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Missbrauch in England Verführt, missbraucht und in die Prostitution gezwungen

Legende: Video Missbrauchsskandal in Rotherham abspielen. Laufzeit 05:18 Minuten.
Aus 10vor10 vom 11.09.2018.
  • Über Jahre sollen Hunderte Männer in mehreren englischen Städten Teenager von sich abhängig gemacht und dann ausgebeutet haben.
  • Seit dieser Woche stehen in Grossbritannien wieder drei der mutmasslichen Täter vor Gericht.
  • Die Fälle sind politisch brisant, da es sich bei den Angeklagten meist um Männer pakistanischer Herkunft handelt. Die Justiz schien lange wegzuschauen.

Missbrauch und Vergewaltigung von mindestens 1400 Teenagern über Jahre hinweg durch mehr als 100 Täter – das haben die Ermittlungen im Fall Rotherham ergeben, der weltweit Schlagzeilen machte. Mehrere Täter wurden bereits verurteilt, diese Woche stehen wieder drei Angeklagte vor Gericht.

Schläge, Drogen, Drohungen

Ein Missbrauchsopfer aus Rotherham ist Sammy Woodhouse. Die Frau ist heute 32 Jahre alt. Sie hat ihre Geschichte aufgeschrieben und als Buch publiziert: «Als ich ihn kennenlernte, war ich 14 Jahre alt. Er war 24, sah gut aus, hatte Designerkleider an, war lustig. Er sagte die richtigen Sachen, machte mir Komplimente. Ich habe mich einfach in ihn verliebt.»

Missbrauchsopfer Sammy Woodhouse setzt sich heute für die Missbrauchsprävention ein.
Legende: Missbrauchsopfer Sammy Woodhouse setzt sich heute für die Missbrauchsprävention ein. SRF

Der 24-jährige Brite pakistanischer Herkunft ist geschickt: Er beschenkt sie, lädt sie zu Partys ein. Aus der Verliebtheit wird eine Beziehung. Sie hat regelmässig Sex mit ihm, auch gegen ihren Willen. Sie denkt, dies sei normal. Sie wird ihm hörig und haut ab von zuhause, auf ihre Eltern hört sie nicht.

Der 24-Jährige nimmt sie mit auf Diebestouren und gibt ihr Drogen. Aber er schlägt sie auch. Als sie ihn verlassen will, droht er, sie einen Abhang hinunterzuwerfen. Mit 15 wird sie Mutter.

Behörden taten nichts

Ihr Fall hat eine riesige Untersuchung angestossen. Genauso entsetzlich wie die Taten selber ist das Wegschauen der Behörden. Die Polizei hätte mehrmals eingreifen können, beispielsweise als die beiden beim Sex erwischt wurden. «Die Polizei machte eine Razzia im Haus. Aber nicht er, sondern ich wurde festgenommen. Er hatte mir vorher eine Waffe in meine Tasche gesteckt, deshalb haben sie mich mitgenommen.»

Aus deren Sicht waren wir einfach kleine Schlampen, die ständig zu diesen Typen zurückkehrten. Aber wir waren Kinder, die missbraucht wurden.
Autor: Sammy WoodhouseMissbrauchsopfer

Sammy Woodhouse war nicht das einzige betroffene Mädchen in der Stadt. Für die Polizei waren diese Mädchen jedoch längst Jugendliche, die immer wieder Schwierigkeiten machten. «Aus deren Sicht waren wir einfach kleine Schlampen, die ständig zu diesen Typen zurückkehrten. Aber das waren wir nicht. Wir waren Kinder, die missbraucht wurden.»

Viele Städte betroffen

Der Täter von Sammy Woodhouse war nicht der einzige. Schätzungen gehen alleine in Rotherham von über 100 Tätern aus, mehrheitlich pakistanischer Herkunft. Über Jahre verführten sie die Mädchen, missbrauchten sie, schlugen sie, trieben sie in die Prostitution.

Vielleicht kannten die Behörden nicht das ganze Ausmass, doch die Problematik war bekannt. Offensichtlich fehlte es an Mut zur systematischen Aufklärung. Dabei dürfte auch die Befürchtung, als rassistisch zu erscheinen, eine Rolle gespielt haben.

Doch vor einigen Jahren werden erste Fälle von den Medien aufgedeckt. Nach und nach wird in Grossbritannien deutlich: Rotherham war längst nicht die einzige Stadt. Telford, Newcastle, Oxford, Rochdale – mindestens zehn Städte sind betroffen. Das gesamte Ausmass ist bisher nicht bekannt, viele Fälle liegen Jahre oder Jahrzehnte zurück.

Rechte Gruppierungen profitieren

Durch die ersten Verurteilungen in vielen Städten wurde deutlich, dass das Muster in über 80 Prozent der Fälle dasselbe ist: Gruppen von Männern pakistanischer Herkunft, die Teenager-Mädchen ausbeuten. Wegen der mangelnden öffentlichen Diskussion haben rechte Gruppierungen angefangen, das Vakuum zu füllen. Sie demonstrieren bei Gerichtsverhandlungen und rufen Hasstiraden. Die Videos stellen sie ins Internet.

Die Behörden in Rotherham wollten vor der Kamera keine Stellung nehmen. Sie beteuern aber, dass Opfer heute Gehör fänden. Einzelne handeln, aber eine umfassende Aufarbeitung hat im Land kaum stattgefunden. Die grosse Herausforderung ist es, weder in rassistische Denkmuster zu verfallen, noch Wahrheiten unter den Teppich zu kehren.

All den Schmerz, den ich durchlebt habe, ergibt so einen Sinn.
Autor: Sammy Woodhouse

Sammy Woodhouse hat diese Aufklärung zu ihrem Job gemacht. Sie führt Workshops durch, geht mit ihrem Buch in Schulen – auch in muslimische – und klärt auf. Diese Aufgabe gebe ihr Kraft: «All den Schmerz, den ich durchlebt habe, ergibt so einen Sinn. Meine Erlebnisse können anderen Opfern helfen und neuen Missbrauch verhindern.» Sammy Woodhouse hat vieles verarbeitet und für sich Lösungen gefunden. Vielen Opfern und dem Land selbst steht dies noch bevor.

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24 Kommentare

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  • Kommentar von Hanspeter Müller (HPMüller)
    Grossbritannien hat ein grosses Problem mit den Schichten der Einheimischen.Die Oberschicht sorgt mit teuren Eliteschulen und Eliteuniversitäten dafür,dass sie unter sich bleiben.Wer in der Unterschicht geboren wird,wird höchstwahrscheinlich das bleiben, weil schon die Sprache die Herkunft verrät und eine vernünftige Ausbildung an einer staatlichen Schule meist nicht möglich ist.Unaufgeklärte Missbrauchskandale mit Unterschichtkindern gibt es darum auch mit einheimischen Promis, zB Jimmy Savile
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  • Kommentar von M. Kaiser (Klarsicht)
    Die Geheimdienste FBI und MI5, MI6, GQHR mit ca. 20 000 Leuten, sitzen lieber am PC und jagen virtuelle Verbrecher -anstatt die realen Täter, die sich mit realen Verbrechen ihr grosses Geld verdienen, wie dieser Fall wieder einmal mehr als deutlich zeigt ! Unglaubliche Fehlleistungen dieser Organisationen , die sich auch selbstherrlich bewegen und in harmlose Fälle von Kleinbürgern ihre Nase rein stecken .
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    1. Antwort von Hans Bernoulli (H.Bernoulli)
      Bemerkenswert, in der Tat! Wieviel Macht und Geld haben diese Kreise für den "Krieg gegen den Terror" erhalten? Wenn das nicht so gewollt ist... Oder einfach: man will seine Verbündeten, die Saudis u.a. Ölmonarchien, nicht vergraulen. Oder man ist mit den tagespolitischen Machenschaften, z.B. gegen einen ungeliebten Präsidenten, eine ungeliebte fremde Regierung usw. zu beschäftigt.
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  • Kommentar von Stefan Trasser (chiggifan)
    Mir wird schlecht... das ist etwas vom hässlichsten, was ich seit langem gelesen habe. Trotzdem danke für die Berichterstattung, ein sehr wichtiger Artikel. Ich kann gar nicht sagen, wie leid mir die Opfer tun. Es ist aber auch wichtig zu sehen, wozu politische Korrektheit führen kann. Und das gilt nicht nur bei Ausländern. Auch beim Feminismus, Rechte für Minderheiten... man kann einfach zu weit gehen, und dann leidet die Mehrheit, auf Grund der geschützten Minderheit.
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