Mit dem Ferienflieger in den Krieg – dank offener Grenzen

Der Vormarsch der Terrormiliz Islamischer Staat in Irak und Syrien setzt auch das Nachbarland Türkei unter Druck. Berichte häufen sich, wonach Dschihadisten aus dem Westen via Türkei in die Kampfgebiete geschleust werden. Der Journalist Thomas Seibert in Istanbul kennt ihre Routen.

Ein Flugzeug der Turkish Airlines am Flughafen von Antalya, durch ein Flugzeugfenster gesehen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Dschihadisten sollen sich auch unter den Touristen an Bord der Ferienflieger nach Antalya befinden. Reuters

SRF: Offenbar nutzen die IS-Kämpfer die türkischen Grenzregionen im Süden in aller Offenheit als Rückzugsraum. Warum sind die Grenzen derart durchlässig?

Die Türkei und ihr IS-Problem

3:26 min, aus SRF 4 News aktuell vom 28.08.2014

Thomas Seibert: Die Grenzen sind offen, weil die Türkei gegenüber den syrischen Flüchtlingen eine Politik der offenen Tür verfolgt. Das heisst, alle Flüchtlinge aus Syrien werden vorerst aufgenommen. Die islamistischen Kämpfer können sich unter die Flüchtlinge mischen, weil sie wissen, dass die Türken auf ihrer Seite der Grenze nicht unbedingt jeden kontrollieren. Ausserdem handelt es sich um eine 900 Kilometer lange Grenze. Da sind wirksame Kontrollen ohnehin schwierig.

Das gilt für Kämpfer, die aus Syrien zurückkommen. Es gelangen aber auch neue Dschihadisten aus dem Westen über die Türkei in die Kampfgebiete...

Das stimmt. Es gibt mindestens zwei Routen. Die eine führt über Istanbul. Westliche IS-Kämpfer reisen als Touristen nach Istanbul, werden da von Mittelsmännern in Empfang genommen und dann an die Grenze gebracht – entweder wieder mit dem Flugzeug oder mit Fernbussen. An der Grenze werden sie in kleinen Gruppen von drei bis fünf Kämpfern über die grüne Grenze nach Syrien hinein geführt. Die zweite Route führt über die türkischen Feriengebiete an der Südküste, besonders über Antalya. Diese Dschihadisten benutzen Ferienflieger dahin, und reisen von dort aus mit dem Bus an die Grenze.

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Thomas Seibert

Thomas Seibert

Der Journalist Thomas Seibert ist USA-Korrespondent des «Berliner Tagesspiegels». Zuvor berichtete er während 20 Jahren für verschiedene Zeitungen und Radiosender aus der Türkei.

Sie sprechen von Mittelsmännern: Könnte die Türkei diese Unterstützerszene nicht besser kontrollieren?

Das sagen viele Kritiker hier in der Türkei und auch im Westen. Die türkische Regierung sieht sich aber in einer schwierigen Situation. Seit Juni halten die IS-Milizen 50 türkische Geiseln in ihrer Gewalt. Das sind Geiseln, die ihnen in der nordirakischen Stadt Mossul in die Hände gefallen sind. Einzelne IS-Vertreter haben auch mit Anschlägen in der Türkei gedroht. Es gab auch schon Tote in der Türkei durch den IS: Im März waren drei solche Dschihadisten – einer von ihnen war ein Schweizer aus dem Kanton Aargau – nach einem Kampfeinsatz in Syrien auf dem Weg nach Hause, nach Europa. Sie blieben in Zentralanatolien in einer Strassenkontrolle hängen und haben drei Türken erschossen. Die Täter sitzen jetzt im Gefängnis und sollen vor Gericht gestellt werden.

«  Kritiker glauben, dass sich die türkische Regierung vom IS erpressen lässt. »

Thomas Seibert
Journalist, Istanbul

Das heisst, die Türkei hat schon eigene, blutige Erfahrungen mit dem IS gemacht. Aus diesem Grund geht die Türkei relativ milde mit den Dschihadisten um. In Istanbul zum Beispiel gab es vor einigen Wochen sogar ein Treffen unter freiem Himmel von mehreren hundert Anhängern der IS-Milizen, ohne dass die Polizei einschritt. Kritiker glauben, dass sich die alte Erdogan-Regierung – und die neue unter Davutoglu – vom IS erpressen lässt.

Das Gespräch führte Barbara Büttner.