Meine Lehrerin heisst Mama

Wenn die Schule beginnt, gibt es in den USA eine kleine, aber wachsende Gruppe von Kindern, die zu Hause bleiben. Ihre Lehrer sind ihre Eltern. Denn die finden Heimunterricht besser für die Entwicklung ihres Nachwuchses. Manche Eltern verzichten sogar darauf, einem Lehrplan zu folgen.

Tania Tengan mit ihren Kindern Austin, der eine Albinoschlange hält, sowie Aria. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Lernen jenseits des Schulzimmers Tania Tengan mit ihren Kindern Austin und Aria sowie der Albinoschlange, eines ihrer zahlreichen Haustiere. Keystone

Tania Tengan wohnt mit ihrer Familie in einem Einfamilienhaus in Cupertino unweit der Konzernsitze von Google, Apple und Facebook. Ihr Sohn Austin ist achtzehnjährig, ihre Tochter Aria ist vierzehn. Austin war nur kurz in der Schule, Aria nie.

Die Mutter sagt: «Ich wollte, dass die Kinder Zeit haben, um sich selber kennen zu lernen und zu entdecken, was sie wirklich interessiert. In der Schule wird einem befohlen, was zu lernen ist und wann.» Deshalb entschied sich die Mutter, ihre Kinder selber lernen zu lassen, anstatt sie zu unterrichten. «Wir gingen oft in den Zoo oder das Aquarium», erklärt Tengan, «die Kinder lernten auch alleine. Es sieht nicht wie Schule aus, aber sie lernen viel.»

Die Familie unterhält zu Hause ein kleines Tierheim: heimatlose Wellensittiche, Papageien, Eidechsen, Schlangen, Spinnen und andere Lebewesen wohnen dort. Austin und Aria hielten schon als kleine Kinder Vorträge an Schulen und nahmen an Tierschutzinitiativen teil. Sie gewannen vor vier Jahren einen Preis für junge Menschen, die sich für den Umweltschutz engagieren.

In der Region um San Francisco versuchen Eltern, ihre Kinder so früh und so intensiv wie möglich zu fördern, damit sie eine Chance haben auf dem knallharten Arbeitsmarkt. Tania Tengan aber tat genau Gegenteil. Angst, dass ihre Kinder etwas verpassen, hat sie nicht. Sie ist zuversichtlich, dass ihre Kinder ihre Träume verwirklichen werden, auch wenn sie die Schulzeit zu Hause verbracht haben.

«  Junge Menschen ohne Schulbildung lernen was sie brauchen. »

Peter Gray
Professor für Psychologie am Boston College

Unschooling ist selten, auch wenn es zunimmt. In den USA werden etwa 3.4 Prozent der Kinder zu Hause unterrichtet. Laut Schätzungen sind zehn Prozent davon «unschooled», entscheiden also selber, was sie lernen wollen, ohne einem Lehrplan zu folgen. Sie stammen meist von gut gebildeten Eltern, die alternative Vorstellungen über die Gesellschaft haben.

Peter Gray ist Professor für Psychologie am Boston College. Er studiert das Phänomen seit Jahrzehnten und stellt fest: «Alle jungen Menschen, die ohne Schulbildung aufwachsen, lernen das, was sie brauchen.» Die angeborene Neugier werde den Kindern in der Schule ausgetrieben. Indem man die Kinder zwinge, in einem Rhythmus zu lernen, der ihnen nicht entspreche. Als Universitätsprofessor sehe er das Resultat: Schulabgängerinnen und Schulabgänger seien oft ausgebrannt und empfänden Lernen als Zwang. Bei Unschooling-Jugendlichen sei das ganz anders: Lernen mache ihnen Spass.

So sehen das auch die Kinder von Tania Tengan. Austin möchte Zoologe werden. Und büffelt nun im Selbststudium: mit Hilfe von Büchern und Youtube-Filmen, um die Prüfung für die Universität bestehen zu können. Seine Chancen sind intakt, auch wenn er seit zwölf Jahren nie mehr in einem Schulzimmer sass.