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Militärdienst statt Revolte Marokko ruft die Jugend zu den Waffen

Im Königreich grassieren Arbeits- und Perspektivlosigkeit. Rabat reagiert mit einer ungewöhnlichen Massnahme.

Legende: Audio Marokko führt Wehrpflicht wieder ein abspielen. Laufzeit 04:45 Minuten.
04:45 min, aus SRF 4 News aktuell vom 22.08.2018.

Kehrtwende in Marokko: 12 Jahre nach seiner Abschaffung wird der obligatorische Militärdienst wiedereingeführt. Demnach sollen junge Männer ab 18 künftig einen zwölfmonatigen Militärdienst leisten müssen.

Rabat geht es nicht darum, die Schlagkraft seiner Streitkräfte zu stärken, wie Beat Stauffer, SRF-Mitarbeiter im Maghreb, berichtet: «Die Armee braucht diese jungen Leute nicht. Es handelt sich um eine erzieherische Massnahme.»

Beat Stauffer

Beat Stauffer

freier Journalist, Buchautor

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Beat Stauffer berichtet als freischaffender Journalist für verschiedene Medien aus Nordafrika. Er ist auch als Buchautor, Kursleiter und Referent tätig.

So soll mit der Wiedereinführung der Wehrpflicht, wie das Königshaus in einem Communiqué verkündet, der «Patriotismus unter der jungen Generation gefördert werden.»

Extrem hohe Jugendarbeitslosigkeit

Dieser dürfte in den letzten Jahren tatsächlich Schaden genommen haben. Die prekäre Wirtschaftslage im Land speist den Unmut unter der jungen Bevölkerung des Maghreb-Staats. Wiederholt hat er sich in Strassenprotesten und Grossdemonstrationen entladen.

Strassenkrawalle in Al-Hoceima im Sommer 2017.
Legende: Im Norden des Landes rumort es seit zwei Jahren, zuletzt haben sich die Proteste intensiviert. Im Bild: Strassenkrawalle in Al-Hoceima im Sommer 2017. Reuters

Stauffer bestätigt: «Der Hauptgrund für die Wiedereinführung der Wehrpflicht ist die extrem hohe Jugendarbeitslosigkeit.» Laut offiziellen Zahlen sind vier von zehn Jugendlichen in Marokkos Städten ohne Arbeit. Die Weltbank beziffert die Jugendarbeitslosigkeit im nordafrikanischen Königreich auf fast 30 Prozent.

Eine vielsagende Passage im offiziellen Papier des Königshauses nennt als Ziel der Initiative «die Integration ins berufliche und soziale Leben». Zudem sollen Disziplin und Bürgersinn gestärkt werden.

Wir dürfen nicht mehr zulassen, dass unser Bildungssystem Legionen von Arbeitslosen fabriziert.
Autor: Mohammed VI.König von Marokko

Auch an anderer Stelle versucht Rabat, der gebeutelten Jugend neue Perspektiven zu eröffnen. Die Massnahme wurde gleichzeitig mit der Reform des Bildungswesens verkündet. Unter anderem soll die Schulpflicht vom 15. auf das 16. Lebensjahr erhöht werden, begleitet von einem «leistungsfähigeren pädagogischen Modell», so das offizielle Bulletin des Königshauses.

So weit, so vage. Deutlicher wurde König Mohammed, der seit 1999 regiert: «Wir dürfen nicht mehr zulassen, dass unser Bildungssystem Legionen von Arbeitslosen fabriziert», sagte er am Montag. Weiter drückte der König seine «Konsternation» über die hohe Zahl an Arbeitslosen unter der jungen Generation aus.

Militärdienst als Beschäftigungstherapie?

Dem König gehe es auch darum, der mitunter jahrelang untätigen Jugend, die teils auch kriminell werde, eine Aufgabe zu geben, sagt Stauffer. Die royale Initiative zielt denn auch nicht auf die «goldene Jugend» ab, also junge Menschen aus begüterten Familien.

Wie Stauffer schildert, repräsentiert sie das «andere» Marokko: In der Metropole Marrakesch etwa zelebriere sie ihr Leben in Saus und Braus und fahre in Luxuskarossen vor: «Das ist eine gewaltige Provokation für die Jugendlichen, die keinen Zugang zu diesen Dingen haben.»

Stauffer zweifelt an, dass auch die «goldene Jugend» Militärdienst leisten muss. Bis jetzt hatten sich diese Kreise immer um derartige Verpflichtungen drücken können.

Zweifel am Sinn des Unternehmens

Darüber, ob der Dienst am Vaterland Zukunftsperspektiven und Bürgersinn schaffen kann, sind die Meinungen im Land geteilt. Für herumlungernde Jugendliche könne Disziplin und Struktur womöglich tatsächlich förderlich sein, so Stauffer.

Aber: «Die Armee verfügt nicht über die nötigen Strukturen, um diesen jungen Menschen eine Ausbildung zu geben.» Was es brauche, um im Leben erfolgreich zu sein, könne die Armee kaum vermitteln, schliesst Stauffer.

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8 Kommentare

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  • Kommentar von Peter Imber (Wasserfall)
    Es scheint mir weiter auch, dass da wieder mal nur an die Jungs gedacht wird und die Mädchen / jungen Frauen aussen vor bleiben müssen...
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  • Kommentar von Peter Imber (Wasserfall)
    Denke, da gäbe es sinnvollere Arbeiten und Aufgaben, welche diese Jugendlichen ausführen könnten statt 12 Monate Militärdienst zu schieben und zu lernen, wie zu schiessen. Ich denke da an soziale Arbeiten, Meerstrände etc. von Unrat befreien, in der Landwirtschaft eingesetzt werden etc. etc. Also Dienste aus denen das Land einen direkten Gewinn ziehen würde, sei es im Dienstleistungssektor oder in seiner Infrastruktur.
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  • Kommentar von Esther Siefert (E.S. (parteilos))
    Die Gründe für die Arbeitslosigkeit in Marokko hat wohl viele Facetten. Wenn man aber weiss, dass im Anti-Atlas + in der Saharagegend, die Bevölkerung (Fam.) von ca. 200 - 300 €/Mt. leben muss + ein Hotel-Zimmer im "Norden" locker 150 €/ Nacht kostet, muss man sich nicht wundern, wenn im eigenen Land die Unzufriedenheit wächst, Die Jungen wandern gezw.-massen von S nach N + versuchen dort Arbeit zu finden - es gibt aber auch dort kaum Arbeitsplätze + die Bildung ist immer noch auf tiefem Niveau
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