferien von der Decke gefallen», sagt die Schulpräsidentin. An einigen Orten habe sich gar Schimmelpilz gebildet. Das sei auch ein hygienisches Problem.

Verwaltung stellt sich taub

Santoros Schule wurde erst vor 15 Jahren eingeweiht. Sie selber ist hier seit 11 Jahren Schulpräsidentin. «Seit ich hier bin, hat die Eigentümerin dieser Schule, die Stadt Rom, nur ganz wenig gemacht. Ab und zu wurden Glühbirnen oder Fensterglas ersetzt. Einen systematischen, regelmässigen Unterhalt gibt es aber nicht.»

Sie habe bei der Stadt interveniert, doch die Verwaltung reagiere einfach nicht, stelle sich taub. «Die Stadt hat das Gebäude vor Jahren auf seine Brandsicherheit kontrolliert, doch das entsprechende Zertifikat ist längst abgelaufen», klagt Santoro und macht einen Bogen um Keramikplatten, die lose auf dem Boden liegen. Ein paar Streifen Klebband halten sie notdürftig zusammen.

Mario Rusconi, der Schulleiter einer anderen Römer Schule und der Vorsitzende der regionalen Schulpräsidentenkonferenz, an seinem Schreibtisch.
Legende: «Oft blockiert die Bürokratie bereits finanzierte Bauprojekte», sagt Mario Rusconi. SRF

Mario Rusconi leitet eine Schule im Zentrum vom Rom und ist gleichzeitig der Vorsitzende der regionalen Schulpräsidentenkonferenz. «Vernachlässigte Schulen gibt es viele», sagt Rusconi. «Die Mehrzahl der staatlichen Schulen weisen Mängel auf: bei 80 Prozent wären Sanierungen nötig, bei rund 60 müsse man die Brandsicherheit neu prüfen.»

Korruptions-Kontrolle macht alles komplizierter

Bei rund 1'200 Schulen allein auf dem Gebiet der Stadt Rom kommt da viel Sanierungsbedarf zusammen. Doch es passiere wenig. Das Problem sei in vielen Fällen das Geld. Doch selbst wenn Geld da sei, laufe oft nichts: «Oft blockiert die Bürokratie bereits finanzierte Bauprojekte.» Seit ‘Mafia Capitale’, einem Korruptionsskandal, der in Rom tiefe Spuren hinterliess, sei alles noch komplizierter geworden. Wegen zusätzlicher Kontrollen gegen die Korruption.

Die Südtiroler haben habsburgische DNA im Blut.
Autor: Mario RusconiRömer Schulleiter und Vorsitzender der regionalen Schulpräsidentenkonferenz

Mario Rusconis Büro und die ganze Schule, die er leitet, machen einen sehr angenehmen, sehr gepflegten Eindruck. Was läuft hier anders? «Diese Schule ist privat. Die Eltern zahlen Beiträge und die kann die Schule direkt, ohne Bürokratie, investieren.» Darum sei hier alles bestens im Schuss. Tatsächlich schicken wohlhabende Eltern ihre Kinder zunehmend auf solche Privatschulen.

Zu wenig Sinn fürs Gemeinwohl?

Rusconi, der früher eine staatliche Schule leitete, fügt an, dass auch in Mittel- und Norditalien viele Schulen zu sanieren wären. Deutlich besser gehe es nur in einer Region, nämlich im mehrheitlich deutschsprachigen Südtirol: «Die Südtiroler haben habsburgische DNA im Blut», sagt Rusconi und fügt sogleich an, das sei ein Witz. Aber nicht nur.

Das weitgehend autonome Südtirol habe zwar auch mehr Geld. Dazu aber komme noch etwas anderes. In dieser Region sei auch der Bürgersinn besser entwickelt, der Sinn fürs Gemeingut, fürs Gemeinwohl, sagt Mario Rusconi. Genau daran fehle es anderswo in Italien.

Der Fall des «Liceo Virgilio»

Was geschehen kann, wenn unsanierte Schulhausdächer unsaniert bleiben, zeigt ein anderes Beispiel aus Rom. Vor einem Jahr blieben am Virgilio-Gymnasium zum Glück alle unverletzt.

Plötzlich klafft da ein grosses Loch. Im Oktober 2017, an einem Samstagmorgen, stürzt ein Teil des Ziegeldaches des Virgilio-Gymnasiums mitten in der Römer Altstadt ein. Mitten in einem exklusiven Quartier.

Die Schüler kommen mit dem Schrecken davon

Mehrere hundert Schüler befanden sich im Gebäudekomplex. Verletzt wurde beim Dacheinsturz glücklicherweise niemand.

Trotzdem liess die Schulleitung unverzüglich die gesamte Schule evakuieren und den Zustand sämtlicher Dächer kontrollieren.

Zuerst haben die Schüler gar nicht gewusst, warum sie das Gebäude Hals über Kopf verlassen mussten. Erst als auf den Handys die ersten Bilder des Loches zirkulierten, wussten sie, was geschehen war. Viele sind erschrocken oder haben sich schockiert über den Zustand ihrer Schule gezeigt.

Ex-Bürgermeister nimmt Tochter von Schule

Das Virgilio-Gymnasium, das nach dem altrömischen Dichter Vergil benannt ist, ist eine staatliche Schule. Das altehrwürdige Gymnasium steht in der Altstadt, in einem teuren, exklusiven Quartier. Viele der Schülerinnen und Schüler kommen aus gutbürgerlichen Familien.

Francesco Rutelli, ein ehemaliger Bürgermeister Roms, sagte nach dem Dacheinsturz, er habe seine Tochter schon vor Jahren von dieser Schule genommen, weil die Zustände dort unhaltbar seien.

Legende: Der Ort des Unglücks: Das Liceo Ginnasio Statale «Virgilio». SRf
Karte Italiens
Legende: Rom ist die Hauptstadt Italiens und der Region Latium an den Ufern des Flusses Tiber. SRF

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6 Kommentare

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  • Kommentar von A. Keller (eyko)
    In Italien war die Bürokratie schon immer ein Problem, auch zu guten Zeiten. Bereits finanzierte Bauprojekte werden um Jahre verschoben. Die Korruptionsskandale in Rom sind berüchtigt. Wohlhabende Eltern schicken ihre Kinder auf Privatschulen weil die Zustände der Staatsschulen unhaltbar sind, genau so unhaltbar der Zustand, dass weniger gut situierte Kinder in baufälligen Schulen das Nachsehen für ihre Bildung haben und vernachlässigt werden. Das wird sich in der Gesellschaft rächen.
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  • Kommentar von u. Felber (Keule)
    Na da weiss man doch wieder unsere top schulen und kindergärten zu schätzen. Selbst in luzern wo angeblich zu tode gespart würde....
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  • Kommentar von Sebastian Müller (sebmul)
    Vor vier Jahren sass ich an der Uni in Bern in einer Vorlesung. Im Raum stand ein Kessel um Wasser, das bei Regen durch die Decke drang, aufzufangen.
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